Der Sechseläutenplatz hat sich seit seiner 2014 abgeschlossenen Neugestaltung als Bühne urbanen Lebens etabliert. Dazu gehören nebst den Alltags-Flaneuren, die ihn bei schönem Wetter bevölkern, auch Veranstaltungen wie der Weihnachtsmarkt, der Circus Knie, das Filmfestival, die Street Parade und die 1.-Mai-Schlusskundgebung. Den Initianten der Volksinitiative «Freier Sechseläutenplatz», über die das Stadtzürcher Stimmvolk am 10. Juni abstimmt, geht dies zu weit. Sie verlangen, dass solche Veranstaltungen künftig nur noch an 65 Tagen pro Jahr auf dem Platz stattfinden dürfen. Zudem seien, abgesehen von Ausnahmen wie etwa dem Zirkus, nur noch Gratisveranstaltungen zulässig. Die Initiative kommt aus den Reihen der Grünen, der AL und der SP.

Gegenüber der Praxis der letzten Jahre, als der Platz jeweils an rund 140 Tagen belegt war, brächte ein Ja zur Initiative eine massive Einschränkung. Der Gemeinderat hat daher einen Gegenvorschlag erarbeitet. Dieser entspricht weitgehend der bisherigen Regelung. Demnach wären an jährlich 180 Tagen Veranstaltungen auf dem Sechseläutenplatz erlaubt. Davon dürften höchstens 45 Tage in den Sommermonaten Juni, Juli, August und September liegen.

Bei den Parteien findet der Gegenvorschlag eine deutliche Mehrheit: SP, FDP, SVP, GLP und EVP haben die Ja-Parole ausgegeben, ebenso der Stadtrat. Die SP ist allerdings gespalten, was sich in ihrer gleichzeitigen Stimmfreigabe zur Volksinitiative ausdrückt. Klar Ja zur Initiative sagen hingegen die Grünen und die AL.

Hinter der Initiative steht der ewige Konflikt zwischen Freiraum und Kommerz. Auch die Erfahrung aus dem Eröffnungsjahr, als der neu gestaltete Platz im Sommer zusätzlich noch durch das Rahmenprogramm zur Leichtathletik-Europameisterschaft belegt war, trug mit zum Entstehen der Initiative bei. Der Stadtrat hat inzwischen längst eingeräumt, dass er anfangs zu grosszügig bei der Bewilligung von Veranstaltungen auf dem neuen Sechseläutenplatz war.
Doch die Frage bleibt berechtigt: Wann ist ein Platz frei zur allgemeinen Verfügung – und ab wie vielen Tagen mit fixen Veranstaltungen verschwindet er als Freiraum? Die Grünen und Alternativen vertreten das Ideal eines Platzes, der fast immer allen zur Verfügung steht. Das ist grundsätzlich richtig. Nur: Zu «allen» gehören auch die Besucher eines Weihnachtsmarkts, eines Filmfestivals oder eines Zirkus. Solche Veranstaltungen machen das urbane Leben in einer Metropole wie Zürich mit aus. Es wäre ein Fehler, sie zu sehr einzuschränken. Kommerzielle Veranstaltungen bedeuten nicht automatisch das Ende für freies Stadtleben. Im Gegenteil: Bis zu einem gewissen Grad sind sie Voraussetzung dafür, dass Stadtleben überhaupt möglich ist.

Mit ihrer Forderung, auf dem Sechseläutenplatz nur noch an 65 Tagen Veranstaltungen zuzulassen, die zudem vorwiegend unkommerziell sein müssten, gehen die Initianten zu weit. Der Platz soll bespielt werden dürfen – und das nicht zu knapp. Aber auch nicht zu viel. Das rechte Mass zu finden, ist jedoch im Rahmen der bisherigen Regelung, die mit einem Ja zum Gegenvorschlag gestärkt würde, möglich.

Es braucht aber Fingerspitzengefühl, sowohl bei den städtischen Bewilligungsbehörden als auch bei den Veranstaltern. Die FDP bezeichnete die Initiative als «Spassbremse». Sie hat in diesem Fall Kulturschaffende wie die Kabarettisten Victor Giacobbo und Marco Rima, die Filmschaffenden Xavier Koller und Rolf Lyssy, Bandleader Pepe Lienhard und Zirkusdirektor Fredy Knie auf ihrer Seite. Die institutionalisierte Spasskultur sollte allerdings auch nicht überhandnehmen. Fast jeden Tag Halligalli auf dem Sechseläutenplatz wünscht sich niemand.
Um ein vernünftiges Abwägen in diesem Spannungsfeld zu ermöglichen, sind zu strikte Verbote, wie sie die Initianten fordern, jedoch der falsche Ansatz. Der Sechseläutenplatz soll ein Freiraum bleiben – auch für kommerzielle Veranstaltungen, die urbanes Leben mit ausmachen.