Die Wahlstrategen der Zürcher Parteien können den Kaffeesatz ab sofort Kaffeesatz sein lassen. Denn seit dem Wochenende haben sie ein verlässlicheres Indiz, wie die Kantons- und Nationalratswahlen in einem Jahr ausgehen könnten: die Resultate aus den 13 kommunalen Parlamentswahlen, die nun allesamt über die Bühne gegangen sind.

Hochstimmung herrscht vor allem bei der jahrelang gebeutelten FDP, die sich gestern selbst zur Wahlsiegerin ausrief. Zu Recht: Nur die aufstrebenden Grünliberalen haben übers Ganze gesehen noch einen Sitz mehr zugelegt als der Freisinn. Nachdenklicher gestimmt sind angesichts ihrer Resultate die beiden grössten Parteien, SVP und SP. Beide haben in mehreren Gemeinden Sitze verloren.

Sondereffekte verzerren Trends

Allerdings spiegeln sich in dieser Gesamtschau die allgemeinen Trends nicht in Reinform wider. Zum Teil werden sie auch von lokalen Ereignissen überlagert und verzerrt.

Am augenscheinlichsten ist das in Bülach passiert, der zehntgrössten Stadt des Kantons. Dort haben die Wähler ihre bürgerliche Regierung bestätigt, zugleich aber im Parlament SVP und FDP ihrer Mehrheit beraubt – zugunsten anderer bürgerlicher Parteien. Nach Ansicht des Bülacher SVP-Kantonsrats Claudio Schmid dürfte dies die Quittung sein für einen langen Budgetstreit, mit dem die Parlamentarier von SVP und FDP die Bürger verärgerten.

In Schlieren wiederum hatte die FDP der SVP schon vor den Wahlen ein Mandat abgeluchst, dank einer Überläuferin, die ihren Sitz nun halten konnte. Und die Grünliberalen hätten hier bereits vor vier Jahren stattliche Wähleranteile gehabt, aber die Partei war damals noch nicht formiert und trat deshalb nicht an.

Ungeachtet solcher Sondereffekte zweifelte gestern kaum jemand am übergeordneten Trend, der in den Wahlergebnissen zum Ausdruck kommt. «Unsere Gewinne ziehen sich wie ein roter Faden durch diese Wahlen», sagt Thomas Vogel, Präsident der FDP-Kantonsratsfraktion aus Illnau-Effretikon, wo der Freisinn zwei Sitze zulegte. Er hoffe, dass seine Partei die Talsohle endlich durchschritten habe und es im kommenden Jahr weiter aufwärtsgehe.

Auch Barbara Angelsberger, FDP-Präsidentin von Schlieren und ehemalige Kantonsrätin, ist überzeugt: «Es ist etwas in Gang gekommen.» Sie verweist unter anderem auf den Schwung, den in ihrer Gemeinde Filippo Leuteneggers gleichzeitige Kandidatur für den Zürcher Stadtrat gebracht habe.

Vogel betont die Bedeutung des neuen Präsidenten der FDP Schweiz, Philipp Müller. Unter ihm sei die Partei bodenständiger geworden. Bisher habe es stets geheissen: «Ich würde gerne FDP wählen, aber ...» Viele hätten der ehemals staatstragenden Partei, dieser traditionellen Heimat der Machtelite, fast alles angelastet: vom Swissair-Grounding über die Bankenkrise bis zur Abzockerei. Unter Müller, dem Gipsermeister und Unternehmer aus dem Aargau, markiere die FDP Distanz zu solchen Themen und positioniere sich erkennbar rechts der Mitte. Der Politikwissenschafter Michael Hermann stützt die These, dass sich dies nun auszahlt.

In der SVP sieht man darin einen Grund für die eigene Abwärtstendenz. «FDP und CVP haben diverse Themen von uns übernommen», sagt Claudio Schmid. «Im Ausländerbereich politisieren sie inzwischen wie wir.» Es freue ihn zwar, dass der Freisinn mit diesem Kurs Erfolg habe. Die eigene Partei müsse die aktuellen Signale aber mit Blick auf die Wahlen in einem Jahr ernst nehmen. «Unsere Exponenten haben in den letzten Jahren nicht unbedingt gute Schlagzeilen produziert.» Affären wie jene um den gestolperten Beinahebundesrat Bruno Zuppiger oder die Putzfrau von Nationalrat Hans Fehr hätten dem Image geschadet.

Ratlose SP in der Agglomeration

Etwas ratlos wirkt angesichts des fortwährenden Sinkflugs ihrer Partei SP-Kantonsrätin Priska Seiler Graf. Sie ist Stadträtin in Kloten, einer jener Agglomerationsgemeinden, in der die Sozialdemokraten erneut Parlamentssitze verloren haben. «Wir haben auch keine Erklärung dafür, weshalb die Leute bei uns oder in Opfikon so ein anderes Wahlverhalten an den Tag legen als in Zürich», sagt sie. «Wir sind eigentlich sehr urban und multikulti.» Vor vier Jahren verlor die SP Stimmen an die GLP.

Diesmal sei es weniger klar, aber der nationale Abwärtstrend lasse sich nicht so leicht brechen. Allerdings glaube sie mit Blick auf 2015 kaum, dass ihre Partei noch viel tiefer fallen werde.

In die andere Richtung geht der Blick bei den Grünliberalen. Kantonsrat Pierre Rappazzo ist Ortsparteipräsident in Wädenswil, wo seine Kandidaten drei Parlamentsmandate erobert haben. Er erklärt den Erfolg damit, dass man sich für Freiräume starkgemacht und zugleich vor steigenden Staatskosten gewarnt habe. «Wir haben ganz auf GLP-Linie politisiert und damit den übergeordneten Trend der Partei bewirtschaftet.» Das Resultat stimmt ihn zuversichtlich für die Kantonsratswahlen vom kommenden Jahr.