Kirche St. Peter
Der letzte Turmwart der Stadt Zürich: «Mein Amt als Turmwart übe ich ehrenamtlich aus»

Rudolf H. Röttinger kümmert sich um den einzigen städtischen Kirchenturm – dabei sorgt er dafür, dass die Geschichte des einstigen Wachlokals weiterlebt.

Lina Giusto
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Die St. Peter Kirche hat das grösste europäische Ziffernblatt.
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Der Grenzstein mit dem Zürcher Wappen. Während der Turm der Stadt gehört, ist das Grundstück im Besitz der reformierten Kirchgemeinde.
Über die Treppe in die erste Etage des Turms tritt der Besucher auf Stadtzürcher Boden.
Die Geschichte der St. Peter Kirche reicht vom sechsten Jahrhundert bis in die heutige Zeit.
Die Steine grenzen die ersten beiden Etagen voneinander ab. 1450 Wurde der Turm zur heutigen Höhe von 40 Metern aufgestockt.
Auf dem Läutboden sind alte Glockschläge, der erste elektrische Glockenantrieb und abgenützte Ziehseile zu sehen.
Auf dem Zwischenboden lagert das alte Uhrwerk. Bis 1996 wurde dieses mechanisch betrieben.
Ein unscheinbarer, grauer Kasten: Er sendet das Zeitsignal und sorgt dafür, dass die Glocken pünktlich läuten.
Alle Geläute in der Stadt Zürich sind auf das Geläut der St. Peters Kirche abgestimmt.
Insgesamt fünf Glocken zeigen den Stadtzürchern die Uhrzeit an.
Dieses Geheimnis liegt hinter den Mauern des St. Peter-Turms
Wenn Feuer ausbrach, schlug der Wächter entweder mit dem Horn oder der akustischen Sirene Alarm.
Zu Beginn des 20. Jahrhunderts half das Telefon bei der Übermittlung von Alarm. Mit der Verbreitung des Apparates wurde 1911 die Turmwache eingestellt.

Die St. Peter Kirche hat das grösste europäische Ziffernblatt.

Lina Giusto

Rudolf H. Röttinger ist der letzte Turmwart der Stadt Zürich. Er kümmert sich seit Januar 2016 um den St. Peter Turm. Dieser ist seit 1805 in städtischem Besitz, während die Umgebung der reformierten Kirchgemeinde St. Peter gehört. «Ich stehe als Turmwart auf der Grenze», sagt Röttinger. Tatsächlich verläuft beim Eingang zum St. Peter Turm die Grundstücksgrenze. Die im Boden eingelassenen Grenzsteine mit dem Stadtzürcher Wappen zeugen davon, dass die Besitzverhältnisse des 40 Meter hohen Turms in der Altstadt gespalten sind.

In die Obhut der Kirchgemeinde fällt der Glockenstuhl und die Glocken samt Antrieb. Zudem stellt sie für öffentliche Führungen den Turmwart. Für den baulichen Unterhalt des Turms samt Zifferblätter sowie für die Innenreinigung kommt die Stadt auf. Weil Röttinger aber die Person ist, die sich am häufigsten im Turm aufhält, ergebe es sich von selbst, dass er den baulichen Zustand verfolge, Kleinreinigungen ausführe, mal eine Glühlampe auswechsle oder Schäden melde. Genau das hat er an diesem Morgen auch gemacht. «Seit heute steht das östliche Zifferblatt still», erzählt Röttinger.

Er habe die Stadt sofort informiert, diese kümmere sich nun um den Techniker. «So etwas muss schnell behoben werden», sagt Röttinger kopfschüttelnd. Auch wenn eine der 42 000 Holzschindeln vom Turmhut fällt, kümmert sich die städtische Verwaltung darum. «Alle 40 Jahre muss das Dach saniert werden», sagt Röttinger, während er die Holztreppe zur ersten Turmetage hochsteigt. Die Überwachung, Wartung und die Führung durch den Turm sind für Röttinger eine Herzensangelegenheit.

Die Glocke schlägt. Es ist 15 Minuten nach Zehn an diesem Vormittag. Auf der ersten Turmetage verlässt der Besucher das Grundstück der Kirche und tritt auf Zürcher Stadtboden. Anhand von Modellen und alten Reliefs kann die Entstehung der Kirche und des Turms nachvollzogen werden. Wobei dies in Röttingers Anwesenheit überflüssig wird. Er erläutert detailliert die ersten historischen Zeugnisse der Kirche im sechsten Jahrhundert und führt fliessend bis zur späten Barockzeit.

Es wird deutlich, dass der Mittvierziger mit der goldenen Brille und dem Krawattenschal Übung hat. Er führt seit 1999 Besucher durch die Stadt Zürich. Röttinger selber ist in der Altstadt von Zürich geboren, aufgewachsen und noch heute dort zu Hause. Der gelernte Ingenieur führt mittlerweile zusammen mit seiner Frau ein kleines Hotel im Kreis 1. «Ich habe einmal ein paar Jahre in Bern gearbeitet – war aber ein Pendler», sagt Röttinger schmunzelnd. «Mein Amt als Turmwart übe ich ehrenamtlich aus», sagt er und weist mit der Hand Richtung Holztreppe, die in die nächsten Etagen des Turms führt.

