Ausstellung
Der Tod – einfach lachhaft!

Darf man lachen über das Lebensende? Was ist lustig, was geschmacklos? Das Friedhof Forum in Zürich lässt die Besucher nach Antworten suchen: Angeregt durch Illustrationen und Objekte, die die Sterblichkeit thematisieren – vom provokativen Cartoon bis zum Sarg, in dem man Probeliegen kann.

Heinz Zürcher
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So sieht der Westschweizer Karikaturist Chapatte das Sterben.

So sieht der Westschweizer Karikaturist Chapatte das Sterben.

HO/Chapatte

Eva Rust lächelt verschmitzt, als sie den Besucher zur Grabkammer führt. Ein Holzhäuschen, unscheinbar wie ein Geräteschuppen, das die Illustratorin und ihr Künstlerkollektiv Seico auf dem Friedhof Sihlfeld aufgebaut haben. Auch die Einrichtung sieht auf den ersten Blick harmlos aus. Ein offener Sarg in hellem Holz – das Kopfkissen bunt bemalt – lädt zum Probeliegen ein.

Auf dem Rücken liegend, blickt man durch eine Öffnung im Dach direkt in den Himmel. Von der Decke baumeln bunt bemalte Grabbeigaben aus Holz, ja der ganze Raum ist voll davon: inklusive Maschinengewehr, Sexpuppe, Kettensäge, Humidor – selbst eine Selfiestange liegt bereit für die finale Selbstinszenierung. Und man fragt sich zwangsläufig, was man denn selber auf die letzte Reise mitnehmen würde.

Per Joystick aus der Hölle

«Für wen die Gegenstände sind, haben wir offengelassen», erklärt Rust das Konzept, über das in der Gruppe ausgiebig und kontrovers diskutiert worden sei. «Es ist eine Gratwanderung», sagt sie. Wo hört die Provokation auf, wo fängt die Geschmacklosigkeit an? «Gerade hier auf einem Friedhof, wo auch Trauernde in die Grabkammer kommen könnten, muss man sensibler sein als in einer reinen Kunstausstellung.»

Den Vorschlag, eine an einem Strick baumelnde Figur in die Kammer zu hängen, hat die Gruppe beispielsweise verworfen. Auch die ursprüngliche Idee, dass jeder seinen eigenen Grabstein gestalten sollte, fiel letztlich durch.

Verspielt ist auch die Arbeit des Kollektivs im Innern des Friedhof Forums: Ein Spielautomat, der einem die Chance gibt, per Joystick aus der Hölle zu klettern. «Nur drei Meter», rechnet der Computer nach dem gescheiterten Versuch vor und lässt ein grosses «Haha» aufleuchten.
Genauso spielerisch ist Daniel Müller die Aufgabe angegangen.

Er hat sich vom Geschicklichkeitsspiel «Labyrinth» inspirieren lassen, bei dem der Spieler die Kugel an Löchern vorbei ins Ziel lenken muss. In Müllers Adaption gilt es, einen Autounfall, einen Sturz von der Leiter oder eine einbrechende Eisfläche zu umkurven – oder, wie er schreibt, direkt das Lieblingsloch ins Jenseits anzusteuern.

Das Bäumchen zum Aufhängen

84 Objekte und Illustrationen von 34 Künstlern und Werkgemeinschaften werden in der Ausstellung mit dem Titel «Sterben Sie wohl» gezeigt. Darunter auch Zeichnungen von bekannten Illustratoren wie Patrick Chapatte, Andreas Gefe, Ruedi Widmer, Andy Fischli, Christophe Badoux oder Pierre Thomé.

Infos

«Sterben Sie wohl»: Friedhof Forum, Aemtlerstr. 149 in Zürich. Bis 26. April 2018; geöffnet Dienstag, Mittwoch, Donnerstag, jeweils von 12.30 bis 16.30 Uhr. Der Eintritt ist frei.

