Zürich

Der Trolleybus geht auf kurzen Strecken vom Netz

Am Hardplatz lässt der Chauffeur die am Albisriederplatz eingefahrenen «Ruten» automatisch hochfahren: Der Testbetrieb, um Kosten zu sparen, ist erfolgreich.

Am Hardplatz lässt der Chauffeur die am Albisriederplatz eingefahrenen «Ruten» automatisch hochfahren: Der Testbetrieb, um Kosten zu sparen, ist erfolgreich.

Zwischen Hardplatz und Albisriederplatz verkehren die Busse regelmässig im Batteriebetrieb – obwohl die stromführenden Fahrleitungen funktionieren. Die VBZ erhoffen sich Einsparungen.

Der 33er ist vom Albisriederplatz an den Hardplatz unterwegs. Wie üblich fährt der Trolleybus auf dem 600 Meter langen Streckenabschnitt direkt unter der Fahrleitung, die über der Strasse gespannt ist. Die beiden Ruten mit den Stromabnehmern hatte der Chauffeur jedoch zuvor an der Haltestelle Albisriederplatz eingefahren; er hat den Bus auf Batteriebetrieb umgestellt.

Die Trolleybusse müssen natürlich seit je auch stromunabhängig fahren können; etwa wenn sie wegen Baustellen oder Unfällen ihre Stammstrecke (und damit die Fahrleitung) kurzzeitig verlassen müssen. Die Hälfte der 70 VBZ-Trolleybusse ist für diese ungeplanten Vorfälle wie früher üblich mit einem Dieselhilfsmotor ausgerüstet (Busse der Baujahre 2006–2008). Die andere Hälfte der Flotte verfügt über Traktionsbatterien (Baujahre 2012–2014).

Die teuren Weichen weichen

Der 33er ist jedoch nicht wegen eines Problems auf die Batterie umgestiegen. Die Verkehrsbetriebe Zürich VBZ erproben auf diesem Streckenabschnitt den «Trolleybusbetrieb der Zukunft», wie es Oliver Tabbert formuliert, der bei den VBZ für die Marktentwicklung zuständig ist. Die Trolleybusse sollen, weil sich die modernen Batterien als derart leistungsfähig erwiesen haben, auch «im regulären Linienbetrieb» eingesetzt werden.

Die VBZ erhoffen sich finanzielle und betriebliche Vorteile. Der Unterhalt einer Fahrleitung auf schnurgerader Strasse sei zwar vergleichsweise gering, führt Tabbert im Gespräch aus. Anders sehe es aber bei grossen Verkehrsknoten aus; der Albisriederplatz und der Bucheggplatz zählen mit ihren zahlreichen Fahrleitungsweichen und -kreuzungen zu den komplexesten Anlagen auf dem VBZ-Trolleybusnetz. Steht altersbedingt deren Ersatz an, geht der Aufwand rasch in die Millionen. «Wenn wir an diesen Netzknoten im Batteriemodus fahren, können wir auf die relativ teure Infrastruktur verzichten.»

Ein betrieblicher Vorteil des Batteriebetriebs sei zudem, dass die Chauffeure bei den Kreuzungen nicht mehr auf die Fahrleitungsweichen achten müssen, sagt Tabbert. Denn diese führen keinen Strom – muss ein Bus wegen eines anderen Fahrzeugs abrupt stoppen und kommt er ungünstig so zum Stehen, dass der Stromabnehmerkopf in einer Weiche steckt, gibts Verzögerungen.

Der 33er ist an der Haltestelle Hardplatz angekommen und hat punktgenau bei der Markierung angehalten. Während die Passagiere aus- und einsteigen, fährt der Chauffeur die Ruten per Knopfdruck wieder aus. Sie heben sich langsam. Der Kopf mit den Stromabnehmern wird dank Trichtern zu den Fahrleitungen geführt.

