Wer sich mit ihnen eindecken will, kann dies in Zürich Oerlikon tun, wo auf dem Marktplatz hauptsächlich mit von Ärzten verschriebenen Medikamenten gedealt wird, wie die «Nordwestschweiz» vor zwei Wochen darlegte. Doch Dormicum und Co. sind nicht nur ein Zürcher Problem.

Joshua Bischofberger, Mitarbeiter der Anlaufstelle Winterthur DAS, die suchtmittelabhängige und psychisch kranke Menschen betreut, sagt: «Wir beobachten ganz klar, dass klassische Drogen wie Heroin oder Kokain durch Benzodiazepine oder Amphetamine verdrängt werden. Dormicum ist der Renner unter den Süchtigen.» Diese Medikamente würden im beinahe gleich hohen Masse gedealt wie Heroin und Kokain. Laut einer Studie der Universität Genf hat sich der Mix-Konsum von Heroin und Dormicum zwischen 2009 und 2010 von
9 auf 17 Prozent erhöht.

Hohes Suchtpotenzial

Die Wirkung des Medikaments ist gravierend. «Die Leute, die Dormicum intus haben, sind völlig weggetreten. Sie haben Blackouts, Filmrisse, tun gefährliche und riskante Dinge, von denen sie nachher nichts mehr wissen», so Bischofberger.

Und: Benzodiazepine haben ein hohes Suchtpotenzial, weil sie für einen intensiven Kick sorgen. Den Kick, den Süchtige suchen und mit der Zeit auch brauchen, sobald ihr Körper abhängig ist von den Benzos, wie sie auf der Strasse heissen. Jürg Niggli von der Suchtfachstelle St. Gallen bestätigt: «Patienten unter Einfluss von Dormicum wissen nicht mehr was sie tun, sie sind nicht mehr sie selbst, begehen Diebstähle oder wenden Gewalt an – was sie sonst nicht tun würden.»

Bei der Arud, die Suchtzentren und Abgabestellen in und um die Stadt Zürich betreibt, heisst es, mit Benzodiazepinen werde in grossem Ausmass gehandelt: «Das wissen alle, die mit suchtkranken Menschen arbeiten. Wir verschreiben nur in ganz seltenen Ausnahmefällen Benzodiazepine wie Dormicum. In der letzten Zeit hatten wir erstaunlich wenig Anfragen diesbezüglich – das könnte schon darauf hinweisen, dass der Schwarzmarkt gesättigt ist.»

Auch Edwin Berchtold vom Verein Kirchliche Gassenarbeit in Luzern bestätigt: «Benzodiazepine, hauptsächlich Dormicum, werden sehr viel konsumiert. Die Nachfrage stagniert auf einem hohen Level.»

Benzodiazepine – Dormicum, Rohypnol, Valium oder Temesta – sind Medikamente, die unter das Betäubungsmittelgesetz fallen. Sie werden teilweise von Ärzten in solch hohen Mengen verschrieben, dass der Patient, würde er alles selber nehmen, dauerhaft weggetreten wäre. Stattdessen verkauft er einen Teil der Medikamente auf der Strasse an andere Benzodiazepin-Süchtige.

Kontrollen gibt es kaum

Den Medikamenten-Schwarzmarkt trockenzulegen ist aktuell schwierig bis unmöglich. Die Ärzte haben die Lizenz, diese gefährlichen Mittel in fast beliebiger Menge abzugeben. Kontrollen gibt es kaum. Nur wenn der Arzt den Patienten, dem er Dormicum und Co. verschreibt, als Suchtpatient angibt, braucht er eine Bewilligung vom Kantonsarzt. Ein weiteres Problem: «Wenn jemand ein Medikament, das er von einem Arzt verschrieben erhält, selber nicht nimmt und stattdessen verkauft, dann geschieht das ausserhalb der Zugriffsmöglichkeit der Gesundheitsdirektion. Hier ist die Polizei gefragt», sagt Daniel Winter von der Gesundheitsdirektion Kanton Zürich.

In dem von der «Nordwestschweiz» beschriebenen Fall in Oerlikon wäre das die Stadtpolizei Zürich. Diese sieht aber laut Sprecher Marco Cortesi «keinen Handlungsbedarf».

In der Entzugsabteilung der Suchtbehandlung Frankental in Zürich ist der Medikamentenmissbrauch von Benzodiazepinen seit Jahren bekannt. «Was sich geändert hat, ist die Konsumgruppe», sagt Urs Vontobel, Gesamtleiter des Frankentals. «Früher waren solche Tranquilizer oder Schlafmittel auf Benzodiazepinbasis bei älteren Leuten oder Hausfrauen sehr beliebt. Denken Sie nur an den Song der Rolling Stones ‹Mother’s Little Helper›. Heute sind die Süchtigen hauptsächlich auf Dormicum aus.»

Dass es schwarze Schafe unter den Ärzten gibt, ist für Roger Mäder, Leiter des Forums Suchtmedizin Ostschweiz, klar. «In der illegalen Szene ist Dormicum schon lange ein erkanntes Problem.» Er sagt auch, dass schon länger nach Lösungen gesucht werde. Alle Drogenarbeiter und Suchtexperten sind noch so gern bereit, über die Probleme, die die Benzo-Sucht verursachen, speziell die drastischen Nebeneffekte des Dormicum-Konsums zu sprechen. In praktisch jedem Gespräch mit der «Nordwestschweiz» fällt ein Satz wie «Endlich nimmt sich jemand dieses Themas an.» Aber für Mäder ist auch klar: «Solange auf diese Weise Geld verdient wird, wird es dieses Problem weiterhin geben.»