Gleichstellung
Der Streit um die Frauenzunft weitet sich aus

Die Grünliberalen wollen das Beflaggungsreglement erneut ändern. Ihr Anliegen: Das Wappen der als Frauenzunft bekannten Gesellschaft zu Fraumünster sei darin aufzunehmen – als 27. Zunftflagge.

Matthias Scharrer
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Die Gleichberechtigung der Gesellschaft zu Fraumünster am Sechseläuten wird derzeit von der Stadt Zürich juristisch geprüft.

Die Gleichberechtigung der Gesellschaft zu Fraumünster am Sechseläuten wird derzeit von der Stadt Zürich juristisch geprüft.

Matthias Scharrer/arc

«Wenn in Zürich die Flaggen im Wind flattern, ist dies ein sicheres Zeichen dafür, dass sich ein Fest ankündigt», schrieb die damalige Stadträtin Kathrin Martelli 2008 im Vorwort zum städtischen Beflaggungsreglement. Das Reglement war frisch überarbeitet und dabei von 12 auf 76 Seiten angeschwollen. Gleichzeitig erhielt das Zurich Film Festival die Ehre, ins Beflaggungsreglement aufgenommen zu werden. Jetzt soll diese Ehre auch der Frauenzunft zuteil werden – Anlass für eine Fehde mit ungewissem Ausgang.

«Scheu» bei SP, GP und FDP

Die Grünliberalen Gemeinderäte Samuel Dubno und Martin Luchsinger forderten den Stadtrat kürzlich auf, das Beflaggungsreglement erneut zu ändern. Ihr Anliegen: Das Wappen der als Frauenzunft bekannten Gesellschaft zu Fraumünster sei darin aufzunehmen – als 27. Zunftflagge.

Der Zeitpunkt war gut gewählt: Dubno und Luchsinger reichten ihr Postulat am 14. September ein. Tags zuvor war bekannt geworden, dass die Frauenzunft nächstes Jahr nicht in den Sechseläuten-Umzug integriert wird. Das diesjährige Gastspiel sollte eine Ausnahme bleiben, hatten die Zünfter in einer Abstimmung entschieden. Nun versuchen die GLP-Gemeinderäte via Beflaggungsreglement, den Frauen in der symbolischen Ordnung Zürichs mehr Gleichberechtigung zu ermöglichen. Kein leichtes Unterfangen: «Ich suchte auch ausserhalb meiner Partei Mitunterzeichner für das Postulat. Aber niemand wollte mitmachen», sagt Dubno. Zwar hätten angefragte Gemeinderäte von SP, Grünen und FDP Wohlwollen für das Anliegen signalisiert. Doch unterschreiben wollte niemand von ihnen. «Offenbar besteht eine gewisse Scheu, etwas in Sachen Zünfte zu verändern», folgert Dubno.

Scheu – das Wort mag auf die gemeinten Vertreter von SP, Grünen und FDP zutreffen. Was die SVP betrifft, ist der Begriff Tabu wohl treffender. SVP-Gemeinderat Bruno Amacker beantragte im Namen seiner Fraktion, das Postulat sei abzulehnen. «Das Sechseläuten ist wie kaum etwas anderes ein Traditionsanlass», erklärt er. «Es ist nicht einzusehen, wieso man daran irgendetwas ändern sollte.» Und weiter: «Wenn die Gesellschaft zu Fraumünster am Sechseläuten nicht mitmarschieren darf, gibts auch keinen Grund, ihre Fahne aufzuhängen.» Aufgrund des Ablehnungsantrags ist das GLP-Postulat auf der Traktandenliste des Zürcher Gemeinderats weit nach hinten gerutscht. Es dürfte ein bis zwei Jahre dauern, bis das Stadtparlament darüber entscheidet, nachdem auch die Grünliberalen es nicht für dringlich erklären lassen wollen.

Doch GLP-Gemeinderat Dubno, der in der städtischen Gleichstellungskommission sitzt, gibt die Hoffnung nicht auf: «Es kann sein, dass die Stadt das Postulat aufgrund des Gleichstellungsgebots überholt.» Die Beflaggungsfrage würde dann zum Nebenschauplatz.

Juristenstreit um Marschrecht

Der Anlass für seine Hoffnung: Die Stadt Zürich lässt rechtlich abklären, ob im Rahmen des Bewilligungsverfahrens der Frauenzunft eine möglichst gleichberechtigte Teilnahme am Sechseläuten ermöglicht werden könne. Nat Bächtold, Sprecher von Stadtpräsidentin Corine Mauch, bestätigte entsprechende Medienberichte. Ende Oktober dürfte diese Frage laut Bächtold geklärt sein.

Der emeritierte Zürcher Vereinsrechtsprofessor Hans Michael Riemer sagte in diesem Zusammenhang dem «Sonntagsblick»: «Ein Gericht würde einen Ausschluss von Frauen aus einem Verein oder von der Benützung des öffentlichen Bodens ohne sachlichen Grund wohl ablehnen.»

SVP-Gemeinderat Amacker, ebenfalls Jurist, widerspricht: «Es geht hier nicht um den Ausschluss von Frauen aus einer bestimmten Zunft. Und während dem Umzug sind auch andere Nichtzünfter von der Umzugsroute ausgeschlossen.» Er gibt zu bedenken, dass Zünfte aus Handwerkervereinigungen hervorgingen. Die Gesellschaft zu Fraumünster habe einen völlig anderen, religiösen Hintergrund, indem sie sich auf Äbtissinnen als Gründermütter berufe. «Somit ist es sachlich durchaus gerechtfertigt, dass die Frauenzunft nicht mitlaufen darf. Schliesslich käme auch niemand auf die Idee es diskriminierend zu finden, wenn beispielsweise das 1.-Mai-Komittee einen Kapuzinerorden vom Mitmarschieren am 1.-Mai-Umzug abhalten würde.»

«Demokratischer Entscheid»

Die Betroffenen warten einstweilen ab. Regula Zweifel, Präsidentin der Gesellschaft zu Fraumünster,
betont auf Anfrage, dass weder die Initiative für die Aufnahme ins städtische Beflaggungsreglement, noch jene für die rechtlichen Abklärungen der Stadt von der Frauenzunft ausgegangen sei.

Auf Letztere angesprochen, sagt Andreas Weidmann, Sprecher des Zentralkomitees der Zürcher Zünfte: «Die Stadt hat uns darüber bis jetzt nicht informiert.» Dann fügt er an: «Es gibt einen demokratischen Entscheid. 3500 Zünfter haben entschieden» – gegen die Gleichberechtigung der Frauenzunft.