Den Takt angeben

Der Halbstundenschlag erklingt beim Betreten des Läutbodens. «Die Stadt Zürich hat alle Geläute auf die St. Peter Glocken abstimmen lassen», erklärt Röttinger. Nur um Sekunden versetzt, ist der Glockenschlag der nahe gelegenen Augustinerkirche hörbar. Auf der zweiten Turmetage sind abgenutzte Glockenklöppel, der erste elektrische Glockenantrieb aus dem Jahr 1927 und alte, abgenutzte Ziehseile ausgestellt. Auf dem nächsten Zwischenstock steht das bis 1996 verwendete mechanische Uhrwerk.

Es rattert, tickt und schlägt, als es Röttinger zur Demonstration anwirft. Man würde den grauen Kasten neben dem grünen Uhrwerk nicht bemerken, würde ihn der Turmwart nicht explizit erwähnen. Was unscheinbar aussieht, ist aber für den Gang der Zeiger und den pünktlichen Glockenschlag der St. Peter Kirche unabdingbar. «Das elektrische Zeitsignal erhält die Maschine aus Mainflingen bei Frankfurt am Main», erklärt Röttinger. Noch bis in die 1950er-Jahre gehörte es zur Aufgabe des Turmwartes, das Uhrwerk alle sechs Stunden aufzuziehen. Dass die Elektronik das Leben vereinfacht, wird deutlich als der Dreiviertelstundenschlag erfolgt. Es ist Viertel vor elf.

Für Sicherheit sorgen

Bevor Röttinger zur Glockenstube in der dritten Etage steigt, reicht er Ohropax. Über das fünfteilige Geläut, dessen Glocken in As-Dur-Tonleiter gestimmt sind, sowie über die Gusstechnik aus dem Jahr 1860 weiss Röttinger viel zu erzählen. Der Turmwart gerät ins Schwärmen: «Glocken sind Musikinstrumente», sagt er und streift sich den Ohrschutz über. Das Antriebswerk rattert, die Glocke beginnt zu schwingen. Nach Sekunden vibriert nicht nur der Boden, der eigene Körper wird in Schwingung versetzt. Der Glockenklang hallt im Bauch nach. Ein Luftzug ist spürbar. Laut sind sie, die Glocken der St. Peter Kirche, und ihr Klang ist warm.

Das Herzstück des 40 Meter hohen Turms wartet aber ganz oben im Dachstock: das letzte Wachlokal der Stadt Zürich. Es duftet nach Holz. Die acht kleinen Fenster in der Turmspitze bieten einen beeindruckenden Panoramablick vom See, über den Üetliberg, weiter zum Primetower, bis zu den Hauptgebäuden von ETH und Universität. Vom Schreibtisch des letzten Turmwächters aus sieht man das Grossmünster, das auch einmal einen hatte. «Der Wächter des St. Peter war für die Seite links der Limmat, also vom Hauptbahnhof bis zum Bürkliplatz zuständig», erklärt Röttinger. Bis 1911 verbrachten hier jede Nacht zwei Wachen ihren Dienst.

Sie hielten Ausschau, ob irgendwo in der Stadt ein Feuer brannte. War dem so, alarmierten sie mit dem Horn und dann später mit der Sirene die Feuerwehrmannschaft am Boden. Die rote Laterne positionierten sie anschliessend im Fenster und wiesen damit die Richtung zum Brandherd. «Das ist keine Wohnung hier, sondern ein Wachlokal», präzisiert Röttinger.

Viele Treppen steigen

Das Bett in der Turmspitze sei für die zweite Wache gewesen. Man habe sich in der Hälfte der Nacht jeweils abgelöst, so Röttinger. Ruhige Nächte haben sich die Wachleute mit Schuhe flicken oder der Herstellung von Gürteln um die Ohren geschlagen. Die Kerben in der Sitzbank zeugen noch von den arbeitstüchtigen Stunden im Turmdach. Mit der Verbreitung des Telefons wurde die Wache jedoch überflüssig.

Nicht aber die Aufgabe von Röttinger. Nach wie vor muss hier jemand nach dem Rechten sehen. Viel wichtiger aber ist, dass Röttinger die Geschichte des Turms weitergibt. Bis zu 70 Führungen macht der Turmwart jährlich. Pro Führung steigt er drei Mal die über hundert Treppen im 40 Meter hohen Turm hoch und runter. «Zusammengezählt laufe ich ein Mal im Jahr auf den Mount Everest», scherzt Röttinger.

Nach dem Händeschütteln steigt der Turmwart an diesem Vormittag zum dann letzten Mal die Treppen des St. Peters hoch und verabschiedet sich: «Ich muss die Lichter löschen und schauen, dass alles seine Ordnung hat.»