Glattzentrum
Der Wettlauf um die Bescherung: Erstmals in der Geschichte fiel der Sonntagsverkauf auf Heiligabend

Während viele Leute die letzten Stunden vor dem Fest brauchen, die Wohnung vorzubereiten und selber in die richtige Stimmung zu kommen, nützt ein immer grösser werdender Teil der Bevölkerung die liberalen Ladenöffnungszeiten.

Stephan Mark Stirnimann
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Die Nachfrage war gross: Am 24. Dezember gab es einen regelrechten Ansturm auf das Glattzentrum.

Die Nachfrage war gross: Am 24. Dezember gab es einen regelrechten Ansturm auf das Glattzentrum.

Urs Weisskopf

Noch zwei Stunden bis Geschäftsschluss. Im Einkaufszentrum Glatt in Wallisellen bietet sich dem Betrachter ein eindrückliches Bild: Ein Strom von Taschen, Tüten und Plastiksäcken tragender Menschen sowie Einkaufswagen mit sich türmenden Inhalten wälzt sich scheinbar mühelos durch die vielen Ebenen.

War der Sonntag als Verkaufstag bis vor wenigen Jahrzehnten noch quasi heilig, scheint mit diesem 24. Dezember das Tabu endgültig gebrochen zu sein. Zumindest bis 16 Uhr. Herr und Frau Schweizer decken sich mit himmlischen Zutaten wie etwa bestellter Frischware, mit Last-Minute-Geschenken oder mit einem Gutschein aus dem Reisebüro ein. Doch wer genau fuhr an diesem Heiligabend in das programmierte Weihnachtschaos ins «Glatt»?

Um 11 Uhr alle Parkplätze besetzt

Während viele Leute die letzten Stunden vor dem Fest brauchen, die Wohnung vorzubereiten und selber in die richtige Stimmung zu kommen, nützt ein immer grösser werdender Teil der Bevölkerung die liberalen Ladenöffnungszeiten. Die 4500 Parkplätze des Glattzentrums waren jedenfalls bereits um 11 Uhr besetzt. Rageth Clavadetscher, der Leiter des Einkaufszentrums, düst an diesem Tag von Laden zu Laden und bedankt sich bei den vielen Mitarbeitenden für deren tollen Einsatz. «Weil wir bereits im November 2016 über diesen Verkaufstag am 24. Dezember informiert haben, konnten sie sich frühzeitig organisieren», sagt er. In der Tat scheint die Stimmung unter dem Verkaufspersonal an diesem Tag freundlich und zugleich feierlich.

Im Restaurant Spiga serviert Kellner Cesare Kammer gerade zwei Gläser Wein an Rico Soler aus Bassersdorf. Auf die Kombination eines Weiss- und eines Rotweins angesprochen, spricht der Bassersdorfer offen über sein heutiges Einkaufserlebnis: «Das zweite Glas Wein ist eigentlich für meine Frau Corine gedacht. Sie macht noch ein paar zusätzliche Besorgungen. Ich muss mich erst mal vom Rummel erholen!» Ein paar wichtige Zutaten zum Weihnachtsmenu hätten noch gefehlt, erklärt er. Doch ein zweites Mal würde er sich diesen Rummel nicht antun wollen.

Apéro gehört inzwischen dazu

Weiter unten in der mittleren Etage geht es an einem Männertisch in der Manta-Bar gesellig zu und her. Dicht gedrängt um ein paar Stangen Bier sitzt eine Dübendorfer Clique. Sie scheint in Feierlaune zu sein. Es braucht nicht lange um zu erkennen, dass die Partnerinnen und Ehefrauen ausgeschwärmt sind und die Einkaufswagen füllen. Ihnen obliegt wohl auch die Aufgabe, den Einkauf und die Mannen wohlbehalten nach Hause zu befördern. Rageth Clavadetscher erklärt: «Immer mehr Leute nehmen im ‹Glatt› ihren Weihnachtsapéro.»
Beim Ausgang am Taxistand steht Nadja Lazard aus Fehraltorf mit einem Blumenstrauss und zwei Einkaufstüten. «Ich versuchte es zu vermeiden, in allerletzter Minute meine Weihnachtsdeko zu kaufen, doch organisatorisch blieb mir nichts anderes übrig», meint sie. «Etwas leid tun mir die vielen Angestellten zwar schon, die heute arbeiten müssen.» Auch die Familie Fuhrer aus Rothenfluh im Baselland ist nur «notgedrungen» am Einkaufen. Doch auf dem Weg ans Fest in Zürich hätten sie trotz allem einen Umweg ins Einkaufszentrum Glatt machen müssen – ein Geschenk habe noch gefehlt.

