Der Anruf aus dem Präsidialdepartement kam wie aus heiterem Himmel, erinnert sich Dieter Sinniger, Geschäftsführer des Kulturmarkts. Die Stadt habe den Betrieb für seine Leistungen im Bereich Theater mit einem mit 12 500 Franken dotierten Preis bedacht. «Wir haben nicht damit gerechnet und die Freude ist entsprechend gross.» Der Preis ist eine der kulturellen Auszeichnungen, die jährlich zur Förderung der freien Szene überreicht werden. Die Bühne im Zwinglihaus hat sich damit auf der hiesigen Kulturkarte etabliert – ein erklärtes Ziel des Vereins. Trotzdem ist der Kulturmarkt weit mehr als nur ein Theater.


Das Veranstaltungshaus hat viele Gesichter und ist «ein bunter, vielfältiger Haufen», wie es auf der Website heisst. Nebst der Bühne kennen die einen das denkmalgeschützte Gebäude im Kreis 3 als preiswertes Mittags-Restaurant, andere sprechen vom Quartiertreff und wieder andere besuchen hier Anlässe wie einen Kunstmarkt. Diese Geschäftsfelder sind alle Teil der eigentlichen Bestimmung, die immer noch viele überrascht: Der Kulturmarkt ist ein nationales Qualifizierungsprogramm für Stellensuchende.

Geschäftsführer Kulturmarkt

Dieter Sinniger

Geschäftsführer Kulturmarkt


45 Einsatzplätze


Die Arbeitsintegration war der Kerngedanke, als 1997 der Verein Kulturmarkt gegründet wurde und in das Zwinglihaus zog. Damals noch unter dem Namen «Rats», gibt es heute im Kulturmarkt neun Fachbereiche mit 15 Festangestellten sowie rund 45 Einsatzplätzen, die für Personen gedacht sind, die als arbeitslos gemeldet sind oder Sozialhilfe beziehen.

«Wir können nur Leute beschäftigen, hinter denen eine Versicherung steht», erklärt Sinniger. Ihnen werden Aufgaben zugeteilt, die nicht nur im Kulturwesen oder in der Gastronomie anfallen, sondern auch in der Kommunikation, der Administration oder der Hauswartung.

Es gibt auch einen Interessenkonflikt


Jeder dieser Plätze ist auf sechs Monate befristet. Alle Teilnehmenden beziehen während dieser Zeit Arbeitslosengeld; sie erhalten vom Kulturmarkt keinen Lohn. Wegen der relativ kurzen durchschnittlichen Einsatzdauer – im 2015 betrug sie 3,6 Monate – sei das Team einem steten Wandel unterworfen, so Sinniger.

«Manchmal ist es in der Tat ein Interessenkonflikt. Die Stellensuchenden wollen wir einerseits so schnell wie möglich wieder loswerden, andererseits sind wir interessiert daran, die Personen in unsere Arbeit einzubinden.» Mittlerweile gehöre aber der Abschied von lieb gewonnen Kolleginnen und Kollegen dazu. Das sei der Auftrag, den man erfüllen muss, so Sinniger. Schliesslich werde man vom Staatssekretariat für Wirtschaft unterstützt.

Jedes Jahr führt das Kulturmarkt-Team eine eigene Theaterproduktion durch.

Jedes Jahr führt das Kulturmarkt-Team eine eigene Theaterproduktion durch.


Neben den Einsatzplätzen stehen Weiterbildungskurse sowie individuelles Coaching auf dem Programm. Beispielsweise können dort Bewerbungsstrategien erlernt werden. Die Zahlen belegen, dass die Teilnahme an den Programmen zum Erfolg führt: Im letzten Jahr haben 52 von insgesamt 96 ausgetretenen Teilnehmenden eine neue Stelle gefunden.


Eigenproduktion als Flaggschiff


Der Geschäftsführer betont, dass der Kulturmarkt keinesfalls den Ruf eines «Arbeitslosen-Gettos» haben will. Einige der Kurse werden deshalb öffentlich ausgeschrieben. Zudem sorgen Restaurant und Veranstaltungen dafür, dass die Türen weit offen stehen. Und es sind besonders die Bühnenproduktionen, die als Flaggschiffe eine immer grössere Bedeutung haben – wie die Auszeichnung der Stadt Zürich beweist. Von 105 Veranstaltungen im 2015 waren rund die Hälfte Tanz- und Theateraufführungen.


Neben der Vermietung steht jedes Jahr eine Eigenproduktion auf dem Programm. Zunehmend will Sinniger aber auch auf Co-Produktionen setzen, wie derzeit mit dem Experi-Theater und dem gemeinsamen Stück «Flüchtling». «Bei unseren Produktionen achten wir darauf, dass aktuelle wie soziale Themen eine Rolle spielen», sagt Sinniger. Für festliche Unterhaltung ist dennoch gesorgt: Der Verein steuert zielstrebig auf sein 20-jähriges Jubiläum im nächsten Jahr zu.