Die Mitglieder des Zürcher Baurekursgerichts fanden sich kürzlich mitten in der Nacht auf einer Kuhweide ein. In einem abgeschiedenen Weiler im Zürcher Oberland nahmen die Richter in der Dunkelheit einen «Augenschein» vor.

Dabei hörten sie insbesondere hin.

Denn im kleinen, idyllisch gelegenen Weiler, an dem in rund 100 Meter Entfernung eine Strasse vorbeiführt, die nachts kaum befahren ist, liegen sich seit einiger Zeit ein Ehepaar und ein Landwirt in den Haaren. Der Streit dreht sich um grasende Tiere und deren grossen, laut bimmelnden Glocken.

Nachdem beim Gemeinderat mehrmals Lärmklagen eingegangen waren, hatte dieser im vergangenen November ein «nächtliches Trageverbot von Kuhglocken» erlassen. Gestützt auf die kommunale Polizeiverordnung hat er dem Landwirt befohlen, dass dessen Kühe nachts von 22 bis 7 Uhr im Umkreis von 200 Metern der Liegenschaft des Ehepaares keine Glocken tragen dürften. Gegen diesen Entscheid hat der Bauer beim Baurekursgericht rekurriert. Vergebens, wie aus dem veröffentlichten Urteil hervorgeht.

Begonnen hatte der Lärmstreit vor rund vier Jahren: Damals soll der Landwirt, wie im Urteil die Aussagen des Ehepaars zitiert werden, «erstmals rund zwölf von der Alp zurückgekommenen Rindern Kuhglocken umgehängt» haben. Die Tiere hätten dann 24 Stunden lang unmittelbar neben dem Wohnaus gegrast. Das Ehepaar, das bei geschlossenen Fenstern nicht mehr schlafen konnte, nahm Kontakt zum Landwirt auf. Seither soll der Bauer, so wird im Urteil ausgeführt, seine Tiere nur noch mit umgehängten Glocken auf die Weide gelassen haben – und zwar alle Tiere, fast das ganze Jahr über.

Der Lärmstreit um ein paar Kuhglocken hat sich, so dürften diese Zeilen des Urteils wohl zu deuten sein, zu einem veritablen Nachbarschaftsstreit entwickelt. Dessen weiteren Hintergründe und Umstände sollen hier keine Rolle spielen. Interessieren tut vielmehr die juristische Frage: Kann ein Gemeinderat überhaupt auf dem Land ein Kuhglockentrageverbot erlassen?

Kühe als «ortsfeste Anlagen»

Der Gemeinderat hatte in seinem Entscheid selber darauf hingewiesen, dass «die lärmbetroffene Liegenschaft in der Landwirtschaftszone liegt und in dieser Zone der Kuhglockenlärm eher zu tolerieren ist als in einer Wohnzone». Allerdings sei der Kuhglockenlärm dem Betriebslärm zuzurechnen und «nach den Vorschriften über ortsfeste Anlagen der Lärmschutzverordnung zu begrenzen».

Das sieht auch das Baurekursgericht nun so. Grundsätzlich habe das Ehepaar, das im Grünen lebt, schon «mit Immissionen aus landwirtschaftlichen Betrieben zu rechnen». Dies allerdings nicht unbegrenzt: Auch den Anwohnern «kommt namentlich nachts ein Anspruch auf Ruhe zu».

Beim richterlichen Augenschein hatten sich in einer Distanz von rund 80 Metern zum Haus vier Tiere mit Glocken aufgehalten. Die Richter erkannten, dass diese «durchaus auch in der Nacht grasen, sie sich daher auf der Weide bewegen und dadurch praktisch dauernd ein Kuhglockengeläut herrscht». Im Urteil werden diese Immissionen als «sehr laut» bezeichnet. Es wird festgehalten, dass «der Lärm das zulässige Mass überschreitet». Und die Richter verweisen auf den Umstand, dass im Frühling und Herbst nicht nur vier, sondern bis 28 Tiere auf drei Seiten des Wohnhauses weiden würden.

Der Landwirt hatte beim Augenschein vorgebracht, dass er aus betrieblichen Gründen auf die Glocken angewiesen sei: Dank des Geläuts könnte er im Notfall, wenn eines seiner Tiere beispielsweise wegen eines streunenden Hundes in Panik versetzt werde und von der umzäunten Weide ausbüxe, rascher finden.

Ein Zaun ist ein Zaun

Das Baurekursgericht zeigte sich aber nicht davon überzeugt, dass «es auf den Weiden am vorliegend strittigen Ort unumgänglich oder zumindest von wesentlichem Nutzen sein soll, dem Vieh Glocken umzuhängen». Ein Elektrozaun verhindere zwar nicht mit letzter Sicherheit ein Ausbrechen. Er dürfte aber, da er als übliche Einzäunungsart anzutreffen sei, von hoher Zuverlässigkeit sein. Und sollte dennoch einmal ein Tier fliehen, dürfte es laut den Richtern dank den vielen kleinen und grösseren Weilern in der Nähe «auch ohne Kuhglocke ohne besondere Schwierigkeiten» wieder aufzufinden sein.

Das vom Gemeinderat verfügte nächtliche Trageverbot habe für den Landwirt keine betrieblichen oder gar wirtschaftlichen Folgen, hält das Gericht fest. Der Lärm, der «die betroffenen Anwohner in ihrem Wohlbefinden erheblich stört», sei vermeidbar. Das Verbot erweise sich damit als «verhältnismässig und rechtens».

Einen Fehler hat der Gemeinderat allerdings gemacht: Er verhängte ein «Trageverbot von Kuhglocken». Auf der Weide grasen aber Rinder. «In Bezug auf die Lärmimmission ist es indes unerheblich, ob es sich um Kühe oder Rinder handelt», hält das Baurekursgericht fest. Der Klarheit halber hat es die Anordnung aber umformuliert: Auf den Weiden soll nun «allgemein das Vieh keine Glocken tragen».

Der Entscheid ist noch nicht rechtskräftig, er kann noch angefochten werden.