Thomas Zollinger hat viele Hände zu schütteln auf der Zürcher Rathausbrücke, am Mittwoch gegen Mittag: Alle paar Minuten begrüsst er Künstlerinnen und Künstler, die ab heute Donnerstag bis Samstag jeweils nachmittags nackt auf der Brücke performen. Nach der Premiere in Biel 2015 findet die zweite Ausgabe des von Zollinger initiierten Body and Freedom Festivals in Zürich statt.

«Nacktheit hat mich schon immer interessiert», sagt der 65-Jährige. Künstlerisch sei sie für ihn aber lange eher ein Thema am Rande gewesen. Für Schlagzeilen sorgte Zollinger zunächst mit anderen Themen: Anfang der Nullerjahre etwa, als er sein künstlerisches Dasein zum Kunstwerk erklärte und ein Grundeinkommen für Künstler forderte, abgeleitet aus der verfassungsmässigen Freiheit der Kunst. Einige Jahre später dann mit seinen «Slow Motion»-Aktionen, bei denen er sich als sehr langsamer Geher inszenierte.

Und jetzt also Nacktkunst. «Es war ein künstlerischer Prozess, ich wollte immer mehr wegnehmen, nur noch den Menschen haben», erklärt Zollinger seinen Werdegang. «Auch die Handlungen wollte ich wegnehmen. Am Schluss ist nur noch ein Körper im Raum.» Es gehe ihm nicht um exhibitionistisches Verhalten, sondern um ein Akzeptieren des Körpers, wie er ist, mit all seinen Narben, Wunden und Unvollkommenheiten.

Die Stadt Zürich hat die Aktion auf der Rathausbrücke bewilligt – unter folgender Bedingung: «Es müssen genügend Angekleidete da sein, um die Passanten vor dem Anblick der Nackten zu warnen», wie ein Sprecher des Sicherheitsdepartements gegenüber dem «Tagblatt» sagte. Politiker der EVP und der EDU hatten schon im Vorfeld Kritik am Body and Freedom-Festival geübt.

Sex und Selbstverwaltung

Zollinger wuchs am Zürichsee auf, zunächst in Stäfa, später in Wädenswil. Dass Nacktheit im Zuge der 68er-Bewegung auch in der Kunst vermehrt zum Thema wurde, habe er interessiert wahrgenommen, ebenso die berühmte Nacktdemo der 80er-Jugendbewegung in Zürich. Doch andere Themen wie Sexualität und Selbstverwaltung hätten ihn damals mehr interessiert.

Er begann im Umfeld der 80er-Bewegung, Bücher zu publizieren, machte eine Lehrerausbildung und arbeitete als Bahn-Steward. Als 1981 in einem kleinen Verlag sein Buch «Variationen in scharf» herauskam, schrieb die NZZ: «Ein lange eingemauerter Mensch sprengt hier eine Bresche: Er schreit der Norm voll ins Gesicht und erfährt endlich den Körper lustvoll als das Konkreteste.» 1986 kam sein erster Sohn zur Welt. Für Zollinger war es ein wegweisendes Jahr: «Ich wäre auf der SP-Liste ins Wädenswiler Parlament nachgerutscht. Stattdessen entschied ich mich für künstlerische Weiterbildungen.» 1994 gründete er das Ritual Theater und widmete sich vermehrt dem Thema Körper im öffentlichen Raum. Seine Nackt-Performances stiessen über die Jahre immer wieder mal auch auf behördlichen Widerstand.

Nun greift er das Thema einmal mehr auf – mitten in Zürich. «Der nackte Körper ist im Innenraum gang und gäbe, aber im öffentlichen Raum nahezu ausgeschlossen», sagt Zollinger. Hinzu komme ein weiteres Paradoxon: «Kunst soll heute schräg sein und irritieren, auch im öffentlichen Raum. Trotzdem kommt der nackte Körper dabei praktisch nie vor.» Auf den Einwand, dass dabei auch Themen wie der Jugendschutz und damit Rechtsnormen mitspielen, sagt Zollinger: «Da geht es um Exhibitionismus und dergleichen.» Künstlerische Nacktperformance sei etwas anderes. Man wird sehen.

Body and Freedom Festival, Rathausbrücke, Zürich, 23. und 24. August: 13 bis 18.30 Uhr, 25. August: 14.30 bis 18.30 Uhr. Abends im Zentrum Karl der Grosse (Kirchgasse 14, 8001 Zürich) jeweils ab 22 Uhr Diskussionen.