Ein frischer Wind bläst durch die Häuserschluchten beim Bahnhof Oerlikon, als Hussein Albalkhi am Mittag das Gebäude der Migros-Klubschule verlässt. Der 49-jährige Syrer hat gerade einen Deutsch-Intensivkurs hinter sich. Zurzeit ist dies seine Hauptbeschäftigung im Alltagsleben. Nun trifft er den Schreibenden, um über ein anderes Klubschul-Engagement zu sprechen: Der 49-jährige Syrer beteiligt sich an der Klubschule Import in der Roten Fabrik. Die morgen Dienstag startende Veranstaltungsreihe soll Flüchtlingen und Einheimischen Gelegenheit bieten, einander auf Augenhöhe zu begegnen. Menschen, die in die Schweiz geflohen sind, geben dabei ihre professionellen Erfahrungen aus der Heimat weiter.

Ökonomisches Denken

Albalkhi kam vor gut zwei Jahren mit seiner Familie in die Schweiz. Er floh vor dem Bürgerkrieg, hatte Angst, in seiner Heimat erneut verhaftet zu werden, weil er im rebellischen Süden des Landes zu Hause war. Es fehlte nicht an bedrohlichen Warnzeichen: Regimeangehörige hatten bereits die Bäume seines Landwirtschaftsbetriebs gefällt.

Den Betrieb hatte er während 25 Jahren aufgebaut. Zuvor studierte Albalkhi Ökonomie. Das ökonomische Denken hört man ihm an, wenn er über Landwirtschaft spricht: «Man muss überlegen, was wann auf dem Markt gefragt ist», sagt er. Deshalb habe er als Bauer zunehmend diversifiziert. Er baute gut lagerfähige Produkte wie Knoblauch und Zwiebeln an. Pflanzte Weinreben. Hegte Olivenbäume. Da die Reben erst nach Jahren Früchte tragen, nutzte er das angrenzende Land, um Gurken, Tomaten oder Blumenkohl zu ziehen.

«Ich lernte von meinen Fehlern»

«Ich musste viel über Chemie und Physik lernen», sagt Albalkhi und erklärt: Um die Böden aufzubessern, habe er Dünger entwickelt und Bewässerungssysteme von Quellen zu den Feldern gebaut. Auch Pflanzenschutzmittel mischte er selbst, um die Kosten zu senken und die Erträge zu steigern.

Nun lebt er mit seiner Frau und den fünf Kindern im zürcherischen Ottenbach. Die Behörden gaben ihm den Status F: Er gilt in der Schweiz als «vorläufig aufgenommener Ausländer». Arbeit konnte er so bislang nicht finden. Und die Chancen, dass sich dies in naher Zukunft ändert, schätzt er aufgrund seines Alters und seines Aufenthalts-
status als gering ein.

Stolz auf die Erfolge der Kinder

Obwohl es ihm widerstrebe, lebe er gegenwärtig von der Sozialhilfe. «Ich versuche, aufs Deutschlernen zu fokussieren und gebe mein Bestes», sagt Albalkhi. «Ich bin müde. Aber ich mache weiter.»

Stolz klingt an, als er von seinen Kindern spricht: Die älteste Tochter habe eine Lehrstelle als medizinische Assistentin gefunden, die zweitälteste besuche im zehnten Schuljahr die Berufswahlschule und werde nächstes Schuljahr auf die Fachmittelschule wechseln; die drittälteste sei in der Sekundarschule A.

«Das sind grosse Schritte in kurzer Zeit», sagt er. «Sie haben den Willen und die Entschlossenheit, nicht vom Staat abhängig zu werden.» Die beiden Söhne seien noch im Primarschulalter.

Sein Kaffee ist kalt geworden, während Hussein Albalkhi aus seinem Leben erzählte. Wir verlassen das Restaurant in einem alten Fabrikgebäude beim Bahnhof Oerlikon, um noch ein paar Fotos vor dem Hintergrund der Migros-Klubschule zu machen. «Wird es besser?», fragt Albalkhi nach jedem Versuch. Es ist die Frage seines Lebens.