Letzterer hat die Ausstellung kuratiert und vier Arbeiten beigesteuert. «Ennui» zum Beispiel: Ein Cartoon, welcher einen Mann zeigt, der sein Bäumchen giesst, an dem er sich dereinst aufhängen möchte. Zu sehen sind aber auch leisere, feinere Werke wie etwa die zwei Porzellanurnen von Hoi Keramik mit dem Titel «tschau zäme». Oder die Beiträge von Laura Jurt, die mit ihren drei Linoldrucken den Tod ihrer kranken Mutter verarbeitet hat.

Letztlich zeigt die Ausstellung auch, wie vielfältig die Formen sind, mit der eigenen Sterblichkeit umzugehen. Lachen ist dabei erlaubt – Kopfschütteln ebenso.

Nachgefragt: «Manchmal braucht es etwas Makabres»

Frau Süssmann, wie sind Sie auf die Idee zu dieser Ausstellung gekommen?

Christine Süssmann, Leiterin des Friedhof Forums: Wir wollten die komischen Seiten des Todes zeigen, wie sie zum Beispiel in Cartoons vorkommen. Aber uns interessierte auch generell, wie Illustratorinnen und Illustratoren an das Thema Sterblichkeit herangehen. Ihre Kommentare sind nicht nur witzig, manche sind auch verspielt oder bissig.

Haben Sie Kriterien festgelegt, was lustig ist und was geschmacklos?

Nein, wir haben das offengelassen. Entscheidend war für uns die Qualität. Dabei haben wir dem Gespür unseres Kurators Pierre Thomé vertraut. Und natürlich dem Niveau der von ihm empfohlenen Künstlerinnen und Künstler. Aus unserer Sicht sind alle Witze erlaubt, solange sie gut sind.

Hier auf den Friedhof kommen viele Menschen, die gerade einen Verlust zu verkraften haben. Ist es da nicht heikel, die komische Seite des Todes zu thematisieren?

Trauernde sehen sich diese Ausstellung wahrscheinlich nicht unbedingt an. Der grösste Teil der Bevölkerung ist jedoch in einer anderen Situation. Für viele Leute hat es etwas Befreiendes, über den Tod einmal lachen zu können. Das beobachte ich vor allem bei jüngeren Personen, die vielleicht noch mehr Distanz zum Thema haben.

Wie waren die ersten Reaktionen?

Die Ausstellung kommt sehr gut an. Es kamen auch schon viele Leute vorbei.

Ist diese Ausstellung auch deshalb möglich, weil wir heute entspannter mit dem Thema Tod umgehen als früher?

Ich glaube, wir sind vor allem ahnungsloser geworden. Der Leichnam als einziges greifbares Zeichen des Todes verschwindet immer mehr aus unserem Alltag. Dadurch ist eine Leerstelle entstanden. Für Sterbliche gibt es ein Bedürfnis, sich mit Sterblichkeit zu befassen. Die Frage ist – wie? Wenn das Gespräch über den Tod nur lieb und nett ist oder auch würdig und schwer, ist es früher oder später nicht mehr zum Aushalten. Man braucht Abstand, Luft und zum Beispiel etwas Makabres. Es ist kein Zufall, dass der «Danse macabre» – der Totentanz – eine Art der Annäherung an den Tod ist, die seit Jahrhunderten praktiziert wird. Auch in unserer Ausstellung kommt dieses Motiv vor.

Zu sehen ist auch Modernes wie ein Facebook-Friedhof.

Stimmt, oder ein Grab mit einem Bildschirm statt eines Gedenksteins aus Marmor. Früher hatten wir das Jenseits, heute landet man auf digitalen Friedhöfen. Die definitive Trennung von den Toten ist damit auch schwieriger geworden. Sie geistern immer noch irgendwo herum. Auch als Urne auf dem Kaminsims oder als Aschendiamant am Finger. Interessant wäre zu erforschen, wie sich solche Rituale auf unsere Psyche auswirken.