Sechseläuten
Der «Tätschmeister» gibt die Fäden (fast) aus der Hand

Neun Jahre lang war Jürg C. Scherz Präsident des Zentralkomitees der Zünfte Zürich. Nun macht der den Platz frei für neue Themen und neue Ideen, wie er sagt. Der scheidende «Tätschmeister» über Traditionen, Netzwerke und Wandel.

Matthias Scharrer
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Jürg C. Scherz vor dem Zunfthaus zur Haue am Zürcher Limmatquai. Im September gibt er das Präsidium des Zentralkomitees der Zünfte Zürichs (ZZZ) ab.

Jürg C. Scherz vor dem Zunfthaus zur Haue am Zürcher Limmatquai. Im September gibt er das Präsidium des Zentralkomitees der Zünfte Zürichs (ZZZ) ab.

Matthias Scharrer

Zum Mittagessen im Zunfthaus zur Haue, dem Sitz der Kämbelzunft vis-à-vis vom Zürcher Rathaus, nimmt Jürg C. Scherz am Stammtisch Platz. Schon sein Urgrossvater war Zünfter. Scherz wuchs von klein auf ins Zunftwesen hinein – und damit in eine jener Organisationen, die Zürich seit der Zunftrevolution von 1336 während Jahrhunderten mehr oder weniger beherrschten.

Das änderte sich zwar zur Zeit der Französischen Revolution, in deren Folge sich ein modernes, demokratisches Staatswesen etablierte. Doch die Zünfte blieben bestehen. Und wenn sie am Sechseläutenmontag, dem 13. April, wieder durch Zürichs Innenstadt marschieren, wird sich einmal mehr ein beachtlicher Teil der Schweizer Elite aus Politik, Wirtschaft, Armee und Kultur unter den Ehrengästen befinden.

Um nur einige zu nennen: Bundesrat Ueli Maurer, Armeechef André Blattmann, ETH-Präsident Lino Guzzella, Landesmuseums-Direktor Andreas Spillmann und Roche-Verwaltungsratspräsident Christoph Franz lassen es sich nicht nehmen, am Umzug der historisch kostümierten Zünfter teilzunehmen.

«Tätschmeister» des prominent besetzten Umzugs ist Jürg C. Scherz, Präsident des Zentralkomitees der Zünfte Zürichs (ZZZ). Zum letzten Mal, wie er beiläufig beim Verzehr von gebackenem Fleischkäse mit Bratkartoffeln und Kefen erwähnt: «Ich habe das jetzt drei Amtsperioden lang gemacht. Es ist Zeit, dass jemand anderes mit anderen Themen und Ideen kommt.»

Nach neun Jahren als ZZZ-Präsident gibt Scherz das Amt Ende September ab. Wie erklärt er sich die Anziehungskraft, die das Zürcher Zunftwesen nach wie vor auf hochrangige Politiker und Wirtschaftsführer ausübt?

Scherz nimmt einen Schluck Bier aus seinem «Herrgöttli» und sagt: «Das Sechseläuten hat eine gute Presse.» Die Präsenz in den Medien – auch dieses Jahr überträgt das Schweizer Fernsehen den Umzug live – trage mit zur Attraktivität des Traditionsanlasses bei. Ausserdem biete der Anlass einen ganzen Tag lang Gelegenheit, interessante Persönlichkeiten zu treffen. Dass ein Bundesrat ohne Abschrankungen inmitten der Menschenmassen mitmarschiere, sei «typisch Schweiz.»

Doch nicht nur während des Sechseläutenfests wirkt das Zürcher Zunftwesen vor allem in bürgerlichen Kreisen nach wie vor anziehend. So bemühte sich FDP-Nationalrat Filippo Leutenegger vor seiner Wahl in den Zürcher Stadtrat jahrelang vergebens um eine Aufnahme bei der Zunft zur Schneidern. Und «Weltwoche»-Verleger Roger Köppel, neuerdings auch SVP-Nationalratskandidat, ist seit November 2014 Mitglied der Zunft zur Kämbel.

Während die Zünfte einst Handwerker-Organisationen waren, sind sie heute Vereinigungen, die nicht nur in der folkloristischen Traditionspflege eine Rolle spielen. Auch als wirtschaftliche Netzwerke sind die Zürcher Zünfte mit ihren rund 4000 Mitgliedern bedeutsam. «Das kann man nicht verleugnen», sagt Scherz.

Der 70-Jährige, der beruflich in leitenden Funktionen im Konsumgüterhandel tätig war, vergleicht die Zünfte mit Institutionen wie dem Rotary- und dem Lions-Club und betont: «Vetterliwirtschaft ist unter Zünftern verpönt. Es kann aber für Karriere und Geschäfte immer noch hilfreich sein, wenn man dieses Netzwerk kennt.»

«Der Wandel braucht Zeit»

Das Mittagessen ist verspiesen, der Espresso serviert. Scherz blickt zurück auf seine neun Jahre als ZZZ-Präsident. Was hat er bewirkt? «Es geht nicht darum, was ich bewirkt habe, sondern was wir zusammen machen konnten.» Das vom ZZZ organisierte Sechseläuten sei einer der wenigen Grossanlässe, die praktisch ausschliesslich auf Freiwilligenarbeit beruhen.

Rund 400 Personen sind im Hintergrund an der Organisation beteiligt. Eine wichtige Rolle spielen dabei auch die Frauen und Töchter der Zünfter: Sie kümmern sich um die Kostüme und betreuen die Kinder am Kinderumzug.

Die Frauenfrage war eines der dominanten Themen während Scherz’ Amtszeit. Konkret: Die Frage, ob die sogenannte Frauenzunft der Gesellschaft zu Fraumünster gleichberechtigt mit den Zünften im Sechseläutenumzug mitmarschieren darf. Ein Kompromiss für die nächsten acht Jahre wurde gefunden: Die Frauenzunft ist nun als Gast der Gesellschaft zur Constaffel am Umzug beteiligt.

Ein Schritt zur vollen Gleichberechtigung? Scherz zögert, bevor er antwortet. «Der Wandel braucht seine Zeit. Was in acht Jahren sein wird, werden wir dann sehen.» Im Übrigen sei es nicht Sache des ZZZ, über solche Grundsatzfragen zu entscheiden.

Dafür sei der Verband der Zünfte Zürichs zuständig, genauer: die Zunftmeister-Versammlung, die im September am Morgen des Knabenschiessens im Albisgüetli tagt und nun auch Scherz’ Nachfolger wählen wird. Wenige Tage danach folgt die Generalversammlung des ZZZ. Nicht ohne Genugtuung erzählt Scherz, dass sein Sohn als Obmann der Jungzünftervereinigung dieses Jahr dort erstmals dabei sein wird. Die Familientradition bleibt gewahrt.