Was macht ein Kantonsbaumeister?

Thomas Jung: Die Aufgabe des Kantonsbaumeisters ist das Führen des kantonalen Hochbauamts. Dieses stellt den Raum für die kantonalen Verwaltungsdirektionen bereit. Damit sind zum Beispiel Werkhöfe, Verwaltungsgebäude, Universitäten und Schulen, aber auch Spitäler gemeint. Das Ganze ist also in erster Linie eine Managementaufgabe und hat erst in zweiter Linie mit Architektur und Städtebau zu tun.

Trotzdem sind Sie für viele Bauprojekte verantwortlich. Wie möchten Sie in die Geschichte eingehen?

Da ich bereits 55 Jahre alt bin, bleiben mir nur zehn Jahre, um in die Geschichte einzugehen. (lacht) Es ist mir wichtig, die Themen rund um den Klimawandel mit baulich-technischen Mitteln differenziert und wirkungsorientiert anzugehen. Der Kanton hat mit seinen vielen Bauaufgaben und seinem grossen Gebäudepark eine wichtige Verantwortung in diesem Bereich.

Wie wollen Sie das tun?

Wir wollen uns den europäischen Normen annähern und mehr tun, als nur nach Minergie-Standard zu bauen. Das ist mir zu wenig, denn dabei geht es in erster Linie um den Energieverbrauch. Ich möchte umfassendere Richtlinien, die Themen aus Gesellschaft, Umwelt und Wirtschaft einbeziehen.

Ist der EU-Standard höher?

Nein, der Baustandard ist tiefer, aber es gibt freiwillige Labels, denen man sich verpflichten kann. Das wäre auch im Fachaustausch hilfreich. Denn wenn ich einem französischen Kollegen sage, wir bauen nach Minergie, sagt ihm das absolut nichts. Aber die EU-Standards kennt er.

Wie gross ist Ihr Bau-Budget?

Wir setzen pro Jahr etwa ein Volumen von 650 Millionen Franken baulich um. In diesem Budget sind Neubauten, Instandsetzungen und Renovationen inbegriffen. Es geht also vom kleinsten Projekt bis zum Universitätsneubau. Momentan arbeiten unsere rund 130 Mitarbeiter parallel an 700 Projekten.

Worauf wollen Sie bei Ihren vielen Projekten besonders achten?

Ich will Kontinuität ins Hochbauamt bringen und ökologische mit städtebaulichen und baukulturellen Fragen verlinken. Diese Aspekte werden immer noch als Antagonismen wahrgenommen. Doch ökologische, finanzielle oder Denkmalschutzthemen kann man sehr wohl intelligent verbinden.

Haben Sie dafür ein Beispiel?

Wenn ein Gebäude Fenster aus den 1930er-Jahren hat. Dann hat man zwei Möglichkeiten: Man kann sie einfach rausreissen, weil sie energetisch nicht mehr tragbar sind, oder man kann beispielsweise eine zweite Fassade hinter die Fenster ziehen und so die historische Fassade zur Strasse hin erhalten.

Einer Ihrer Vorgänger musste das Amt verlassen, da er schöne Bauten förderte, wohl aber das Management eher vernachlässigte. Wie halten Sie die Waage zwischen den Ausgaben und der Kunst?

Das sind nicht zwingend Gegensätze; Design kostet nicht extra. Als Bauaufgabe behandeln wir einen Werkhof wie eine Universität; wir nehmen sie ernst. Der eine wichtige Punkt ist eine sorgfältige und angemessene Planung. Der andere ist die Ausschreibung, als öffentlicher Bauherr müssen wir unsere Projekte in Konkurrenz ausschreiben, um das wirtschaftliche günstigste Angebot zu erhalten.

Haben Sie ein Herzensprojekt?

Natürlich liegen mir grosse Gebäude wie das Forum UZH von Herzog & de Meuron am Herzen, doch auch die Renovation des altehrwürdigen Zürcher Rathauses ist eine sehr interessante und schöne Aufgabe.

Seit vier Monaten sind Sie nun im Amt. Was hat Sie überrascht?

Es erstaunte mich, dass, obwohl das Team wie auch das Aufgabenfeld kleiner ist als in Baselland, die Aufgaben in Zürich umfassender und komplexer sind. Das Zweite waren das hohe Engagement, die Kompetenz und die Identifikation im Hochbauamt. Zürich übernimmt eine gewisse Leaderfunktion für die anderen kantonalen Hochbauämter.

Gab es bereits Schwierigkeiten?

