Antisemitismus
Der Ton gegenüber Juden ist auch wegen Facebook härter geworden

Im Vorfeld zur Pro-Palästina-Kundgebung vom vergangenen Freitag in Zürich war auf verschiedenen sozialen Plattformen offen zu Gewalt gegen Schweizer Juden aufgefordert worden. Die Israelitische Cultusgemeinde Zürich hofft auf Hilfe der Behörden.

Nadja Ehrbar
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In der jüdischen Gemeinde – hier die Synagoge an der Löwen-Strasse – ist die Beunruhigung nach den jüngsten Gewaltaufrufen gegen Juden gross.

In der jüdischen Gemeinde – hier die Synagoge an der Löwen-Strasse – ist die Beunruhigung nach den jüngsten Gewaltaufrufen gegen Juden gross.

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In der jüdischen Gemeinde ist die Beunruhigung nach den jüngsten Gewaltaufrufen gegen Juden gross, wie Frédéric P. Weil, der Generalsekretär der Israelitischen Cultusgemeinde Zürich (ICZ), sagt. «Es herrscht nicht Friede, Freude, Eierkuchen.» Nichtsdestotrotz hätten sie besorgten Juden geraten, «zu leben wie immer, aber die Augen offen zu halten».

Im Vorfeld zur Pro-Palästina-Kundgebung vom vergangenen Freitag in Zürich, an der rund 1000 Demonstranten teilnahmen, war auf verschiedenen sozialen Plattformen offen zu Gewalt gegen Schweizer Juden aufgefordert worden. Palästina-Sympathisanten posteten antisemitische Sprüche übelster Sorte. Frédéric P. Weil wie auch Jonathan Kreutner, Generalsekretär der Schweizerischen Israelitischen Gemeindebundes (SIG), sind davon überzeugt, dass diese Gewaltbereitschaft eine neue Dimension offenbart: «Der Ton ist härter und ungehemmter geworden», sagt Weil. Er hofft nun darauf, dass die Behörden das erkannt hätten und die antisemitischen Äusserungen als Verstoss gegen die Antirassismus-Strafnorm verfolgten.

Bis zu 300 «Likes»

Bereits eine Strafanzeige erstattet hat die Stiftung gegen Rassismus und Antisemitismus. «Wir haben die Vorfälle dokumentiert», sagt Leila Feit, Geschäftsführerin der GRA. Es sei beängstigend, wie viel Unterstützung und «Likes» gewisse Äusserungen auf Facebook erhalten hätten. «Das waren bis zu 300.» Für Yves Kugelmann, Chefredaktor des jüdischen Wochenmagazins «Tachles», sind die jüngsten Hasstiraden «nichts Neues». Es habe in den letzten Jahrzehnten immer wieder Aufrufe zu Gewalt gegeben. Die verbalen Äusserungen seien nun dank den sozialen Netzwerken sichtbarer und rascher vermittelbar. «Wer sich jetzt davon überrascht zeigt, hat sich in den letzten Jahren nicht darum gekümmert.»

«Wie am Fussballmatch»

Es sei auch klar, dass Extremisten die jüngste Eskalation im Nahen Osten nutzten, um den seit Jahren schwelenden Antisemitismus wieder ausgesprochen aufleben zu lassen, sagt Kugelmann. «Das ist wie am Fussballmatch: Die Hooligans nutzen ihn, um sich die Köpfe einzuschlagen.» Antisemitismus sei immer da gewesen und werde immer da sein. Wer dagegen etwas tun möchte, müsse es in ruhigen Zeiten nachhaltig tun.

Die ICZ will sich nun nicht einfach mit der Situation abfinden, wie Weil sagt. Zu getroffenen Sicherheitsmassnahmen will er sich nicht äussern. Es sei schwierig, konkret etwas zu unternehmen. «Denn es handelt sich immer nur um Symptom- und nicht um Ursachenbekämpfung.» Auch werde Israel fälschlicherweise oft mit dem Judentum gleichgesetzt. Doch: «Nicht jeder Jude ist auch ein Israeli.» Das sei, wie wenn man behauptete, jeder Katholik sei auch ein Vatikan-Bewohner.

Dass die Schweizer Juden für die Gräueltaten der Israeli verantwortlich gemacht würden, findet auch der Islamische Zentralrat verwerflich, wie Sprecher Abdel Azziz Qaasim Illi sagt. «Wir leiden genauso darunter, wenn ein Verbrechen, das Muslime im Ausland begehen, auf die Schweizer Moslems übertragen wird.»

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