Zürich

Der Utopist mit der Spraydose wird 80 Jahre alt — und hatte bis zuletzt Konflikte mit der Obrigkeit

Harald Naegeli, der «Sprayer von Zürich», wird am 4. Dezember 80 Jahre alt. Mit seinen gesprayten Figuren blieb er zunächst ein Phantom, bis die Polizei ihn erwischte.

«Fabelwesen» und «Fantasiefiguren» nannten die Beamten der Stadtpolizei Zürich die gesprayten Figuren, die sie erstmals im Herbst 1977 auf Zürichs Gemäuern wahrnahmen. Zunächst vereinzelt, dann zu hunderten fanden sie Eingang ins Stadtbild und in Polizeiakten. Sie schmiegten sich an Häuserfassaden, Treppenaufgänge, Kirchenmauern - flüchtige Gestalten, mit wenigen Strichen in Nacht- und Nebelaktionen gezeichnet, deren Formen sich oft der Umgebung anpassten.

Ihr Urheber blieb zunächst ein Phantom, genannt «der Sprayer von Zürich». 1979 erwischte die Polizei den Sprayer namens Harald Naegeli. 1981 verurteilte ihn das Zürcher Obergericht zu neun Monaten Haft. Naegeli floh nach Deutschland, wurde später an die Schweiz ausgeliefert, sass 1984 seine Haftstrafe ab und fand als Künstler international Anerkennung. Das Kunstmuseum Düsseldorf, die Staatsgalerie Stuttgart und 1993 auch das Kunsthaus Zürich widmeten ihm Einzelausstellungen. Dennoch sieht sich Naegeli nicht als etablierten Künstler, sondern als «Pionier der Street Art», wie er letztes Jahr in einem Interview mit dieser Zeitung sagte.

Der Totentanz im Grossmünsterturm tanzt ein paar Zentimeter zu weit.

Der Totentanz im Grossmünsterturm tanzt ein paar Zentimeter zu weit.

Nun wird Naegeli 80 Jahre alt. Seinen runden Geburtstag am 4. Dezember werde er ganz privat verbringen, sagt er am Telefon. Gesundheitlich gehe es ihm schlecht: «Das ist der normale Abgang, der Körper zerfällt.» Später fügt er an: «Und die Seele macht sich auf in ein schönes Nichts oder mit Zähneklappern in eine Wiedergeburt.»

Zuvor hatte Naegeli in Prosa über sich gesagt: «Ich habe die Lebenszeit mit meiner Utopie erfüllt. Meine Utopie ist autonome Kunst im öffentlichen Raum.» Sie stehe im Widerspruch zu Politik, die diese Kunst oft als illegal werte. «Mit diesem Widerspruch muss ich leben.»

Der Widerspruch begleitet ihn bis ins hohe Alter: Dieses Jahr verknurrte das Düsseldorfer Amtsgericht Naegeli im Frühling zu einer Wiedergutmachungszahlung von fast 800 Euro: Er hatte die dortige Akademie der Künste und Wissenschaften mit Flamingo-Figuren besprüht. Ausgerechnet Düsseldorf: Die Stadt war jahrzehntelang sein zweites Zuhause, nachdem er Mitte der 1980er Jahre die Schweiz fluchtartig verlassen hatte.

Zum Schluss ein unvollendeter Totentanz

Die Rückkehr nach Zürich begann 2004, als der Kanton eines der wenigen noch erhaltenen Naegeli-Sprühwerke an einem Gebäude der Universität Zürich restaurieren liess. Naegeli sagte damals: «Ich habe nur noch ganz geringfügig ab und zu das Bedürfnis, eine nächtliche Figur zu machen.» Stattdessen werde seine grossformatige Federzeichnung namens «Urwolke» ihn bis an sein Lebensende beschäftigen. Doch wenige Jahre später erschienen zahlreiche neue Naegeli-Figuren auf Zürichs Mauern. Die städtische Dienstabteilung Entsorgung und Recycling Zürich verklagte ihn wegen Sachbeschädigung. Der Einzelrichter am Bezirksgericht forderte die Parteien auf, sich im Gespräch zu einigen. Der Konflikt endete damit, dass FDP-Stadtrat Filippo Leutenegger 2018 ein gerahmtes Sprühgemälde von Naegeli als Schadenersatz zu Handen der Stadt entgegennahm.

Harald Naegeli (links) betritt 1984 mit Joseph Beuys Schweizer Boden.

Harald Naegeli (links) betritt 1984 mit Joseph Beuys Schweizer Boden.

Auch Naegelis letztes Kunstprojekt in Zürichs öffentlichem Raum verlief nicht ohne Probleme mit der Obrigkeit: Vor einem Jahr erhielt er die Erlaubnis, entlang in den Grossmünstertürmen einen Totentanz zu sprayen. Aber nur unter der Auflage, dass sich das Werk später von den entsprechend präparierten Mauerteilen entfernen liesse. Naegeli hielt sich nicht ganz daran: Seine Sprühfiguren berühren auch den Holzboden und einen dafür nicht vorgesehenen Mauerteil. Es kam zum Streit mit dem Kanton, der das Grossmünster besitzt. Der Totentanz blieb unvollendet. Das Konzept, das dahinter steht, kann als Naegelis Vermächtnis gelten. Er formulierte es so: «Es ist die Antwort der Kunst vor der Realität des Todes. Das Unvermeidliche wird beantwortet mit der menschlichen Geste der Gestaltung. Damit zeigt der denkende Mensch, dass er den Tod ebenso wie das Leben als unendlichen Prozess der Natur verstanden hat.»

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