Zürich
Der Sklaverei-Profiteur mit Gesinnungswandel: Ist die Erinnerung an Adolf Guyer-Zeller noch zeitgemäss?

Der bekannteste Industrielle des Zürcher Oberlands profitierte von der Sklaverei und äusserte sich rassistisch.

Marco Huber und Andreas Kurz
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Hat Geschäfte mit von Sklaven produzierter Baumwolle gemacht: Adolf Guyer-Zeller.

Hat Geschäfte mit von Sklaven produzierter Baumwolle gemacht: Adolf Guyer-Zeller.

Seraina Boner

Die Stadt Zürich nimmt 26 Statuen genauer unter die Lupe. Überprüft werden Denkmäler wie jenes von Alfred Escher vor dem Hauptbahnhof, dessen Familie in die Sklaverei verstrickt war. Im Zürcher Oberland fand eine solche kritische Debatte zur kolonialen Vergangenheit bisher kaum statt. Dabei gibt es mit Adolf Guyer-Zeller einen bekannten Industriellen, der ganz direkt von der Sklaverei profitierte. Der Baumwollfabrikant war anfänglich sogar ein Verfechter der Sklaverei.

Guyer-Zeller hatte um 1860 einige Baumwollplantagen in den Südstaaten der Vereinigten Staaten besucht. Er wollte in Erfahrung bringen, woher der Rohstoff kommt, den sein Vater im Tösstal verarbeitet. Dabei machte er sich zur Zeit des Bürgerkriegs ein erstes Bild der Sklaverei. In seinen Tagebüchern verteidigte er diese zunächst: Die Sklaverei entspreche den «göttlichen Gesetzen» und der «zum Dienen geborenen» Natur der Afrikaner.

Um Bedeutung der Sklaverei gewusst

Solche Aussagen stuft Wolfgang Wahl zwar als rassistisch ein, er differenziert aber: «Guyer-Zeller argumentierte aus seiner Sicht als Patron eines Unternehmens und erachtete die Sklaverei als notwendiges Übel», sagt der Historiker aus der Tösstaler Gemeinde Wila, der seine Dissertation über das Wirken von Adolf Guyer-Zeller verfasste.

Der Industrielle sei sich der globalen Bedeutung der Baumwolle und der Sklaverei bewusst gewesen, sagt Wahl. Ohne die Sklavenarbeiter wäre es zu einem Engpass gekommen. Von sogenanntem transatlantischen Kapital könne man aber kaum sprechen. Gemeint sind umfassende Profite, die europäische Unternehmer und Kaufleute aus dem Dreieckshandel über den Atlantik erzielten.

Im Gegensatz zu anderen Unternehmern sei es Adolf Guyer-Zeller nie gelungen, mit dem Import und der Verarbeitung von Baumwolle ein Vermögen zu machen, sagt Wahl. «Dieses erzielte er erst später mit Gewinnen aus dem Kursgewinn von Eisenbahn-Aktien von 1877. Ausserdem hatte er von der Familie Geld geerbt.» Ende des 19. Jahrhunderts war der Baumwollfabrikant Milliardär und einer der reichsten und mächtigsten Männer der Schweiz.

Ein heutiger Milliardär verteidigte Guyer-Zellers anfänglich defensive Haltung in der Sklavenfrage. So sagte Unternehmer und Alt-Bundesrat Christoph Blocher (SVP) anlässlich eines Referats in Wetzikon, in dem er historische Oberländer Figuren würdigte, dass es Guyer-Zeller als Schweizer nicht angestanden wäre, sich gegen die Sklaverei in den amerikanischen Baumwollplantagen einzusetzen. «Wir Industriellen leben näher an der Sünde als ein Historiker, der an einer Mittelschule lehrt», sagte Blocher.

