Zürich

Der Waffenhändler Emil Bührle hinterliess auch eine Kirche und ein Hotel

Die Christuskirche in Zürich-Oerlikon wurde zur Hälfte von Emil Bührle finanziert.

Die Christuskirche in Zürich-Oerlikon wurde zur Hälfte von Emil Bührle finanziert.

Mit seinem aus Kriegsmaterial-Exporten an Nazi-Deutschland erzielten Vermögen sponserte der Waffenfabrikant Emil Bührle in Zürich nicht nur das Kunsthaus. Er finanzierte auch die Christuskirche und das Hotel Storchen - und spendete dem Zürcher Freisinn Geld.

Es war kalt an jenem 11. Januar 1942 in Zürich-Oerlikon. Die Meteorologische Zentralanstalt verzeichnete zur Mittagszeit minus acht Grad. Durch Neuschnee stapften die Gläubigen zum Gotteshaus. Zwei Tage später meldete das «Oberländer Tagblatt»: «Am Sonntag nahm Dr. Adolf Küry, Bischof der christkatholischen Kirche der Schweiz, die Einweihung der neuen ‘Christuskirche’ in Zürich-Oerlikon vor. Das kleine Gotteshaus zählt 160 Sitzplätze und wurde mit einem Kostenaufwand von gegen 300000 Franken erstellt.»

Zur Hälfte hatte Emil Bührle die neue Kirche bezahlt. Sie dient noch heute den Christkatholiken aus Zürich-Nord, den Bezirken Bülach und Dielsdorf sowie aus dem rechtsufrigen Limmattal als Versammlungsort. Der Waffenfabrikant Bührle war damals gerade dabei, mit der Werkzeugmaschinenfabrik Oerlikon (WO) ein Vermögen zu machen.

Emil Bührle, Zürcher Waffenfabrikant und Mäzen.

Emil Bührle, Zürcher Waffenfabrikant und Mäzen.

Ab 1924 trug er dazu bei, das nach dem Ersten Weltkrieg entwaffnete Deutschland wieder aufzurüsten. Während des Zweiten Weltkriegs explodierte sein Reichtum gleichsam: Die WO exportierte von 1940 bis 1944 Kriegsmaterial fast ausschliesslich an Nazi-Deutschland und seine Verbündeten – und verdiente damit rund 540 Millionen Franken.

Bührle zeigte sich im Zürich jener Zeit spendabel, wie ein Forscherteam unter Leitung des Geschichtsprofessors Matthieu Leimgruber in der kürzlich erschienenen Studie «Kriegsgeschäfte, Kapital und Kunsthaus» der Universität Zürich festhält. Vor allem seine Gaben fürs Kunsthaus Zürich halfen dem Einwanderer aus Deutschland, sich bei Zürichs Eliten beliebt zu machen.

Im Vergleich dazu war die halbe neue Kirche, die er in Zürich Oerlikon bezahlte, ein Klacks. Dem Kunsthaus und der Zürcher Kunstgesellschaft liess Bührle im Zeitraum von 1939 bis zu seinem Todesjahr 1956 insgesamt 6,9 Millionen Franken zukommen und finanzierte den ersten Erweiterungsbau des Kunsthauses. Auch für einen Neubau des Schauspielhauses Zürich nahe beim Stadthaus machte er während der Kriegsjahre einen Millionenbetrag locker. Das Geld wurde dann allerdings vom Theater nicht gebraucht: Das Schauspielhaus blieb am Pfauen.

Auch der Zürcher Freisinn bekam eine Spende

Zu Bührles Spendenempfängern zählten von 1942 bis 1954 ferner die Musikfestwochen Luzern, die laut der Leimgrube-Studie insgesamt 310000 Franken erhielten; Bührle spielte mit dem Gedanken, aus steuerlichen Gründen nach Luzern zu ziehen, blieb dann aber doch in Zürich.

Dort bedachte er in der Anfangsphase des Zweiten Weltkrieg auch die FDP mit einer Spende. Die 1000 Franken für den Zürcher Freisinn lagen jedoch in vergleichsweise bescheidenem Rahmen. Kurz nach Kriegsende spendete Hitlers Waffenlieferant dann noch 161000 Franken für Hilfsaktionen zugunsten von Kriegsopfern, Flüchtlingen und kriegsgeschädigten Kindern.

Das Hotel Storchen als Agententreffpunkt

Als Bauherr hinterliess Bührle nicht nur mit der Christuskirche und dem Ausbau der Werkzeugmaschinenfabrik Oerlikon Spuren in Zürich: Kurz vor Kriegsbeginn übernahm er das Bauprojekt für das Hotel Storchen. Das Hotel liegt im Herzen der Zürcher Altstadt, gegenüber dem Rathaus, direkt an der Limmat. «Das Hotel zum Storchen war immer ein besonderes Juwel in E. G. Bührles Portfolio – und blieb es auch nach dem Tod des Unternehmers», heisst es auf der Website der ebenfalls von Bührle gegründeten IHAG Privatbank.

Das Hotel Storchen in Zürich in einer Aufnahme von 1938.

Das Hotel Storchen in Zürich in einer Aufnahme von 1938.

Das schmucke Hotel sollte nicht nur ein bauliches Juwel sein. Es spielte auch für den Waffenhandel eine Rolle, wie in der Leimgruber-Studie nachzulesen ist: Der «Storchen» sei während des Kriegs als Treffpunkt für deutschfreundliche Netzwerke und Agenten bekannt gewesen.

So logierte der laut Studie «wichtigste Verkaufsagent der WO während des Zweiten Weltkriegs», der im deutschen Erfurt geborene Rudolf Ruscheweyh, im Hotel Storchen: «Über ihn liefen sämtliche Waffenlieferungen an NS-Deutschland, und er wahrte Bührles Geschäftsinteressen in der Sowjetunion bis zum Bruch des Hitler-Stalin-Pakts im Jahr 1941», heisst es in der Leimgruber-Studie.

Ruscheweyh war seit 1936 Geheimagent der Nazis. Die Schweizer Bundespolizei observierte ihn. 1940 hatte er sich in Liechtenstein niedergelassen. Dort lebte auch der deutsche Wirtschaftsanwalt Josef Steegmann, zu dem Bührle laut der Studie ebenfalls Kontakte unterhielt und der häufig im Hotel Storchen zu Gast war. Der Hotelgast sei dem deutschen Geheimdienst nahegestanden und zugleich Vermittler für reiche Juden auf der Flucht gewesen.

Fotos: Baugeschichtliches Archiv Zürich und Keystone

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