Klubschule Import
Der schlaue Bauer aus Nahost teilt sein Wissen mit Einheimischen

Aus Syrien in die Schweiz geflüchtet, tritt Hussein Albalkhi nun im Rahmen der Klubschule Import in der Roten Fabrik auf. Der Bauer gibt seine professionellen Erfahrungen aus seinem Betrieb in der Heimat an Interessierte weiter.

Matthias Scharrer
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Hussein Albalkhi gibt sein Wissen über Landwirtschaft am 19. April in der Roten Fabrik, Zürich, weiter.

Hussein Albalkhi gibt sein Wissen über Landwirtschaft am 19. April in der Roten Fabrik, Zürich, weiter.

Matthias Scharrer

Ein frischer Wind bläst durch die Häuserschluchten beim Bahnhof Oerlikon, als Hussein Albalkhi am Mittag das Gebäude der Migros-Klubschule verlässt. Der 49-jährige Syrer hat gerade einen Deutsch-Intensivkurs hinter sich. Zurzeit ist dies seine Hauptbeschäftigung im Alltagsleben. Nun trifft er den Schreibenden, um über ein anderes Klubschul-Engagement zu sprechen: Der 49-jährige Syrer beteiligt sich an der Klubschule Import in der Roten Fabrik. Die morgen Dienstag startende Veranstaltungsreihe soll Flüchtlingen und Einheimischen Gelegenheit bieten, einander auf Augenhöhe zu begegnen. Menschen, die in die Schweiz geflohen sind, geben dabei ihre professionellen Erfahrungen aus der Heimat weiter.

Ökonomisches Denken

Albalkhi kam vor gut zwei Jahren mit seiner Familie in die Schweiz. Er floh vor dem Bürgerkrieg, hatte Angst, in seiner Heimat erneut verhaftet zu werden, weil er im rebellischen Süden des Landes zu Hause war. Es fehlte nicht an bedrohlichen Warnzeichen: Regimeangehörige hatten bereits die Bäume seines Landwirtschaftsbetriebs gefällt.

Geflüchtete als Lehrer

Gereistes Wissen, vermittelt in einer zweiwöchigen Abendschule: Das verspricht die Veranstaltungsreihe Klubschule Import, die am 12. April im Fabriktheater der Roten Fabrik (Seestrasse 395, Zürich) beginnt. Als Lehrer treten dabei Menschen auf, die in der Schweiz Asyl beantragt oder vorläufig bekommen haben. Die Themenabende, die jeweils um 20 Uhr beginnen, handeln von arabischer Literatur und Kolonialgeschichte (12.4.), Klimaerwärmung und somalischer Küche (13.4.), Feminismus in Kurdistan und arabischer Kalligrafie (14.4.), Feldvermessung und Olivenanbau sowie Musik mit Oud und Saz (19.4.), landwirtschaftlicher Projektplanung und afghanischer Kalligrafie (20.4.) sowie Musik und Tanz (21.4.).
Hinter dem Projekt stehen die Theatermacher Andreas Liebmann und Cecilie Ullerup Schmidt. Ihr aus der Begegnung mit Geflüchteten erarbeitetes Performancekonzert «Exodus», das bereits in Berlin und Hamburg aufgeführt wurde, kommt vom 21. bis 25. Mai in der Roten Fabrik auf die Bühne. Ergänzend dazu entwickelten sie die Klubschule Import. Ziel sei eine Begegnung auf Augenhöhe, in der Geflüchtete nicht als zu Bemitleidende oder gar als Bedrohung, sondern als auf ihrem Gebiet kompetente Profis wahrgenommen werden, erklärt Liebmann: «Jeder bringt einen Beruf mit. Die meisten sind fit. Es geht um eine Normalisierung des Verhältnisses zu Geflüchteten.»
Nicht nur die aktuellen Debatten über Flucht, sondern auch biografische Hintergründe brachten Liebmann auf das Thema: «Mein Vater zog während des 2. Weltkriegs aus der Schweiz nach New York, weil er Jude war – aus Angst vor den Nazis», sagt der 44-Jährige, der in Zürich und Berlin lebt. Und fügt an: «Damals waren wir die Betroffenen. Wer weiss, wie es in Zukunft ist.» (mts)

Den Betrieb hatte er während 25 Jahren aufgebaut. Zuvor studierte Albalkhi Ökonomie. Das ökonomische Denken hört man ihm an, wenn er über Landwirtschaft spricht: «Man muss überlegen, was wann auf dem Markt gefragt ist», sagt er. Deshalb habe er als Bauer zunehmend diversifiziert. Er baute gut lagerfähige Produkte wie Knoblauch und Zwiebeln an. Pflanzte Weinreben. Hegte Olivenbäume. Da die Reben erst nach Jahren Früchte tragen, nutzte er das angrenzende Land, um Gurken, Tomaten oder Blumenkohl zu ziehen.

«Ich lernte von meinen Fehlern»

«Ich musste viel über Chemie und Physik lernen», sagt Albalkhi und erklärt: Um die Böden aufzubessern, habe er Dünger entwickelt und Bewässerungssysteme von Quellen zu den Feldern gebaut. Auch Pflanzenschutzmittel mischte er selbst, um die Kosten zu senken und die Erträge zu steigern.

Nun lebt er mit seiner Frau und den fünf Kindern im zürcherischen Ottenbach. Die Behörden gaben ihm den Status F: Er gilt in der Schweiz als «vorläufig aufgenommener Ausländer». Arbeit konnte er so bislang nicht finden. Und die Chancen, dass sich dies in naher Zukunft ändert, schätzt er aufgrund seines Alters und seines Aufenthalts-
status als gering ein.

Stolz auf die Erfolge der Kinder

Obwohl es ihm widerstrebe, lebe er gegenwärtig von der Sozialhilfe. «Ich versuche, aufs Deutschlernen zu fokussieren und gebe mein Bestes», sagt Albalkhi. «Ich bin müde. Aber ich mache weiter.»

Stolz klingt an, als er von seinen Kindern spricht: Die älteste Tochter habe eine Lehrstelle als medizinische Assistentin gefunden, die zweitälteste besuche im zehnten Schuljahr die Berufswahlschule und werde nächstes Schuljahr auf die Fachmittelschule wechseln; die drittälteste sei in der Sekundarschule A.

«Das sind grosse Schritte in kurzer Zeit», sagt er. «Sie haben den Willen und die Entschlossenheit, nicht vom Staat abhängig zu werden.» Die beiden Söhne seien noch im Primarschulalter.

Sein Kaffee ist kalt geworden, während Hussein Albalkhi aus seinem Leben erzählte. Wir verlassen das Restaurant in einem alten Fabrikgebäude beim Bahnhof Oerlikon, um noch ein paar Fotos vor dem Hintergrund der Migros-Klubschule zu machen. «Wird es besser?», fragt Albalkhi nach jedem Versuch. Es ist die Frage seines Lebens.