Zürich
Deutsche leiden unter dem Teutonen-Klischee

Deutsche müssen häufig unten durch, findet Michael Engler, der seit Jahren hier lebt. Er rief deshalb eine Selbsthilfegruppe ins Leben, die sich jetzt erstmals getroffen hat.

Marius Huber
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Michael Engler will in einer Selbsthilfegruppe erreichen, dass Deutsche und Schweizer auf menschlicher Ebene aufeinander zugehen.

Michael Engler will in einer Selbsthilfegruppe erreichen, dass Deutsche und Schweizer auf menschlicher Ebene aufeinander zugehen.

Keystone

Selbsthilfegruppen liefern in der Regel nicht den Stoff, der die Medien elektrisiert. Wenn nun also der Initiant einer solchen Gruppe von allen Zürcher Radios bestürmt wird, von Fernsehsendern, Zeitungen und sogar Reportern aus der Westschweiz, dann muss das am Thema liegen: Der 54-jährige Michael Engler hatte zur Selbsthilfe für Deutsche aufgerufen, die in Zürich leben. Viele seiner Landsleute würden unter der rüden Behandlung durch die Schweizer leiden, begründete er dies. Damit traf er offenbar einen Nerv.

Erstes Treffen unter Auschluss der Öffentlichkeit

Trotz des überschäumenden Interesses ging ein erstes Informationstreffen am Dienstagabend unter Ausschluss der Öffentlichkeit über die Bühne, zum Schutz der Teilnehmer. Zwei Expertinnen vom Zürcher Selbsthilfecenter hatten im Vorfeld dafür gesorgt, dass sich keine Medienschaffenden unters Publikum mischten – und es noch in anderer Hinsicht gefiltert: Weil Engler explizit auch Schweizer willkommen geheissen hatte, stellten sie sicher, dass nur solche mit einer «wertschätzenden Haltung» gegenüber Deutschen Zutritt bekamen.

30 Interessierte am ersten Treffen

Zu emotionalen Diskussionen kam es im Verlauf des Abends trotzdem, wie Désirée Kellner vom Selbsthilfecenter auf Anfrage sagt. 30 Interessierte waren dem Aufruf gefolgt, darunter auch 8 Schweizer. Die Ansichten, welche Themen es auf welche Weise zu beackern gilt, gingen entsprechend auseinander.

Als zum Beispiel die angebliche Mitschuld der Deutschen am überhitzten Wohnungsmarkt zur Sprache kam, empörte sich eine Deutsche, über solche Klischees möge sie nicht diskutieren – schliesslich finde sie selbst auch keine Wohnung.

Ungeachtet einzelner Dissonanzen zieht Michael Engler ein positives Fazit. Sein oberstes Ziel ist es, das allgegenwärtige Stereotyp vom arroganten Teutonen ins Wanken zu bringen, indem er Deutsche und Schweizer dazu bringt, auf menschlicher Ebene aufeinander zuzugehen. Ein erster Schritt ist getan: Elf der Teilnehmer wollen sich erneut treffen, darunter solche mit Schweizer Pass. Das genügt, um die Selbsthilfegruppe definitiv zu gründen.

Viele ziehen sich zurück

Ein zentrales Problem, mit der sich diese befassen wird, ist eines, das nach Ansicht mancher Fachleute gar nicht besteht: die Integration. Engler widerspricht Einschätzungen wie jener der Stadtzürcher Integrationsförderung, wonach die meisten Deutschen sich über kurz oder lang ganz von selbst in die hiesige Gesellschaft eingliederten.

Es gebe eben nicht nur die exponierten Chefärzte und Unidozenten, von denen immer alle redeten, gibt er zu bedenken. Viele der Deutschen seien Normalbürger, die zum Teil fast unsichtbar seien, weil sie sich in ihre Häuser zurückzögen. «Es muss zu denken geben, wenn sich Leute nicht integriert fühlen, die schon seit 20 Jahren hier leben.»

Deutsche verstehen Mundart

Im Rahmen der Selbsthilfegruppe erhoffen sich die deutschen Teilnehmer diesbezüglich Tipps von den Schweizern – und umgekehrt. Zum Beispiel im Umgang mit dem Dialekt. Am Infoanlass, den die Expertinnen von A bis Z auf Schweizerdeutsch leiteten, zeigte sich einmal mehr: Mit dem Verständnis der Mundart haben die wenigsten Deutschen ein Problem, mit dem Sprechen aber tun sie sich schwer, nicht zuletzt deshalb, weil sie bei missglückten Versuchen mit hämischen Kommentaren rechnen müssen.

Auf der anderen Seite wollten die Schweizer Teilnehmer zum Beispiel wissen, wie sie auf einen Deutschen zugehen sollen, den sie als zu dominant und laut empfinden. Als Motiv gilt hier wie dort: voneinander lernen.