Guyer-Zellers Haltung änderte sich mit der Zeit. Ethisch und moralisch beeinflusst durch seine fromme Familie, sprach er sich später gegen den Menschenhandel aus. Den Gesinnungswandel Guyer-Zellers erklärt Historiker Wahl auch damit, dass der Unternehmer auf seinen Reisen die Schrecken des Sklavenhandels mit eigenen Augen gesehen habe – so beispielsweise auch, wie einem Sklaven wegen eines Fluchtversuchs ein Bein abgehackt worden sei. Zudem habe sich die wirtschaftliche Situation geändert; Guyer-Zeller konnte später auch Baumwolle aus Indien, Südostasien und Ägypten importieren.

Ein Wanderwegnetz, das allen dient

Der Historiker zeichnet daher ein differenziertes Bild des Zürcher Oberländer Industriellen. Dieser habe das Thema Sklaverei, je länger, desto mehr, aus einer ethischen Perspektive angesehen und zunehmend verurteilt. Guyer-Zeller habe sich nie nur als Unternehmer, sondern stets auch als Wohltäter betrachtet. So liess er etwa ein ganzes Wanderwegnetz für die Öffentlichkeit bauen. «Dies aber auch mit dem Hintergedanken, dass seine Fabrikarbeiter dadurch schneller zur Arbeit in der Fabrik ankommen.»

Aufgrund seiner grossen Bedeutung wird im Zürcher Oberland an mehreren Orten an Guyer-Zeller erinnert. In Bauma befindet sich das monumentale Familiengrab des Industriellen.

Der Gemeinderat hat sich angesichts der Stadtzürcher Debatte bereits Gedanken über das Erbe des berühmtesten Toten von Bauma gemacht. «Unseres Erachtens nach können Denkmäler nur aus dem jeweiligen historischen Kontext verstanden werden, wie auch Geschichtsschreibung immer Wertungen und Deutungen der Gegenwart beinhaltet», sagt Gemeindeschreiber Roberto Fröhlich. «Mit Sicherheit war Adolf Guyer-Zeller für seine Zeitgenossen, gerade im Tösstal, eine herausragende Persönlichkeit.» Erinnerungskultur, auch im Falle von Adolf Guyer-Zeller, verändere sich, könne aber nicht verordnet werden, sagt Fröhlich. «Aus Sicht der Gemeinde Bauma kann es vorliegend nicht darum gehen, im wortwörtlichen Sinne eine Figur vom Sockel zu holen.» Dazu sei nur schon die Grabanlage viel zu bedeutend. Ausserdem hätten Bilderstürme selten Gutes bewirkt.

Guyer-Zeller eignet sich nicht für Skandalisierung

In Bauma zeigt sich der Gemeinderat aber offen für eine kri­tische Auseinandersetzung. «Wichtig wird es sein, alle Aspekte des Wirkens von Adolf Guyer-Zeller richtig, das heisst zeitgemäss, entsprechend den heutigen Wertvorstellungen, einzuordnen», sagt Fröhlich.

In Wetzikon trägt eine Strasse den Namen des Industriellen. Der Gemeinderat benannte im Jahr 1994 den westlichen Teil der Hofstrasse als Guyer-Zeller-Strasse. «Der Grund für die Namensbezeichnung war, dass die im Jahre 1901 eröffnete Uerikon-Bauma-Bahn ein Werk des Fabrikanten und Unternehmers Adolf Guyer-Zeller ist», sagt Stadtschreiberin Martina Buri. Aus Sicht des Gemeinderats sei es deshalb gerechtfertigt gewesen, in Bahnhofsnähe einen direkten Bezug zu Adolf Guyer-Zeller herzustellen. Für die aktuelle Debatte scheint man sich in Wetzikon allerdings nicht gross zu interessieren. Der heutige Stadtrat hat sich gemäss der Stadtschreiberin nicht mit der Frage einer allfälligen Umbenennung des Strassennamens befasst.

Aufgrund seines Gesinnungswandels tauge Guyer-Zellers Werdegang auch gar nicht zur Skandalisierung, findet auch Wolfgang Wahl. Der Historiker sieht deshalb beim Oberländer Baumwollfabrikanten keinen Anlass für einen Denkmalsturz.