Ein ungewöhnlicher Kunde sitzt auf dem Coiffeurstuhl des Friseursalons Acqua Verde an der Wädenswiler Oberdorfstrasse: Ein Kopf aus Styropor, der einen weissen Bart trägt. Doch nicht irgendein Bart, sondern der vom Samichlaus. Denn Geschäftsführer Jens Engelhardt ist der Coiffeur der Chlauszunft Wädenswil.

Mit routinierten Griffen bearbeitet Engelhardt den weissen Chlausbart. Kamm und Föhn wechseln sich in fliessenden Kreisbewegungen ab. Am Anfang sind es noch feste Lockenknäuel; mit jedem Bürstenzug aber streckt sich das Haar und fällt in weiche Wellen. Sie fühlen sich rauer an, als sie aussehen, denn der Bart besteht aus echtem Büffelhaar. Bei genauem Hinschauen zeigen sich einzelne graue Strähnen.

Genug gezupft: Der Coiffeurmeister macht einen Schritt zurück und betrachtet sein Werk. «Der perfekte Samichlausbart muss dort, wo er ans Gesicht anschliesst, blickdicht sein», erklärt er. «Wehe, der Ansatz des Kostüms scheint durch. Oder noch schlimmer: ein dunkler Bartansatz.»

Seit fünf Jahren frisiert der 35-Jährige die Bärte, Schnäuze und Perücken der Wädenswiler Samichläuse. Die veranstalten jedes Jahr den Chlauseinzug in der Stadt und machen Hausbesuche. Jens Engelhardts Vorgänger, der einstige Eigentümer des Coiffeursalons, hatte sich jahrelang um die Bärte gekümmert. Also fragte die Zunft bei Engelhardt an, ob er die Aufgabe übernehmen wolle. «Wenn der Samichlaus anklopft, sagt man nicht Nein», meint der Wädenswiler schmunzelnd. Andere Friseure, die Chläuse frisieren, kennt er nicht. Oftmals sei das eine Aufgabe für Kostüm- und Maskenbildner.

Engelhardt lernte wegen einer Kundin, wie man Perücken pflegt und frisiert. Nach ihrer Chemotherapie traute sie ihre Zweithaare niemand anderem an als ihrem Stamm-Coiffeur.

Das Knüpfen der Perücken überlässt Jens Engelhardt aber Spezialisten. Im Fall der Samichläuse ist das eine Firma in Zürich. Jedes der 20 Zunftmitglieder hat eine auf seinen Kopf angepasste Bartgarnitur. Von Hand werden die einzelnen Haare an ein feines Netz geknüpft. Diese Chnüblibüez hat ihren Preis: Zwischen 800 und 1000 Franken kostet eine Ausstattung. «Wird sie gepflegt, hält sie dafür auch lange», meint der Coiffeur.

Lockenstab und Spray

Jeweils im Oktober beginnt Engelhardt mit der Vorbereitung. Die Haarteile werden erst gewaschen, dann kommen sie auf Lockenwickler und werden anschliessend luftgetrocknet. Der ganze Prozess dauert rund drei Stunden. Der letzte Schritt ist dann das Frisieren. Dort ist der Schnauz die Kür. Um dem Schnurrbart die gewünschte Form zu verleihen, nimmt Engelhardt den Lockenstab hervor und dreht die schmalen Strähnen auf. Nach ein paar Sekunden zieht er das Brenneisen weg: Das Ergebnis sind zwei spiegelgleiche, nach oben geschwungene Voluten. «Das Problem beim Schnauz ist, dass er durch das Ein- und Ausatmen feucht wird und dann zusammenfällt.» Die Lösung: eine deftige Ladung Haarspray. Wenn aber Schnee oder Regen den Chläusen in die Quere kommt, bleibt nichts anderes übrig als ein Notfallbesuch beim Coiffeur.

Bei Engelhardts Kindern haben die vielen Bärte im Salon schon zu kritischen Fragen geführt. «Da habe ich erklärt, dass der Samichlaus viele Helfer braucht, damit er alle Kinder besuchen kann», erzählt er. «Und weil nicht jeder einen so schönen Bart haben kann, hilft ihnen Papi.»