Universität Zürich
Der neue Rektor der Universität Zürich im Portrait

Der akademische Überflieger Michael Hengartner wurde vom Universitätsrat zum künftigen Rektor gekürt. Der Vorsteher der grössten Uni der Schweiz ist ein berühmter Fadenwurmforscher, sechsfacher Vater und von unerschöpflicher Energie.

Anna Wepfer
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Steht vor einer Herkulesaufgabe: Michael Hengartner in seinem Labor auf dem Campus Irchel der Uni Zürich.

Steht vor einer Herkulesaufgabe: Michael Hengartner in seinem Labor auf dem Campus Irchel der Uni Zürich.

MARC DAHINDEN

Michael Hengartner war als junger Forscher an einem Nobelpreisprojekt beteiligt, heute ist er einer der beliebtesten Dozenten der Universität Zürich. Gestern wurde der akademische Überflieger vom Universitätsrat zum künftigen Rektor gekürt.

«Ich sehe mich als Dienstleister, nicht als Chef»

Herr Hengartner, nächstes Jahr werden Sie Rektor der Uni Zürich. Was werden Sie umkrempeln?

Michael Hengartner: Es ist noch zu früh, um über konkrete Projekte zu sprechen. Ich werde mich aber an den Eckpfeilern Menschen, Räume und Diversität orientieren: Wir wollen eine Spitzen-Uni sein, also brauchen wir die besten Leute. Wir brauchen mehr Quadratmeter für unsere Studierenden und Freiraum, in dem sich unsere Forschenden entfalten können.

Wie wollen Sie als Chef wahrgenommen werden?

Ich sehe mich nicht unbedingt als Chef, sondern als Dienstleister, der für gute Arbeitsbedingungen sorgt. Exzellente Leistung kann man nicht befehlen, nur ermöglichen. Ich möchte wahrgenommen werden als jemand, der gut zuhört, der die Betroffenen in Entscheide einbezieht und der Beschlossenes effizient umsetzt. Und es wäre schön, wenn die Leute merken, dass ich Humor habe. Gegen aussen will ich ein greifbares Aushängeschild sein und den Kontakt zur Zürcher Bevölkerung pflegen, die jährlich eine halbe Milliarde Franken in die Uni investiert.

Ihr Vorgänger wurde kritisiert, weil sich die Uni von der UBS fünf Lehrstühle sponsern lässt.

Grundsätzlich finde ich das Sponsoring gut. Die Universität braucht mehr Geld, um international an die Spitze zu kommen. Kritisieren würde ich, dass der Deal zu wenig transparent ist. Die Uni musste den Vertrag mit der UBS zwar offenlegen, aber mit eingeschwärzten Stellen. Mein Ziel als Rektor wäre es, alle Verträge so auszuhandeln, dass beide Seiten sie mit gutem Gewissen veröffentlichen können. Zudem werde ich mich dafür einsetzen, dass die Uni aktiv und mit eigenen Projekten auf mögliche Geldgeber zugeht. Das ist besser, als wenn ein Sponsor die Schaffung von Lehrstühlen anregt.

Die Uni hat kürzlich die Wahl eines Professors sistiert, weil kein Schweizer in die Endrunde kam. Zu Recht?

Wir wollen für unsere Studierenden die besten Professorinnen und Professoren der Welt. Da darf man auf keinen Fall auf die Nationalität schauen. An meiner Fakultät hat es mehr Nichtschweizer als Schweizer und es ist mir wichtig, dass sie sich willkommen fühlen. Dass jemand wegen seines Passes verunglimpft wird, geht überhaupt nicht und wir müssen unsere Professoren vehement gegen solche Angriffe verteidigen.

Anders als die ETH gehört die Universität Zürich nicht zu den weltweiten Spitzenuniversitäten. Wie wollen Sie das ändern?

Wie gesagt: Man kann Exzellenz nicht befehlen. Sie muss aus den Fakultäten und aus den Ideen der Professoren heraus entstehen. Auf diese Weise haben wir auch unsere Forschungsschwerpunkte entwickelt. Im Moment sind wir im Bereich der Medizin weltweit an der Spitze. Das soll so bleiben. Ich kann mir vorstellen, dass wir künftig weiter in Disziplinen investieren, mit denen wir für die Gesellschaft viel leisten können. Ein Stichwort wäre etwa die 2000-Watt-Gesellschaft und die damit verbundenen sozialen und technologischen Veränderungen.

An der ETH sollen die Studiengebühren verdoppelt werden. Sind sie auch an der Universität zu tief?

Ich würde daran lieber nicht schrauben. Im Uni-Budget sind die Gebühren ein kleiner Posten. Im Budget eines einzelnen Studenten können sie aber viel ausmachen. Darum würde ich sie gerne auf dem heutigen Stand lassen.

Mit Michael Hengartner sprach Anna Wepfer.

Eigentlich ist das Amt des Universitätsrektors ein Amt, das verdiente Professoren zum Ende ihrer Laufbahn übernehmen. Andreas Fischer etwa war 61-jährig, als er 2008 zum Rektor der Universität Zürich gewählt wurde.

Im Sommer 2014 tritt er in den Ruhestand. Der Mann, der von ihm das Chefbüro erben wird, passt jedoch nicht in dieses Schema. Zwar hat der preisgekrönte Fadenwurmforscher Michael Hengartner bereits eine erfolgreiche Karriere hinter sich – ein Ende ist aber noch lange nicht in Sicht. Bei Amtsantritt wird Hengartner gerade erst seinen 48. Geburtstag gefeiert haben und damit als einer der jüngsten Rektoren aller Zeiten in die Zürcher Geschichte eingehen.

