Zürch
Der Zufall hat sie hierher gebracht

Im Asylzentrum Juch wird nach fünf Monaten Testbetrieb ein positives Fazit gezogen. Bis Ende Jahr könnten hier 1500 Asylentscheide gefällt werden. nach anfänglichen Schwierigkeiten läuft der Betrieb nun mehr oder weniger reibungslos.

Rinaldo Tibolla
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Blick durchs Fenster eines Zimmers im Asylzentrum Juch.

Blick durchs Fenster eines Zimmers im Asylzentrum Juch.

Keystone

Sie sind es, die zufällig ausgewählt werden und ins Asylzentrum Juch in Zürich Altstetten kommen. Es sind Familien mit Kleinkindern, junge und ältere Männer und Jugendliche. Derzeit stammen die meisten aus Eritrea – rund ein Drittel. Viele sind aus Syrien und Sri Lanka. Mehr als ein Dutzend anderer Nationalitäten sind aber auch vertreten. Ändern kann sich dies schnell: Denn sie sind Teil des Testbetriebs für beschleunigte Asylverfahren. Die Aufenthaltsdauer variiert zwischen wenigen Tagen bis maximal 140 Tagen. Die Erfahrungen daraus sollen dem Parlament als Grundlage dienen, damit es über die vom Bundesrat angedachte Neustrukturierung des Asylsystems besser entscheiden kann. Seit Anfang Jahr läuft der Testbetrieb. Das Bundesamt für Migration (BFM) spricht von «positiven ersten Erfahrungen».

Bereits 319 Entscheide gefällt

789 Asylsuchende wurden bis Ende Mai dem Verfahren zugewiesen. 669 Eintritte wurden verzeichnet. 45 Personen sind nicht erschienen, 75 weitere konnten nicht aufgenommen werden, weil sie keinen Anspruch auf ein Gesuch hatten. Wie viele von den 45 Personen untergetaucht sind, konnte das BFM nicht beziffern. In den ersten fünf Monaten wurden 319 Asylentscheide gefällt. «Wir rechnen damit, dass wir bis Ende Jahr 1500 Entscheide gefällt haben. Ausgegangen sind wir von 1300 bis 1400 Fällen», sagte Barbara Büschi, stellvertretende BFM-Direktorin, gestern gegenüber den Medien im Verfahrenszentrum an der Förrlibuckstrasse.

Aber nicht alles läuft so reibungslos. Die beschleunigten Verfahren würden sich auch auf die Belastung der Mitarbeiten auswirken. Im Monat Mai – mit vielen Gesuchen aus Eritrea – habe es an entsprechenden Dolmetschern gefehlt. Einen Negativpunkt habe auch die Entfernung von der Unterkunft in Juch zum Verfahrenszentrum dargestellt. Ein Shuttle-Bus-Service sei deshalb auf die Beine gestellt worden. Anfänglich habe es auch noch an der Koordination von Verfahrens- und Beschäftigungsprogrammen gemangelt. Damit erklären BFM und die Asylorganisation Zürich (AOZ), welche das Zentrum Juch führt, auch die 14 Polizeieinsätze, die seit Januar nötig waren, um streitende Bewohner zu trennen.

Frühere Gastarbeitersiedlung

Vielleicht lag es an den hohen Temperaturen, vielleicht wirklich auch am nun aufgestockten Beschäftigungsangebot. Von einer gereizten Stimmung vor Ort konnte gestern nicht die Rede sein. Wer sich nicht gerade am Planieren des künftigen Sportplatzes beteiligte und Schubkarren voller Erde vor sich herführte, sass in Siestamanier im Schatten der Bäume oder der hellbraunen Barackenhäuser.

Vor 50 Jahren wurde die Siedlung damals noch für Gastarbeiterfamilien gebaut. Heute finden rund 300 Asylsuchende darin Platz. Derzeit sind 270 Personen im Juch-Zentrum untergebracht. Familien können zusammen Zimmer beziehen, Frauen und Kinder wohnen in separaten Trakten – auch die alleinstehenden Männer. Sechs Aufenthaltsräume stehen den Bewohnern zur Verfügung: neben einem Fernseh-, Fitness-, Andachts-, Kinderspiel- und Frauenraum auch ein Raum mit Billardtisch und Töggelikasten. Ein Internetcafé mit sechs Computern ist täglich 13 Stunden geöffnet, am Vormittag nur für Frauen. Für die Erwachsenen wird ein Deutschunterricht angeboten. Laut AOZ-Direktor Thomas Kunz wird dieser auch «rege» besucht.

Stolz ist Kunz darauf, dass er keine 300 Meter von der Unterkunft entfernt Räume für die Schule mieten konnte. Ein benachbartes Unternehmen hatte das Angebot gemacht. Zwei Lehrpersonen wurden eingestellt. Zu ihnen gehen nun die 4- bis 16-Jährigen in den Kindergarten oder Unterricht. Gestern beugten sie sich ein wenig gequält über ihre Bücher – wohl aber wegen der Hitze. Vergebens versuchte die Lehrerin, ihren Schülern mit Blättern kühle Luft zuzufächeln.