Stadtratswahlen

Der Stadtgeograf Richard Wolff will im Stadtrat Biss zeigen

Richard Wolff an seinem Arbeitsplatz in der Genossenschaft «Kraftwerk» im Stadtteil Zürich-West. rue

Richard Wolff an seinem Arbeitsplatz in der Genossenschaft «Kraftwerk» im Stadtteil Zürich-West. rue

Wenn am 3. März im Zürcher Stadthaus das Wahlergebnis für die Nachfolge von Stadtrat Martin Vollenwyder verkündet wird, wird Richard Wolff wohl mit dem Fahrrad von seinem Wohnort Wipkingen in die Innenstadt gefahren sein.

Dies, obwohl Zürich als Velostadt «eine Katastrophe» sei. «Man muss schon sehr kreativ sein, um als Velofahrer nicht überfahren zu werden», sagt der Kandidat der Alternativen Liste (AL).

Mehr Raum für Velos und Fussgänger, einhergehend mit einer Reduktion des Autoverkehrs, ist denn auch einer der Punkte, für die sich Wolff im Stadtrat einsetzen will. Was dem Vater von drei Söhnen sonst noch am Herzen liegt: bezahlbare Wohnungen, mehr Krippenplätze, Eindämmung von Steuerprivilegien für Reiche, Durchsetzung der 2000-Watt-Gesellschaft, mehr Kreativ-Freiräume.

Wolff positioniert sich als «linke Alternative» zu seinen Konkurrenten Marco Camin (FDP) und Daniel Hodel (GLP). «Meine Positionen decken sich weitestgehend mit der SP oder den Grünen», sagt der 55-jährige AL-Gemeinderat. Im Stadtrat will er sich aber dezidierter für linke Anliegen einsetzen, als das die heutigen Stadträte tun. Denn, obwohl der Stadtrat mit sechs von neun Mitgliedern bereits mehrheitlich links-grün ist, findet er, dass in der Exekutive soziale und ökologische Anliegen zu langsam oder mit zu wenig Nachdruck durchgesetzt werden.

«Chancen sind gar nicht so schlecht»

Dass der AL mit einem Wähleranteil von rund 4 Prozent eigentlich kein Sitz im Stadtrat zustünde, war für Wolff kein Grund, nicht zu kandidieren. Die heutige Konstellation des Stadtrates habe sich «aus unbestimmten Gründen» zwar als Zauberformel etabliert. Diese sei aber mitnichten in Stein gemeisselt. Ausserdem seien Stadtratswahlen Personenwahlen: «Der Beste soll gewinnen, nicht der Proportionalste», sagt Wolff. Dass seine Chancen, gewählt zu werden, allgemein gering gehandelt werden, scheint Wolff nicht zu beunruhigen. Er beruft sich auf vergangene Abstimmungsergebnisse: «Wenn das Volk so wählt, wie es in Wohn- und Verkehrsfragen abstimmt, dann rechne ich mir gute Chancen aus.» Er räumt jedoch ein, dass der Sitzanspruch der FDP mit einem gesamtstädtischen Wähleranteil von rund 18 Prozent «wohl das grösste Hindernis» für seine Wahl darstellt.

Trotzdem ist sich Wolff sicher: «Wer eine linke Politik befürwortet, stimmt für mich.» Dagegen würde sprechen, dass ihm die offizielle Unterstützung der SP fehlt – für Wolff eine Enttäuschung. Er hätte gehofft, dass sich die SP für ihn ausspreche, nicht zuletzt «weil ich bei tagespolitischen Themen einer von ihnen bin».

Wolff ist erst seit drei Jahren Mitglied einer Partei. Trotzdem ist er in der städtischen Politik kein unbeschriebenes Blatt. Bevor der in Venezuela, Zürich und Unterengstringen aufgewachsene Wolff 2010 bei den Gemeinderatswahlen für die AL in den Ring stieg und überraschend gewann, agierte er bereits über 30 Jahre lang in überparteilichen Organisationen und Komitees.

So war er bei der Überführung der Roten Fabrik ins Definitivum federführend und leitet verschiedene Lobbygruppen wie die Arbeitsgruppe Zürich Nord oder den runden Tisch Verkehr und Gesundheit. Er ist im Vorstand des Zürcher Mieterverbands und Mitglied der gemeinderätlichen Kommission für Hochbau und Stadtentwicklung.

Gegen grenzenloses Wachstum

Städteplanerische Themen liegen Wolff schon von Berufs wegen: Der promovierte Stadtgeograf forscht und berät bei seiner Arbeit beim International Network for Urban Research and Action (Inura) im Bereich Stadtentwicklung. «Bei städtebaulichen Entscheiden muss man eine klare Vision haben, wie sich eine Stadt entwickeln kann und soll», sagt Wolff. Dabei habe er gegenüber Camin und Hodel so etwas wie einen Heimvorteil.

Im Gegensatz zu seinen bürgerlichen Konkurrenten steht Wolff einem grenzenlosen Wachstum der Stadt skeptisch gegenüber. An Zürich schätze er die Diversität und die für die relativ kleine Stadt hohe Dichte an kulturellen und sozialen Angeboten; dies sei wichtig für die heute «sehr hohe Lebensqualität» der Stadt.

Durch den «Trend Richtung Metropole» sieht er diese gefährdet: Pendlerströme, die zunehmende Trennung von Arbeiten und Wohnen und die als Folge steigender Wohnungspreise «soziale Segregation» beunruhigen ihn. Wolff, der mit seiner Partnerin in einer Genossenschaftswohnung lebt, sagt: «Wir müssen dafür sorgen, dass die Leute, die jetzt hier wohnen, in der Stadt bleiben können und nicht durch Leute, die beliebig viel zahlen können, verdrängt werden.» Dafür will sich der «Stadtwolff» – ganz im Sinne seines Wahlslogans – «mit Biss» einsetzen.

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