Ruth Genner (Grüne), Vorsteherin des Stadtzürcher Tiefbau- und Entsorgungsdepartements (TED), ist nicht das erste Zürcher Stadtratsmitglied, das wegen gesundheitlicher Probleme im Amt längere Zeit aussetzen musste. Die 57-Jährige leidet schon seit letztem Dezember an Herzproblemen. Die anfangs bis Ende der Sportferien verordnete Auszeit hat nun offenbar nicht ausgereicht. Der Arzt habe eine Verlängerung bis mindestens Anfang April verordnet, teilte der Stadtrat am Montag mit (gestrige Ausgabe).

Eine exakte medizinische Beschreibung von Genners Herzproblemen lieferte der Stadtrat nicht. Klar ist aber, einer Herzoperation musste sich die Politikerin bisher nicht unterziehen.

Krankheit nach Dauerbeschuss

Eine Reihe von anderen Stadtratsmitgliedern mussten in der Vergangenheit bereits krankheitsbedingt aussetzen. So ereilte vor ihr Sozialvorsteher Martin Waser (SP) ein ähnliches Schicksal. Der damals 55-jährige erhielt im Juni 2009 die Diagnose einer Schilddrüsen-Überfunktion und litt unter Herzflimmern. Drei Monate lang konnte er nur reduziert arbeiten. Der Arzt hatte ihm die öffentlichen Auftritte verboten. Ein Jahr zuvor, 2008, traf es seine Vorgängerin im Sozialdepartement, die damals 60-jährige Monika Stocker (Grüne). Sie musste nach 14 Amtsjahren im Juli 2008 vorzeitig zurücktreten, nachdem sie einen Herz-Kreislauf-Kollaps erlitten hatte. Der Zusammenbruch stand am Ende eines politischen Dauerbeschusses, der durch einen krassen Fall von Sozialhilfe-Missbrauch (der «BMW-Fall») ausgelöst worden war.

Hörstürze und Hautausschläge

Zu den bekannt gewordenen gesundheitlichen Problemen von Stadtratsmitgliedern gehören auch die fünf Hörstürze von Elmar Ledergerber (SP), die dieser in seiner siebenjährigen Zeit als Stadtpräsident von 2002 bis 2009 erlitt. Er und Sachverständige haben diese Vorfälle dem Stress zugeschrieben. Ledergerbers Vorgänger, Josef Estermann (SP), ebenfalls Stadtpräsident, zwang ein hartnäckiger Hautausschlag, 2002 nach elf Jahren auf eine vierte Amtszeit zu verzichten. Der damals 55-Jährige machte seine 80 bis 90-Stunden-Wochen für seine Allergie mitverantwortlich.

Obwohl ein Stadtratsamt zweifellos ein stressreicher Job ist, gibt es keinen einfachen Zusammenhang zwischen gesundheitlichen Problemen und Belastungen im Amt. Zu unterschiedlich sind die Belastungssituationen, die jeweiligen Konstitutionen und Persönlichkeiten. Am klarsten scheint der Fall bei Monika Stocker zu sein, die offensichtlich am öffentlichen Druck zerbrach.

Weshalb hingegen Martin Waser ein Problem bekam, lässt sich nicht so einfach mit öffentlichem Druck erklären. Kurz vor seinen Beschwerden hatte er vom TED ins Sozialdepartement gewechselt und dafür Anerkennung und sogar Vorschusslorbeeren eingeheimst. Und auch bei Estermann und Ledergerber sind keine ausserordentlichen Ereignisse identifizierbar, die als plausible Erklärung für Gesundheitsprobleme taugen.

Im Visier von SVP und FDP

Und bei Ruth Genner? Augenfällig ist, dass die TED-Vorsteherin besonders seit letztem Jahr stark angefeindet wird. Ein wichtiger Punkt ist der geplante Spurabbau am Sechseläutenplatz. Deswegen ist Genner von der SVP und FDP ins Visier genommen und als sture Ideologin gebrandmarkt worden. Es traf sie schwer, als Volkswirtschaftsdirektor Ernst Stocker (SVP) den Spurabbau im Dezember nicht bewilligte - aus «politischen Gründen», wie Genner meinte. SVP und FDP sowie das lokale Gewerbe sitzen Genner auch ständig im Nacken wegen der Parkplatzfrage - ein seit Jahren ideologisch aufgeladenes Thema.

An den Nerven zehrt aber auch der Druck aus dem eigenen Lager. Die Linke drängt Genner als TED-Verantwortliche, die Reduktion des motorisierten Verkehrs endlich entschlossen vorwärtszutreiben. Man verweist dabei auf eine gewonnene Volksabstimmung, deren Umsetzung aber für Genner und den Stadtrat eine Herkulesaufgabe sein wird.

Von den eigenen Leuten angefeindet zu werden, ist auch für die konflikterprobte ehemalige Parteipräsidentin der Grünen Schweiz eine neue Erfahrung. Dass diese Lage zwischen Hammer und Amboss an den Kräften zehrt, ist jedenfalls nachvollziehbar.