Kurz vor Mittag läuft auf dem grossen LED-Bildschirm ein Film über das Zusammentreffen einer Sexpertin, einer Psychologin und der Künstlerin Andrea Eva Györi. Sie zeichnet Frauen beim Masturbieren. Ihr Modell traf sie an den Porny Days, einem Festival für pornografische Filme. Doch hier, im Pavillon of Reflections, dem beim Zürcher Bellevue im See schwimmenden Wahrzeichnen der Manifesta, wird kein Porno gezeigt; sondern ein Film über das Kunstprojekt, das wie die ganze Manifesta unter dem Motto «What People do for Money» steht. Eine Schulklasse sieht gespannt zu. «Jetzt zeichnet sie den weiblichen Orgasmus», meint ein Schüler, während man die Künstlerin auf dem LED-Screen malen sieht. Punkt zwölf Uhr fragt ein anderer Schüler die Lehrerin: «Siiie, können wir jetzt gehen?» Kurz darauf ist der Film zu Ende. Die Klasse darf gehen.

Nun sind an diesem Regentag nur noch vereinzelte Besucher in dem schwimmenden Kino, das tagsüber auch eine Badeanstalt ist. Ursprünglich sollte der Holzpavillon nur abends ein Kino sein. Doch schon bald habe sich herausgestellt, dass Kinobetrieb und Badi gut aneinander vorbeikämen, sagt Manifesta-Sprecherin Nora Hauswirth, während sie an der Bar des schwimmenden Kinos Kaffee trinkt. Die Bilder auf dem LED-Screen liessen sich auch bei Sonnenschein gut erkennen, und akustisch seien der Badi-Teil und der Kino-Teil des Pavillons ausreichend voneinander separiert. Deshalb laufen die Filme, ohne dass dies gross kommuniziert wurde, nun täglich bereits ab 11 Uhr.

Der nächste Film läuft an. Hinter dem Screen durchpflügt ein Polizeiboot den dunkelgrünen See und wirft weisse Wellen. Ein Spatz hüpft zwischen den Sitzkissen auf den Holzstufen umher, wo eben noch die Schulklasse sass; er pickt Sandwichkrümel. Derweil sinnieren die Künstlerin Una Szemann und der Psychologe Olaf Knellessen auf dem Bildschirm über die Psychoanalyse des Objekts, ausgehend von einer Meditation Szemanns, bei der sie sich als haarigen Samen sah. Das Schiffshorn der MS Linth trötet.

Und noch ein Film beginnt: Er zeigt die Begegnung des norwegischen Fotografen Torbjörn Rǿdland mit der Zürcher Zahnärztin Danielle Heller-Fontana. Alle Filme auf dem Pavillon of Reflections wurden von Studierenden der Zürcher Hochschule der Künste gedreht — unter der künstlerischen Leitung des Manifesta-Kurators Christian Jankowski, der sich als Videokünstler einen Namen gemacht hat. Als Kunstdetektive treten in den Filmen Schülerinnen und Schüler aus Zürich auf, um die Protagonisten zu befragen. Beim Zahnarztfilm schlüpfte die Tochter der Zahnärztin in die Rolle der Kunstdetektivin.

Nicht nur für Kunstexperten

Die Filme dauern je rund 10 bis 25 Minuten. Insgesamt 26 Filme umfasst das Programm. Fazit nach drei Stunden Filmegucken: Für das Eintrittsgeld von sechs Franken ist viel geboten. Allein schon die Szenerie der von ETH-Studenten gebauten schwimmende Holzinsel und der hinter dem LED-Screen vorbeifahrenden Schiffe ist ein Erlebnis. Die Bar, die nebst Getränken auch kleine Mittagsmenüs bietet, erleichtert das längere Verweilen bei diesem Filme-Marathon. Und bei wärmeren Temperaturen gäbe es immer noch den Sprung in den See als auflockernde Option.

Das überdachte Kino taugt aber auch bei Regenwetter. Allerdings empfiehlt es sich, dann eine wärmende Decke mitzunehmen, falls man das vielfältige Filmprogramm länger auskosten will. Bisweilen etwas nervig, weil teilweise gar simpel, sind einzig die Kommentare der jungen Kunstdetektive am Ende der Filme. Doch die Message ist klar: Hier gibts Kunstkino nicht nur für Kunstexperten, sondern für jedermann — in einer attraktiven Umgebung.

Der Pavillon of Reflections ist täglich von 8 bis 24 Uhr, mittwochs nur bis 17 Uhr, offen.