Seinen Sprung an die Spitze der grössten Schweizer Universität hat der Universitätsrat gestern Abend offiziell besiegelt. Das Gremium unter der Leitung von Regierungsrätin Regine Aeppli folgte damit der Empfehlung des Senats. Die Versammlung der 550 Professorinnen und Professoren hatte Hengartner bereits Anfang Juni nominiert.

Ein Senkrechtstarter

Die Wahl zum Rektor ist gewissermassen die logische Fortschreibung von Hengartners bisheriger steiler Laufbahn. Schon als Bub schaute er seinem Vater bei dessen Arbeit als Mathematikprofessor gerne über die Schulter.

Er sei ein «chronisch neugieriger Nerd» gewesen sagt Hengartner, der als Sohn von Schweizer Eltern mit seinen vier Brüdern im französischsprachigen Kanada aufwuchs. Studiert hat er Biochemie in Quebec, für sein Doktorat wechselte er ans renommierte MIT in die USA.

Dort - ein Glücksfall - geriet er ins Team des Professors Robert Horvitz, mit dem er fortan das Phänomen des Zelltodes beim Fadenwurm erforschte. Ihre Erkenntnisse waren so bahnbrechend, dass Horvitz dafür Jahre später den Medizin-Nobelpreis erhielt.

Hengartner kletterte derweil in Windeseile die Karriereleiter empor. Mit 27 Jahren leitete er die erste eigene Forschungsgruppe in der Nähe von New York, 2001 wurde er erst 34-jährig als Professor nach Zürich berufen, wo er 2009 zum Dekan der Mathematisch-Naturwissenschaftlichen

Fakultät aufstieg. Wie schafft man das in so kurzer Zeit? «Mit Leidenschaft», sagt Hengartner. «Man muss das feu sacré haben, ehrgeizig sein, sein Bestes geben.» Das sagt er auch seinen Studenten, die sich auf dem Campus Irchel über die Mikroskope beugen. Hier hat Hengartner auch sein Büro. Unter Papierstapeln erahnt man die Umrisse zweier Schreibtische. An einem sitzt Hengartners Frau Denise. Sie lernte er vor zwölf Jahren als Mitarbeiterin eines Kollegen kennen und war beeindruckt von der kecken Biologin. Er heiratete sie und holte sie in sein Team. Seither teilen sich die beiden Arbeitsplatz und Familienleben.

Hengartner hat sechs Kinder. Die beiden ältesten (16- und 18-jährig) stammen aus erster Ehe und leben in Biel. Mit den vier jüngeren (vier- bis zehnjährig) wohnt er fünf Minuten vom Campus entfernt. Die Zeit mit ihnen sei ihm heilig, sagt er. Deshalb bemüht er sich, nicht mehr als zwei Abende pro Woche ausser Haus zu sein. Am Wochenende ist mindestens ein Tag Familientag.

Arbeit, Arbeit, Arbeit, Leben

Dennoch sagt Hengartner, er habe keine Work-Life- sondern eine Work-Work-Work-Life-Balance. Nebst seiner Arbeit an der Uni wacht er in einer Schulkommission über die Kantonsschule Zürich Nord (KZN). Er sitzt im Vorstand der lokalen FDP und in der Schulpflege Waidberg. Wie schafft man das? «Mit Leidenschaft», sagt Hengartner. «Und einer sehr unterstützenden Frau.»

Jene, die mit ihm zusammenarbeiten, sind des Lobes voll für den Mann mit den schier unerschöpflichen Energiereserven. «Ich frage mich manchmal, wie er das macht», sagt Urs Berger, Präsident der Schulpflege Waidberg. An Sitzungen komme Hengartner stets gut vorbereitet und wirke nie gestresst. «Er ist sehr umgänglich. Nicht abgehoben akademisch, sondern bodenständig.» Die Lehrerinnen und Lehrer schätzten ihn deshalb sehr.

Sobald Hengartner Rektor wird, gibt er alle anderen Aufgaben ab. Eine traurige Nachricht für Felix Angst, den Rektor der KZN. Er hat den Akademiker als grosse Stütze empfunden während der konfliktreichen Fusion der Gymis Oerlikon und Birch unter dem KZN-Dach. Angst lobt Hengartners nüchternen Blick und sein lösungsorientiertes Vorgehen. «Er ist ein unterstützender Vorgesetzter, obwohl er kritische Fragen stellt und nicht alles abnickt.»

Lieber bescheiden

Das viele Lob scheint Hengartner fast unangenehm zu sein. Er ist ein Meister des gepflegten Understatements, grosse Gesten liegen ihm nicht.

In einem Interview liess er sich einst mit der Untertreibung zitieren, er habe in seinem Leben mehr Glück als Verstand gehabt. Dass er für seine Forschung 2007 den renommierten Latsis-Preis erhielt und 2010 als bester Dozent der Uni Zürich ausgezeichnet wurde, relativiert er mit der Aussage, Preise seien nur Ausdruck der Meinung einer Jury. Auch privat mag er es bescheiden. Zufrieden ist er, wenn er im Garten werkelt, Ferien verbringt er am liebsten zuhause mit der Familie. Könnte er sich etwas wünschen, so wäre es Zeit zum Lesen.

Dieser Wunsch wird in den kommenden Jahren wohl kaum in Erfüllung gehen. Als Rektor hat er die Herkulesaufgabe, die Interessen von 550 Professorinnen und Professoren unter einen Hut zu bringen. «Das ist, wie wenn ich ein Konzert dirigieren müsste mit 550 Solisten», sagt Hengartner. Dass er da vor einer grossen Herausforderung steht, ist ihm klar. Wie er sie bewältigen will, ebenfalls: «Mit Leidenschaft.»

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