Gleichsam als Kapitän des Einkaufszentrums versteht sich Rageth Clavadetscher. Mit der Lautsprecheransage kurz vor Ladenschluss um 16 Uhr macht er sich auf den Weg zu seiner persönlichen Verabschiedungstour. Zuweilen müsse er sogar übereifrige Ladenbesitzer dazu überreden, ihre Storen endgültig zu schliessen, damit deren Angestellte auch ihre goldene Bescherung geniessen können.

Und das Personal? Manche protestieren, andere melden sich extra für Heiligabend

Goldenes Sonntagsshopping am 24. und 31. Dezember – mit diesem Slogan will das Einkaufszentrum Glatt in Wallisellen Kauffreudige in seine Geschäfte locken. An Heiligabend hat das funktioniert: Nachdem bereits am Samstag 60 000 Einkaufswillige für einen Rekord sorgten, waren es am Sonntag wohl nicht viel weniger. Die genauen Zahlen werden heute Mittwoch vorliegen. Am Sonntag gaben die Verantwortlichen eine Schätzung ab: Es seien über 50 000 Besucher gewesen. Die Geschichte dieses Sonntagsverkaufs hat indes bereits vor einem Jahr angefangen. 400 Angestellte hatten sich gegen den Verkauf an Heiligabend gewehrt – mit einer Petition an den Walliseller Gemeinderat. Die Behörde darf pro Jahr maximal vier verkaufsoffene Sonntage bezeichnen. Und hatte wenig Gehör für die Petition. Während das Verkaufspersonal zum Beispiel im Shoppi Tivoli in Spreitenbach, aber auch in der Stadt Zürich und in Dietlikon am Sonntag frei hatte, stand es in vielen Unterländer Gemeinden bis 16 Uhr im Laden. Neben dem «Glatt» öffneten auch das Einkaufszentrum Regensdorf, die Migros Bülach Süd, der Coop Bachenbülach und weitere Geschäfte. Eine grosse Konkurrenz für die Unterländer Läden ist der Flughafen, wo nicht nur am 24., sondern auch am 25. und 26. Dezember bis 21 Uhr Shopping möglich war.

Unia: «Das ist reine Zwängerei»

Für den Detailhandel sei der Weihnachtsverkauf die intensivste und wichtigste Zeit im Jahr, hält Migros-Mediensprecher Francesco Laratta fest. «Die Sonntagsverkäufe sind bei den Kundinnen und Kunden beliebt», sagt er. Dennoch würden die Mitarbeitenden nach wie vor 41 Stunden pro Woche arbeiten und hätten auch ihre Freitage. Den erhöhten Aufwand bewältige man mit Unterstützung von Teilzeitmitarbeitenden und Aushilfen, die vor allem an Abenden, Samstagen und verkaufsoffenen Sonntagen die Vollzeit-Mitarbeitenden entlasten. Häufig kommen für die Sonderschichten Studierende zum Einsatz. Diese seien flexibel, sagt Laratta. Und an Feiertagen gibt es für alle einen Lohnzuschlag von 50 Prozent. Die Zufriedenheit aller Mitarbeitenden sei sehr wichtig, sagt Patrick Milo von der Medienstelle des Glattzentrums. Um deren Bedürfnisse zu berücksichtigen, hätten die Geschäfte den Einsatz über die Festtage lange geplant. Milo sind keine personellen Engpässe bekannt. Im Gegenteil: «Wir wissen von einzelnen Geschäften, dass sie sogar mehr Anträge zum Arbeiten an diesen Tagen haben, als Ressourcen benötigt werden.» Trotzdem hat Lorenz Keller von der Gewerkschaft Unia kein Verständnis für das Vorgehen des Glattzentrums und des Walliseller Gemeinderats: «Das ist reine Zwängerei.» Dass rund ein Fünftel der Belegschaft das Begehren unterschrieben hat, findet er beachtlich. «Es braucht Mut, am Arbeitsort für seine Interessen einzustehen.» Das Argument, wonach der Detailhandel auf den zunehmenden Druck des Online-Geschäfts reagieren müsse, lässt der Gewerkschafter nicht gelten: «Der Weihnachtsverkauf kann diese Probleme nicht lösen.» Insgesamt werde nicht mehr gekauft, wenn am 24. Dezember auch noch geöffnet ist. Der Umsatz teile sich einfach anders auf. (ASö/ML)