Vogelschutz

Dichtestress am Zürichsee: Fremde Möwe verdrängt einheimische Vögel

Im Winter und im Vorfrühling kann man die stolze Mittelmeermöwe besonders gut am Rapperswiler Schiffsteg beobachten.

Im Winter und im Vorfrühling kann man die stolze Mittelmeermöwe besonders gut am Rapperswiler Schiffsteg beobachten.

Die Mittelmeermöwe nimmt überhand am Zürichsee. Lachmöwe und Flussseeschwalbe sind akut gefährdet. Während der Kanton St. Gallen die bedrohten Arten fördert, hält sich der Kanton Zürich zurück.

In den 1970er-Jahren sind im Kaltbrunner Riet in der Linthebene über tausend Paare Lachmöwen gezählt worden. Jetzt gibt es dort keine mehr. Um das Überleben der einheimischen Möwenart zu sichern, haben die Stadt Rapperswil-Jona und der Kanton St. Gallen ein Projekt gestartet. Mit Gittern soll auf einer künstlichen Brutplattform vor der Hochschule für Technik das Brüten von Mittelmeermöwen verhindert werden. In diesen Tagen werden die Gitter entfernt, um Platz zu machen für die Lachmöwen, die jetzt zu brüten beginnen.

Zudem hat das Unternehmen Robin Habitat beim Holzsteg ­kleine Plattformen gebaut, auf denen die Lachmöwen brüten können. Klaus Robin, ehemaliger Dozent für Wildtierökologie an der ZHAW Wädenswil, zieht eine erste positive Bilanz: Bereits sei die Hälfte der Nester mit hiesigen Vögeln besetzt.

Von der EU in die Schweiz

Robin erklärt den Grund für ­ das Vordringen der vor allem aus Südfrankreich stammenden Mittelmeermöwen mit der EU-Gesetzgebung: Weil diese Müllhalden verbietet, fallen für die Grossmöwe Futterplätze weg. Aus diesem Grund sucht sie alternative Futterquellen in anderen Ländern.

Unterdessen fordern Vogelschutzvereine am Obersee die Aufhebung des Schutzes der Mittelmeermöwe: Der absolute Schutz sei nicht mehr gerechtfertigt, denn hier gefährde eine zwar natürlich eingewanderte Art ihre körperlich schwächeren Verwandten. Dieses Problem müsse vom Bund als Gesetzgeber unverzüglich angegangen werden.

Im Kanton Zürich sieht man dem Problem gelassener entgegen; vor allem, weil im Zürcher Teil des Zürichsees viel weniger Brutplätze vorhanden sind als am Obersee. «Wir haben natürlich schon einzelne Mittelmeermöwen gesichtet», sagt Urs Philipp, Leiter der Jagd- und Fischereiverwaltung des Kantons Zürich. «Aber bei uns ist die Eroberung der Brutplätze noch kein grosses Thema.» So hat der Kanton Zürich auch abgesagt, als er von St. Gallen angefragt wurde, sich an der Abschreckung der Tiere zu beteiligen.

Keine Gefahr

Auch Martin Weggler ist der Meinung, dass die Mittelmeermöwe, wenn überhaupt, nur punktuell bekämpft werden sollte. Weggler ist Geschäftsführer der Firma Orniplan mit Sitz in Zürich, ein Beratungsbüro für Naturschutzfragen. «Die Mittelmeermöwe ist auf natürliche Weise eingewandert und stellt im unteren Zürichsee derzeit keine Gefahr dar.» Da im Bezirk Horgen oder Meilen keine Lachmöwen brüten, hat die Mittelmeermöwe Platz, sich auszubreiten. Sie sei schon die letzten beiden Jahre als Brutvogel in Wädenswil, bei der Vorderau beobachtet worden.

Ein Problem könnte sich bei den geschaffenen Nistmöglichkeiten für Flussseeschwalben in den Gemeinden Horgen und Wädenswil ergeben. «Die Brutplattformen wurden gebaut, um die Flussseeschwalbe weiter den Zürichsee hinabzulocken. «Dort könnte es zur Konkurrenz mit der Mittelmeermöwe kommen», sagt Martin Weggler. Es sei jedoch so, dass Flussseeschwalben noch spät im Jahr ansiedeln können, wenn die Mittelmeermöwen gleichenorts ihr Brutgeschäft bereits beendet hätten.

Allerdings beobachtet laut Urs Philipp auch der Kanton Zürich das Treiben der Mittelmeermöwen: «Wenn lokal der Radau um die Brutplätze zu gross wird, wären wir allenfalls bereit, etwas zu unternehmen.» Auch in Zürich würde man dann zuerst mit Gittern versuchen, die Tiere am Brüten zu hindern.

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