Umwelt
Der Verkehr hat abgenommen, doch die Luftqualität verändert sich auch aus anderen Gründen

Die Coronakrise sorgt für weniger Autoverkehr in und um Zürich. Wie weit dies zu tieferen Schadstoffbelastungen in der Luft führt, ist aber noch nicht genau feststellbar. Denn auch das Wetter spielt eine wichtige Rolle.

Matthias Scharrer
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An Verkehrsknotenpunkten wie dem Central in Zürich ist nicht mehr viel los.

An Verkehrsknotenpunkten wie dem Central in Zürich ist nicht mehr viel los.

Keystone

Der Verkehrsrückgang ist sicht- und spürbar. Knotenpunkte, an denen sich sonst die Wege von Verkehrsteilnehmenden aller Art kreuzen, sind wie leergefegt. Messungen bestätigen: Sowohl des motorisierte Individualverkehr als auch die Fahrgastzahlen im öffentlichen Verkehr haben im Raum Zürich massiv abgenommen seit dem Shutdown vom 16. März. Zu Hause bleiben ist jetzt die Devise. Homeoffice statt Pendlerverkehr, Fernsehen, lesen oder Spiele spielen statt Ausgang.

Wie stark sich dies auf das Verkehrsaufkommen auswirkt, zeigen Zahlen, die die kantonale Baudirektion gestern auf Anfrage dieser Zeitung zusammenstellte. Sie betreffen drei wichtige Einfallachsen um Zürich: Die Forchstrasse in Zollikerberg, die Seestrasse in Kilchberg und die Zürichstrasse in Dübendorf. Vor dem Shutdown wurden auf diesen drei Verkehrsachsen werktags pro Woche insgesamt rund 240000 Fahrten gezählt. Letzte Woche waren es noch knapp 170000. Verglichen mit der gleichen Vorjahresperiode sind dies 90000 Fahrten weniger.

Auf der Rosengartenstrasse, einer Hauptverkehrsachse in Zürich, nahm der Werktagsverkehr seit dem Shutdown um ein Viertel und der Wochenendverkehr um fast die Hälfte ab, wie eine Anfrage beim Stadtzürcher Gesundheits- und Umweltdepartement ergab.

Eindrücklich sind auch Mobilitätszahlen, die das Statistische Amt des Kantons Zürich im Rahmen des sogenannten Mobilitäts-Monitorings Covid 19 erheben lässt. Sie beruhen auf den Smartphone-Ortsdaten von knapp 3000 freiwilligen Versuchsteilnehmenden aus der ganzen Schweiz, von denen ein Fünftel aus dem Kanton Zürich stammt. Ergebnis: Während die mittlere Distanz, die die Leute vor dem 16. März pro Werktag zurücklegten, bei etwa 25 Kilometern lag, waren es letzte Woche noch rund 6 Kilometer. Der bisherige Tiefststand wurde vergangenen Sonntag mit etwa 2 Kilometern erreicht.

Auffällig: Vor dem Shutdown legten jüngere Leute deutlich höhere Tagesdistanzen zurück als ältere im erwerbsfähigen Alter. Seither liegen sie praktisch gleichauf. Die Tagesdistanzen der Rentner sind seit dem Shutdown von etwa zehn auf rund drei Kilometer gesunken. Insgesamt sind Männer nach wie vor etwas mobiler als Frauen, und die ländliche Bevölkerung legt mehr Kilometer zurück als die städtische.

Soviel zur Verkehrsstatistik. Doch wie wirkt sich das veränderte Mobilitätsverhalten auf die Umwelt aus? Konkret: Hat die Schadstoffbelastung der Luft wegen des reduzierten motorisierten Individualverkehrs abgenommen? Immerhin ist der Strassenverkehr normalerweise Ursache für mehr als die Hälfte der Stickoxidemissionen und für knapp ein Drittel des Feinstaubs.

«Grundsätzlich gehen wir davon aus, dass die bundesrätlichen Anordnungen zur Corona-Pandemie eine Verringerung der Luftschadstoff-verursachenden Aktivitäten und somit eine Verminderung der Emissionen zur Folge haben», hält ein Sprecher der kantonalen Baudirektion auf Anfrage fest. Statistisch erhärten lasse sich dies aber noch nicht, da Wind und Wetter kurzfristig einen grossen Einfluss auf die Schadstoffbelastung der Luft haben.

Saharastaub und erhöhte
Feinstaubbelastung

Messungen aus Zürich zeigen zwar vom 16. bis zum 22. März einen starken Rückgang bei der Stickoxidbelastung der Luft. Doch laut Jürg Brunner, Leiter Messung Luftqualität bei der Stadt Zürich, ist dies wohl hauptsächlich auf die Bise jener Tage zurückzuführen. Danach stieg die Stickoxidbelastung nämlich wieder an – bis die nächste Bise anfangs dieser Woche erneut für bessere Luft sorgte.

Handkehrum nahm vom 22. März an die Feinstaubbelastung der Luft deutlich zu. Hauptgrund dafür dürfte gemäss Brunner der Saharastaub gewesen sein, der nach Mitteleuropa verfrachtet wurde. Sein Fazit: Um den Einfluss des Shutdowns auf die Luftqualität zu ermitteln, müssten die Wind- und Wettereinflüsse mit aufwändigen statistischen Untersuchungen eliminiert werden. Das sei auf die Schnelle nicht machbar, aber durchaus einer Nachbetrachtung wert.