Grossprojekt
Der neue Hauptsitz der Zurich-Versicherung ist angebaggert

Der Versicherungskonzern umzingelt seine Stammgebäude mit einem gläsernen Bekenntnis zu Zürich. Dabei wird ganz auf Nachhaltigkeit gesetzt.

Matthias Scharrer
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Ein Teil des alten Gebäude-Ensembles am Zurich-Hauptsitz weicht einem Neubau.

Ein Teil des alten Gebäude-Ensembles am Zurich-Hauptsitz weicht einem Neubau.

Matthias Scharrer

Wie ein gefrässiges Monster frisst sich der 67 Tonnen schwere Bagger in eines der alten Gebäude am Hauptsitz der Zurich Versicherung. Die Büros nahe beim Seeufer in Zürich-Enge sind längst geräumt und ihre Insassen vorübergehend auf andere Standorte verteilt. Jetzt wird gebaggert, dass die Steine fliegen, der Beton fällt und die Baustoffe fein säuberlich sortiert rezykliert werden können. Den Baustaub löscht der Monsterbagger mit feuchtem Atem aus einer Wasserdüse. Im tropfenweisen Hochdruck-Wasserstrahl entsteht ein kleiner Regenbogen.

Ende November hat der Rückbau jener Teile des Hauptsitzes der Zurich Versicherung begonnen, die einem Neubau weichen müssen. Der Versicherungskonzern setzt auf ein Ensemble aus Alt und Neu – und legt damit auch ein Bekenntnis zum Standort Zürich ab, wie Projektleiter Hans-Peter Bissegger gestern bei einem Baustellenrundgang sagte. Es ist ein gläsernes Bekenntnis, und wie unschwer zu erahnen ist, hat es mit Verdichtung zu tun.

In die Höfe zwischen den alten Gebäuden des Hauptsitzes kommt ein U-förmiger Glasbau, dessen seeseitiges Ende turmartig in die Höhe wächst. Mit 25 Metern bis zur von unten sichtbaren Traufe wird der Neubau deutlich höher als die Altbauten der Umgebung. Insgesamt erreicht der Turm mit dem zurückversetzen Attika-Obergeschoss eine Höhe von 32 Metern.

Ungewohnt reibungslos

Das hat seinen Preis: Als Abgeltung für den entstehenden Mehrwert einigten sich die Stadt und die Versicherung darauf, dass die Zurich Zürich 8,36 Millionen Franken Mehrwertausgleich bezahlt. Der Stadtrat plant, das Geld für eine Neugestaltung der Seepromenade beim Hafen Enge zu verwenden. Genauere Pläne dazu sind aber nicht vor Herbst 2020 spruchreif, sagt ein Sprecher des Zürcher Tiefbau- und Entsorgungsdepartements auf Anfrage.

Der millionenschwere Mehrwertausgleich bringt der Versicherung nicht nur mehr Geschossfläche: Ihr Grossbauprojekt kam für Zürcher Verhältnisse ungewohnt reibungslos voran. Das Zürcher Stadtparlament winkte es ohne Gegenstimme durch. Auch die Baubewilligung trat unverzögert in Kraft. Referendums- wie Rekursfrist verstrichen ungenutzt.
Der Denkmalschutz stellte bislang ebenfalls kein Hindernis dar: «Die Zurich suchte von Anfang an den Dialog mit uns», so Roger Strub von der kantonalen Denkmalpflege.

Archäologie des Versicherungsgebäudes

Dabei bringt das Ensemble aus Alt und Neu durchaus denkmalpflegerische Herausforderungen mit sich, wie auf dem Rundgang deutlich wird. Drei der bestehenden Gebäude am Zurich-Hauptsitz sind nämlich als schützenswert inventarisiert, darunter auch das 1901 eröffnete Stammhaus. Dessen Innereien werden nun ebenfalls renoviert. Die Arbeiten erweisen sich schon fast als Archäologie des Versicherungsgebäudes.

So kam dabei zutage, dass in einer der ehemaligen Direktorenwohnungen, die sich in den Obergeschossen des Hauses befinden, vier Tapetenschichten übereinander kleben. Die oberste Schicht, eine auf den ersten Blick jugendstil-artig wirkende Seidentapete, stammt aus den 1980er Jahren. Jener Zeit entstammt auch der Parkettboden in der ursprünglichen Teppichetage.

Mit anderen Worten: Der 115 Jahre alte Bau birgt bauliche Zeugnisse aus diversen Epochen. Die Frage ist: Wie soll man damit umgehen? Im Zusammenarbeit mit der Denkmalpflege versuchen die Bauherren nun, fortlaufend Lösungen zu finden, die auch den künftigen Bedürfnissen gerecht werden, wie sie während des Rundgangs erklärten.

So soll sich der neue Hauptsitz ab 2020 präsentieren.

So soll sich der neue Hauptsitz ab 2020 präsentieren.

Visualisierung zvg

Denn wenn der Zurich-Hauptsitz voraussichtlich 2020 neu eröffnet wird, – rechtzeitig zum 2022 anstehenden 150-Jahr-Jubiläum des Konzerns –, soll er zukunftsträchtige, «dynamische» Arbeitsplätze bieten, wie Projektleiter Bissegger sagt. Insgesamt stehen künftig 1000 Arbeitsplätze für 1300 Mitarbeitende im Hauptsitz zur Verfügung. Homeoffice und eine Belegschaft, die sich auch Arbeitsplätze teilt, sind dabei mit einkalkuliert. Ebenso gehen die Zurich-Verantwortlichen davon aus, dass die Belegschaft kaum noch mit dem Auto vorfährt: Die Zahl der Parkplätze wird von 90 auf 43 reduziert. Dafür entstehen rund 100 Veloparkplätze.

Entspricht der 2000-Watt-Gesellschaft

Mit einer Photovoltaik-Anlage, besserer Gebäudeisolierung sowie Heizung und Kühlung durch Seewasser peilt die Versicherung laut Bissegger zudem einen Hauptsitz an, der den Zielen der 2000-Watt-Gesellschaft entspricht. Insgesamt koste das Bauprojekt einen dreistelligen Millionenbetrag. Wie viel genau, werde erst klarer, wenn ein Vertrag mit einem Totalunternehmer unterzeichnet sei.

Die mit dem Neubau verdichtete Raumausnutzung führt auch dazu, dass einer der Altbauten künftig an andere Firmen vermietet wird. Welche, ist noch offen. Nur so viel verrät Bissegger: Sie sollen mit Nachhaltigkeit zu tun haben.