Nun ja, die gibt es immer. Beispielsweise politische Schwierigkeiten. Ein Beispiel dafür wäre, dass die Motion für ein Haus der Demokratie kürzlich vom Kantonsrat abgelehnt wurde. Dieses Projekt hätte ich sehr gerne weiterbegleitet. Das wird jetzt nicht der Fall sein. Das war ein politischer Entscheid, dem man sich fügt. Das
ist der Unterschied zur Privatwirtschaft, viele Projekte kommen aufgrund politischer oder finanzieller Grenzen nicht über ein gewisses Stadium hinaus.

Der Kanton Zürich ist Vorbild für andere. Wer ist Vorbild für Zürich?

Wir schauen darauf, was in Basel oder Luzern passiert, aber auch auf europäische Städte. Wir haben Mitarbeiter aus Deutschland, Spanien oder Holland, zudem machen wir jedes Jahr eine Fachexkursion. Nun probieren wir, den Austausch mit anderen Städten zu institutionalisieren. Es kommen auch Anfragen aus dem Ausland, nicht nur aus der Schweiz.

Zurück ins Limmattal: Was konnten Sie von Ihrer Zeit als Stadtarchitekt von Dietikon lernen und auf kantonaler Ebene umsetzen?

Ich lernte die Nähe zur Politik und den Umgang damit. Als Kantonsbaumeister hat man es oft mit Expertengremien zu tun, aber auch mit Politikern, die nicht in architektonisch-städtebaulichen Kategorien denken, sondern politisch agieren. Zudem muss man damit umgehen können, dass der Kantons- oder der Regierungsrat das letzte Wort hat und nicht alles, was man möchte, umgesetzt werden kann.

Auf welches Erbe von Ihnen in Dietikon sind Sie stolz?

Wenn ich auf meine Zeit zurückschaue, dann stelle ich fest, dass viele Dinge, die ich mir jahrelang gewünscht habe, umgesetzt wurden. Allerdings erst nach meinem Abgang. Die personelle Ausgestaltung ist heute viel besser. Wir begannen mit vier Mitarbeitern und hatten damals bereits komplexe Aufgaben. Wir hinterliessen ein paar Dinge, die gut geworden waren, beispielsweise der Umbau der «Krone» mit der Architektin Tilla Theus. Das ist auch meine sprichwörtliche Krone der Arbeit. In der Taverne zur Krone sind noch dieselben Gastronomen am Ruder, die wir – die Hochbauabteilung – damals gewinnen konnten.

Besuchen Sie das Limmattal oft?

Ich wohne im Kanton Aargau und fahre oft durch das Limmattal. Ich gehe auch sehr gerne in die «Krone» essen.

Wie beurteilen Sie die Entwicklung des Limmattals aus baulicher Sicht?

Es ist schwierig, die Entwicklung in einigen Sätzen zu bewerten. Wir merkten bereits vor Jahren, als wir in einer übergeordneten Planungsgruppe mit der ETH Zürich zusammensassen, dass es fünf vor zwölf ist. Diese Region mit über hunderttausend Einwohnern ist spät aufgewacht. Jede Gemeinde schaute zuerst einmal für sich selbst. Dietikon hat überdies noch eine Kantonsgrenze und tauschte sich kaum mit Spreitenbach aus. Die geplante Limmattalbahn wird der Region guttun. Zumindest auf der linken Seite der Limmat laufen die Zusammenarbeit und auch die Raumplanung heute überwiegend gut. Obwohl ich nicht mit allem einverstanden bin.

Was gefällt Ihnen nicht?

In Schlieren entstehen rasant neue Stadtteile. Mir scheint, dass man den öffentlichen Raum dort etwas vernachlässigt. Eine Stadt entsteht nicht einfach durch die dichte Bebauung von Parzellen, sonst entstehen gesichtslose Vorstädte ohne urbanen Charakter. Das hat Dietikon zum Beispiel im Limmatfeld besser gemacht.

Gettos entstehen also auch baulich bedingt?

Ja, natürlich. Wir Architekten sind massgeblich daran beteiligt. Das ist erst seit rund zehn Jahren in den Köpfen der Leute. Viele Investoren glaubten, Architektur beschränke sich auf das Bauen von Gebäuden. Die Schweizer Architektur ist in Einzelobjekten sehr gut. Im Zusammenfügen der Gebäude, im Umgang mit dem Aussenraum, können wir uns verbessern und von anderen lernen. Wir sind es nicht gewohnt, ganze Stadtteile auf einmal zu bauen. Doch das machen wir jetzt, weil wir den demografischen Druck spüren. Die Schweiz wächst und die Leute ziehen nicht in die Alpen, sondern vorwiegend in die Städte und Agglomerationen des Mittellandes.