Das heikle Einfädeln

An diesem «Eindrahten» haben die VBZ in den vergangenen Monaten herumgetüftelt. Denn klappt der Vorgang nicht automatisch, muss der Chauffeur aussteigen und manuell nachhelfen. Im Einzelfall ist dies nicht weiter schlimm; kommt es im fahrplanmässigen Einsatz regelmässig vor, werden die Verspätungen aber zu gross. «Wir streben eine Trefferquote von mindestens 98 Prozent an, und wir sind auf gutem Weg», sagt Tabbert. Derzeit erproben die VBZ gerade neue Trichterformen, die eine leicht abgerundete Form aufweisen, damit sich der Kopf noch seltener verkantet oder weniger hängen bleibt.

Weitere Probleme haben sich im bisherigen Testbetrieb nicht ergeben. Auf der Strecke vom Albisriederplatz bis zum Hardplatz hat sich gemäss den Auswertungen der durchschnittliche Fahrzeitbedarf des 33ers nicht verändert. In der Gegenrichtung schlägt sich die leichte Steigung beim Hardplatz in den Daten nieder; die Anfahrbeschleunigung ist, insbesondere wenn der Bus voll besetzt ist, etwas geringer als im Strombetrieb. «Die Fahrzeitverlängerungen liegen nur im Sekundenbereich, das ist tolerierbar», sagt Tabbert.

Die bisherigen Tests sind positiv verlaufen. Zwischen dem Albisriederplatz und dem Hardplatz verkehren die Trolleybusse der Linien 33 und 72 in beiden Fahrtrichtungen nun bereits regelmässig im Batteriemodus. Denn der Albisriederplatz wird derzeit umfassend saniert und umgebaut. Im Zuge dieser Arbeiten entfernen die VBZ im Platzbereich ihre in die Jahre gekommenen Trolleybus-Fahrleitungen – ohne sie zu ersetzen. 2017 dürfte auch im Bucheggplatz ein Teil der Leitungen entfallen. An weitere Kurzstrecken, die die Trolleybusse dann stets im Batteriemodus zurücklegen, denken die VBZ derzeit nicht.

Es ist nicht das Ende des Trolleys

Noch können die VBZ nicht alle dieser «fahrplanmässigen fahrleitungsunabhängigen Fahrten» durch Trolleybusse abdecken, die über eine Batterie verfügen. «Wir müssen vereinzelt auch noch Dieselbusse einsetzen», sagt Tabbert. Diese seien lauter. An Abenden und Wochenenden würden sie hier deshalb nicht verkehren. Das ist aber ein temporäres Problem; die Umrüstung der älteren Trolleybusse auf Batterien ist bewilligt. Bis spätestens 2017 sollen die Dieselmotoren durch «Energypacks» ersetzt sein.

Die Batterie-Testphase, die nun in den regulären Betrieb übergegangen ist, bedeutet laut Oliver Tabbert nicht den Anfang vom Ende der Trolleys. «Sie sind umweltfreundlich, leise und leistungsfähig.» Mittelfristig möchten die VBZ ihr Trolleybusnetz, das heute sieben Linien mit einer Gesamtlänge von 54 Kilometern umfasst, denn auch um zwei weitere Linien ergänzen. Vorgesehen ist die Elektrifizierung der Linien 69 und 80.

Auf Quartier- und Nebenlinien dürfte laut Tabbert der Trend zwar in Richtung Hybrid- und Elektrobus gehen. «Aber auf den stark frequentierten Hauptstrecken, auf denen wir grosse, schwere Fahrzeuge einsetzen, bleiben die Trolleys ideal – und werden sie dank den Batterien stets flexibler, umso besser.»

Der 33er fährt am Hardplatz an und auf die Hardbrücke auf. Die Ruten sind wieder ausgefahren. Die Batterie, die nur einen kleinen Prozentsatz ihrer Energie verbraucht hat, wird während der Fahrt wieder aufgeladen. Die Passagiere, die auf ihren Handys tippen oder aus dem Fenster zum Prime Tower hinüberblicken, haben vom Test nichts bemerkt. Ihr 33er fährt einfach.

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