Forschung
Der Zeppelin war vier Tage ein Labor

Diese Woche war an verschiedenen Orten im Kanton Zürich mehrmals täglich ein auffälliger Zeppelin am Himmel zu sehen. An Bord: Forscher verschiedener Schweizer Universitäten, die Messungen vornahmen.

Laurin Eicher (Text und Foto)
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Während vier Tagen konnte der weiss-gelbe, zigarrenförmige Zeppelin am Zürcher Himmel gesehen werden.

Während vier Tagen konnte der weiss-gelbe, zigarrenförmige Zeppelin am Zürcher Himmel gesehen werden.

Laurin Eicher

An diesem Mittwoch, dem dritten Flugtag, ist es beinahe windstill und wolkenlos. In der Ferne nähert sich ein weiss-gelbes, zigarrenförmiges Objekt. Über der Piste geht das Luftschiff wie ein U-Boot, das in eine steile Tauchfahrt übergeht, in den Sinkflug. Kurz darauf dockt es mit der Nase an einen zuvor postierten mobilen Mast an.

Steht man unmittelbar davor, wird einem die schiere Grösse des Zeppelin NT bewusst. Er ist 75 Meter lang und hat eine maximale Breite von 20 Metern. Die Hülle hat ein Gesamtvolumen von 8425 Kubikmetern und ist mit unbrennbarem Helium gefüllt, welches für den Auftrieb sorgt. Das imposante Fluggerät ist während vier Tagen Forschungsplattform im Rahmen einer Kampagne, an der die Universität Zürich, die ETH, die Empa, die ZHAW und die Universität Basel beteiligt sind.

Während die Bodencrew den Zeppelin mit Seilen in Position hält, beginnt das Aus- und Zusteigen. Da das Schiff in der Schwebe bleibt und somit sehr sensibel auf Lastveränderungen reagiert, steigt jeweils ein Passagier aus und direkt ein neuer ein. In der Gondel sind die zehn Passagiere inzwischen angeschnallt. Dann leiten die zwei deutschen Piloten den Start ein. Dabei sorgen drei Propellerantriebe, die sich schwenken lassen, für Auftrieb. Das Schiff wiegt während des Steigflugs sanft hin und her. Bei 300 Metern ist die Reiseflughöhe erreicht. Die Passagiere dürfen sich wieder frei bewegen.

Vegetation im Fokus

Direkt vor dem Cockpit steht die Forscherin Juliane Krenz. Sie hält einen Stab aus dem Fenster. An dessen Ende befindet sich eine spezielle Kamera, die gegen den Boden gerichtet ist. «Die Kamera zeichnet Bilder im roten Wellen- und nahen Infrarotbereich auf», erklärt die Doktorandin der Universität Basel. Im Fokus der Forschung von Krenz, die zusammen mit einem Kollegen auf dem Flug ist, steht die Vegetation.

Aus diesem Grund führt der Flug nicht etwa über die Stadt Zürich, wie bei anderen Forschungsteams. Nach dem Überflug des Greifensees folgt der Pilot dem Pfannenstiel entlang in Richtung Rapperswil. Im Blickfeld der Multispektralkamera ist jetzt viel Vegetation: Bäume in herbstlichen Farbtönen, Büsche und grüne Wiesen. Ziel sei es, Daten zur Vegetation zu sammeln, sagt Krenz. «Wir können anhand der Daten etwa Rückschlüsse darauf ziehen, wie viel Fotosynthese Pflanzen betreiben», so die Forscherin.

Solche Daten könnten nutzbringend eingesetzt werden, sagt Professor Oliver Ullrich von der Universität Zürich. «Ich sehe einen sehr hohen Nutzwert etwa für die Fernerkundung für die Landwirtschaft.» Ebenso seien auch die Messungen des Empa-Teams von Bedeutung für Wissenschaft und Bevölkerung, so Ullrich. Das Team führte Messungen von Spurengasen über der Stadt Zürich durch. Der Fokus lag dabei auf Stickstoffdioxid, einem der wichtigsten Luftschadstoffe, die die städtische Bevölkerung belasten.

Oliver Ullrich ist Initiant der ersten Zeppelin-Forschungskampagne und Präsident des Stiftungsrates von Swiss Skylab Foundation, der Veranstalterin, die auch Parabelflüge ab Dübendorf organisiert. Sie ist eine der Universität Zürich nahestehende Stiftung zur Förderung der wissenschaftlichen, technologischen und akademischen Nutzung von Flugplattformen in der Schweiz. Das einfach gehaltene Setting und der etwas improvisierte Aufbau der Messinstrumente von -Juliane Krenz’ Departement für Umweltwissenschaft der Uni Basel zeugen davon, dass die Flüge in erster Linie zum Ziel haben, den Zeppelin als Forschungsplattform zu erproben. «Wir müssen jetzt erst einmal sehen, ob die Kameraqualität auf 300 Metern Höhe ausreichend ist.»

Sicher ist für sie aber, dass der Zeppelin eine interessante Forschungsplattform darstellt: «Er liegt mit seiner Flughöhe zwischen den Satelliten und dem Boden, von wo aus wir sonst auch Daten sammeln.» Auch seitens des Herstellers ist der Zeppelin für eine wissenschaftliche Nutzung ausgelegt. So können etwa Sensoren in der Nase, unter der Gondel oder auf dem Dach der Hülle installiert werden. Ebenso ist die Gondel so konstruiert, dass in ihr eine grosse Anzahl an Instrumenten und Computern untergebracht werden können.

Knapp über Rapperswil dreht der Pilot das Luftschiff nach links und nimmt Kurs zurück nach Dübendorf. Auf der Höhe von Volketswil ist der bereitstehende Mast zu erkennen. Am Boden wartet dann bereits das neue Forscherteam.

Oliver Ullrich rechnet damit, dass die Einschätzungen bis Ende dieses Jahres abgeschlossen sein werden. «Danach werden wir uns als Stiftung mit unseren Partnern bemühen, ein auf die Nutzerbedürfnisse ausgerichtetes Einsatz- und Finanzierungskonzept zu erstellen.» Am Donnerstag ging die Kampagne zu Ende, und der Zeppelin NT wurde mitsamt seiner Crew zurück auf seine Basis in Friedrichshafen am Bodensee überführt.