Welt-Palliative-Care-Tag
Der Tod muss heute kein Tabu mehr sein

Die Limmat Hall zeigt Menschen kurz vor und nach dem Tod. Die Ausstellung lässt Betrachter an den Gedanken, der Krankheitsgeschichte und dem Tod der porträtierten Menschen teilnehmen.

Franziska Schädel
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In der Hektik des Alltags innehalten, sich vergegenwärtigen, dass unser Leben endlich, dass der Tod jederzeit an die Türe klopfen kann: Die Ausstellung «Nochmal leben vor dem Tod» bietet mit eindrücklichen Fotografien und Begleittexten die Gelegenheit dazu.

Aus Anlass des heutigen Welt-Palliative-Care-Tages laden die Fachorganisation «Palliative ZH+SH» sowie die reformierte und die katholische Kirche des Kantons Zürich ein zur gedanklichen Auseinandersetzung mit Sterben und Tod.

Der Fotograf Walter Schels und die Journalistin Beate Lakotta haben unheilbar kranke Menschen in den letzten Tagen ihres Lebens in deutschen Sterbehospizen besucht und sie bis zu ihrem Tod begleitet. Entstanden sind grossformatige Schwarz-Weiss-Bilder, die kurze Zeit vor und unmittelbar nach dem Tod aufgenommen wurden. In den Begleittexten geben die sterbenden Menschen ganz persönliche Einblicke in ihr Leben.

Sie lassen den Betrachter teilnehmen an ihren Gedanken über ihr Leben, ihre Krankheit und den nahen Tod.

Heiner Schmitz sah den Fleck auf der Kernspin-Aufnahme seines Gehirns. Er begriff sofort, dass ihm nicht mehr viel Zeit blieb. Schmitz ist ein wortgewaltiger Schnelldenker, nicht ohne Tiefgang. Er arbeitet in der Werbebranche. Da sind alle gut drauf.

Normalerweise.

Heiners Freunde wollen nicht, dass er traurig ist. Sie wollen ihn ablenken. Im Hospiz gucken sie Fussball mit ihm, so wie immer. Bier, Zigaretten, Zimmerparty. Die Mädels aus den Agenturen bringen Blumen. Viele kommen zu zweit, weil sie nicht mit ihm alleine sein wollen.

Was redet man mit einem Todgeweihten? Manche wünschen gute Besserung zum Abschied. Komm bald wieder auf die Beine, Alter! «Keiner fragt mich, wie’s mir geht», sagt Heiner Schmitz. «Weil alle Schiss haben. Dieses krampfhafte Reden über alles Mögliche, das tut weh.

Hey, kapiert ihr nicht? Ich werde sterben! Das ist mein einziges Thema in jeder Minute, in der ich alleine bin.»

«Ich habe wahnsinnig gern gelebt»

Der 56-jährige Michael Lauermann beispielsweise hatte keine Angst vor dem, was kommt. Aber lieber wollte er über sein Leben reden. «Ich habe wahnsinnig gern gelebt, jetzt ist es vorbei.»

Die 47-jährige Roswitha Pacholleck, die als Heimkind wenig Schönes im Leben erfahren durfte, sagte angesichts des nahen Todes: «Es ist so verrückt. Jetzt, wo ich den Krebs habe, will ich zum ersten Mal leben.»

Auch ganz Profanes, aber zutiefst Menschliches hat Beate Lakotta aufgezeichnet. «Ich habe mir gerade noch eine neue Gefrierkombination gekauft. Hätte ich das vorher gewusst...», sagte die 83-jährige Klara Behrens, als sie realisierte, dass es zu Ende ging.

Gezeigt werden Porträts von jungen und alten Menschen, auch von Kindern. Manche sind von der Krankheit gezeichnet, anderen sieht man den nahen Tod nicht ins Gesicht geschrieben. Manche scheinen schon im Leben mit ihrem Schicksal versöhnt, andere hadern und blicken zornig oder verzweifelt in die Kamera.

Darf man denn Porträts von Toten anschauen, als wären es Landschaftsbilder? Dazu Lakotta: «Aus welchem Grund sollte man sie nicht anschauen? In unserem Kulturraum war die Darstellung von Toten über Jahrhunderte hinweg nichts Ungewöhnliches. Die Museen sind voll von Todesdarstellungen.» Das habe sich erst geändert, als der Tod nicht mehr im alltäglichen Umfeld stattfand, sondern in die Institutionen verbannt wurde.

«Wenn ich eines Tages tot bin, möchte ich zu keiner furchterregenden, Anstoss erweckenden Sache werden, die man rasch in eine Kiste packt. Ich würde mir wünschen, dass ich auch nach meinem Tod einige Stunden in meiner Integrität wahrgenommen werde», sagt die Journalistin.

Für Walter Schels, der als Kriegskind Bombenangriffe erlebte, hatten die Begegnungen im Sterbehospiz eine therapeutische Wirkung: «Mein Leben lang litt ich unter Albträumen. Diese Ängste habe ich durch die Begegnung mit den Sterbenden überwinden können.»

Aufnahme kurz vor dem Tod...

Aufnahme kurz vor dem Tod...

AUfgezeichnet von Beate Lakotta. Fotos: Walter Schels
...und danach.

...und danach.

Aufgezeichnet von Beate Lakotta. Fotos: Walter Schels

Rund um die Welt

Beate Lakotta und Walter Schels sind mit ihrer Ausstellung rund um die Welt gereist. Nach Ausstellungen in Berlin, London, Tokio und Montreal sind 26 der Porträts jetzt bis zum 18. November in der Limmat Hall in Zürich zu sehen.

Sie berühren wohl auch deshalb, weil auf keinem der Bilder ein Fotolächeln zu sehen ist. «Niemand hatte das Bedürfnis, den Eindruck von Heiterkeit zu erwecken, die in der Seele gar nicht vorhanden war», sagt Schels. Die Porträts der Verstorbenen strahlen eine grosse Ruhe und fast so etwas wie Zufriedenheit aus.

Schels und Lakotta legten grossen Wert darauf, die Menschen auch nach ihrem Tod in Würde abzulichten. «Wir hatten eine Verantwortung gegenüber den porträtierten Menschen. Sie hatten sich uns komplett anvertraut», sagt Lakotta.

Es sei tröstlich, zu erleben, dass das Sterben nichts Furchterregendes an sich hat. «Für den Beobachter wirkt es friedlich, wenn das Bewusstsein langsam erlischt», beschreibt Beate Lakotta ihre Erfahrungen mit den Sterbenden. Und doch, so die beiden Künstler, werde in den Ausstellungen viel geweint. «Es ist ein Ort, an dem man traurig sein darf.»

Ausstellung: Vernissage: 8. Oktober,
16 Uhr. Bis 18. November, Limmat Hall Zürich, Hardturmstrasse 122. Während der Zeit der Ausstellung widmen sich verschiedene Veranstaltungen, Buchpräsentationen und Lesungen den Themen Abschiedskultur, Sterben und Tod.

Buch: Beate Lakotta/Walter Schels: «Noch mal leben vor dem Tod – Wenn Menschen sterben», 224 Seiten,
CHF 53,90, ISBN 978-3-421-05837-9