Kultur
Der Strauhof zeigt Gottfried Keller als Romantiker – und als Realisten

Der Zürcher Dichter würde 2019 seinen 200. Geburtstag feiern. Eine grosse Ausstellung zeigt, dass er trotz der zwei Jahrhunderte keinen Staub angesetzt hat.

Andrea Fiedler
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Die Ausstellung zum Leben und Wirken von Gottfried Keller dauert vom 1. März bis zum 26. Mai.

Die Ausstellung zum Leben und Wirken von Gottfried Keller dauert vom 1. März bis zum 26. Mai.

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In die Wiege gelegt war Gottfried Keller seine spätere Bedeutung als einer der wichtigsten Schweizer Schriftsteller beileibe nicht: Der Vater, ein Drechslermeister, starb, als der kleine Gottfried fünf Jahre alt war. Materielle und moralische Kargheit prägten seine Kinderjahre. Dem setzte der Bub seine eigene Fantasie entgegen.

Geboren wurde Gottfried Keller 1819, gestorben ist er 1890. Sein Leben beginnt also in der literarischen Epoche der Romantik und endet in jener des poetischen Realismus. In seinen späten Romanen, «Der grüne Heinrich» oder «Martin Salander», weiss Keller beide Epochen miteinander zu verbinden: die Romantik mit ihrem Hang zum Unbewussten, Mystischen, zu Träumen, die bevölkert sind von märchenhaften Wesen; und der poetische Realismus, der zwar die Welt abbildet, aber diese auch idealistisch gestaltet. Deshalb heisst die Ausstellung, die der Strauhof dem Dichter vom 1. März bis zum 26. Mai widmet «Gottfried Keller – Der träumende Realist».

Erste berufliche Gehversuche unternahm Keller als Maler in Zürich, dann in München, wo er sich der Landschaftsmalerei widmen wollte. Finanznöte trieben ihn nach zwei Jahren 1842 indes wieder zurück nach Zürich: «Während er hier seine Bestrebung im Komponieren grosser Fantasielandschaften von neuem aufzunehmen glaubte, geriet er hinter seinen Staffeleien unversehens auf ein eifriges Reimen und Dichten, sodass ziemlich rasch eine nicht eben bescheidene Menge von lyrischen Skripturen vorhanden war», schreibt Keller selbst über diese Zeit in einer autobiografischen Notiz.

Nachdem der spätere Autor also seine Ziele als Maler nicht erreicht hatte, wandte er sich zunehmend der Dichtung zu. Er studierte in den folgenden Jahren in Heidelberg und Berlin. In dieser Zeit, die politisch im Zeichen vom Sonderbundskrieg in der Schweiz und von den Wirren der 1848er-Revolution standen, schrieb Keller neben Natur- und Liebesliedern viele politische Gedichte.

Von 1850 bis 1855 lebte und arbeitete der Zürcher Dichter in Berlin. Die erste Fassung von «Der grüne Heinrich» entstand. In die Berliner Zeit fallen auch die «Neueren Gedichte»; der erste Band der «Leute von Seldwyla» war fast fertig, als ihn materielle Nöte wieder zurück nach Zürich trieben.

Der Staatsschreiber

Bevor Keller 1861 zum ersten Staatsschreiber gewählt wurde, verfasste er «Das Fähnlein der sieben Aufrechten». Das Amt als Staatsschreiber bekleidete er «während fünfzehn Jahren und legte es anno 1876 in dem Augenblicke nieder, in welchem er sich überzeugt hatte, dass er die schwindenden Jahre mit besserem Erfolg als früher den literarischen Arbeiten widmen könne», schrieb er über sich.

Bis zu seinem Tod gab er die «Züricher Novellen» heraus, die zweite Fassung seines «Grünen Heinrich» erschien 1879, der Novellenzyklus «Das Sinngedicht» entstand. 1886, vier Jahre vor seinem Tod, erschien «Martin Salander», sein letzter Roman.

Die Ausstellung im Strauhof zeigt darüber hinaus Kellers fortwährende Enttäuschungen in Liebesangelegenheiten: seine erste Liebe starb jung; eine weitere geliebte Frau war nicht ihm, sondern seinem Lehrer Ludwig Feuerbach zugetan; oder er musste während seiner Staatsschreiberjahre erleben, wie sich seine Verlobte das Leben nahm. Keller blieb zeit seines Lebens Junggeselle.

«Gottfried Keller – Der träumende Realist», kuratiert von Roman Hess, zeichnet entlang der Biografie anhand von Videoprojektionen, Installationen, Hörstationen, von Originaldokumenten und Reproduktionen Kellers literarisches Schaffen zwischen Realität und Fantasie nach.

Und so werden auch Kellers Träume und seine Märchen zum Thema – Märchen, die in Romanen wie «Der grüne Heinrich» oder «Martin Salander» einen Wendepunkt einleiten: Die Not endet stets mit einem kleinen Wunder – und in der Darstellung politischer oder sozialer Auseinandersetzungen scheint stets der Romantiker Keller auf.