Einige Zürcher schmähen ihn «Kotzbrocken», andere wiederum nennen ihn liebevoll «Mahlzahn». Klar ist: Kalt lässt der markante Swissmill-Tower im Kreis 5 niemanden. Entweder man liebt ihn, oder man hasst ihn. Erst vor wenigen Wochen verschwanden die Baugerüste am Turm. Und schon entbrennt in den sozialen Medien ein Streit darüber, ob man die Aussenhülle des grössten Getreidesilos der Schweiz nachträglich umgestalten müsste.

Mit seiner 118 Meter hohen Betonfassade ist das zweithöchste Zürcher Gebäude das pure Gegenteil der Wohn- und Büro-Hochhäuser, die in den letzten Jahren in Zürich-West in den Himmel geschossen sind. Seine Hülle ist weder offen noch einladend, sondern auf seine Funktion als Kornspeicher ausgerichtet – Fenster findet das suchende Auge erst ganz zuoberst. Durchbrechen am Sockel noch rotbraune Längsrippen das Äussere des Silos, prägen sein «Gesicht» im oberen Bereich nur einige filigrane Rillen und die Spuren der Verschalungen, die bei den Betonarbeiten entstanden sind.

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Sein markantes Äusseres bringt dem Swissmill-Tower nicht nur unter Laien Kritik ein. «Die brutale Materialisierung des im Grunde filigran gestalteten und schön proportionierten Hochhauses entspricht nicht dem Zeitgeist», findet etwa Miriam Vázquez vom Zürcher Architekturbüro Studio Forma. Sie bemängelt, das Silo sei eine reine Reminiszenz an die industrielle Vergangenheit des Quartiers und lasse «eine zukunftsweisende Vision» vermissen. Der heutigen schlichten Betonfassade stellte die Architektin einen eigenen Gestaltungsvorschlag gegenüber, von dem seit kurzem eine Illustration im Internet kursiert (im Bild).

Vertikales Grün als Link zum Fluss

Die Idee: Die 118 Meter hohe Hülle des Turms soll in der unteren Hälfte vertikal begrünt werden, «um den naturverbundenen Bezug zum Wasserlauf der Limmat zu animieren», wie Vázquez sagt. Den oberen Teil hingegen würde sie verglasen oder gar verspiegeln. So entstehe «ein Wolkenkratzer, der nicht an den Wolken kratzt, sondern uns den Himmel und die Stadt widerspiegelt». In der Nacht sollen schliesslich die bestehenden Längsrillen beleuchtet werden, womit der Turm zu einem weitherum sichtbaren Teil der nächtlichen Zürcher Skyline würde.

Dass Vázquez Vision jemals umgesetzt wird, ist allerdings äusserst unwahrscheinlich: Alleine die Kosten für den begrünten Teil der Fassade schätzt sie auf zwischen 2000 und 4000 Franken – pro Quadratmeter. Eine realistischere Alternative dazu sieht sie nicht: «Ein Anstrich wäre wohl am kostengünstigsten, aber es bliebe eine Verlegenheitslösung», sagt sie.

Neben diesem architektonischen Gestaltungsvorschlag finden sich auf Online-Plattformen auch Vorschläge für grossflächige Kunst-am-Bau-Projekte, die leichter umzusetzen wären. So etwa auf der Facebook-Seite «Kunst am Swissmill-Tower». Viele der Online-Beiträge sollen aber wohl vor allem zum Schmunzeln anregen: So verbreitete beispielsweise ein gewisser «Morty McFly» eine Bildmontage, die den Beton-Turm mit der Aufschrift «Ugly» in riesigen roten Lettern zeigt.

Ob ernst gemeint oder nicht – jegliche Vorschläge für die Neugestaltung des Industriebaus bleiben wohl Fantasie-Konstrukte. Der Grund: Veränderungen an der Fassade müsste Coop, dem das Silo gehört, nämlich über ein offizielles Baugesuch von der Stadt Zürich bewilligen lassen. Und ein solches Ansinnen hätte dort laut Hochbaudepartements-Sekretär Urs Spinner kaum Chancen. Die Gestaltung der Fassade sei von einem mit hochkarätigen Architekten bestückten Baukollegium und dem Amt für Städtebau für sehr gut befunden worden, erklärt er: «Es gibt keinen Grund, warum die Stadt auf deren fachlich fundierten Entscheid zurückkommen sollte.» Und auch Bauherr Coop will von Veränderungen am Swissmill-Tower nichts wissen. Bei der Gestaltung des Kornhauses habe man eng mit der Stadt zusammengearbeitet und sei mit der Umsetzung zufrieden, heisst es dort auf Anfrage. Die vom Baukollegium verabschiedete Lösung bezeichnet Coop-Pressesprecher Ramón Gander als «definitiv».

Über Schönheit dürfe und solle gestritten werden, findet zwar Baudepartements-Sekretär Spinner. Vom seriös aufgemachten Vorschlag des Studio Forma hält er aber wenig: «Das ist l’Art pour l’Art und hat mit guter Architektur wenig zu tun.» Die Stadt ziehe das Baukollegium jeweils bei, um genau solchen «geschmäcklerischen Tendenzen» bei städtebaulich wichtigen Projekten vorzubeugen. Spinner verteidigt die radikale Gestaltung des Swissmill-Towers: «Das Getreidesilo ist ästhetisch bewusst so konzipiert. Sein Äusseres soll zum Ausdruck bringen, was drin ist: ein Industriebetrieb.»