Schwerpunktprogramm
Der Kanton Zürich verstärkt seine Suizidprävention

Etwa 180 Menschen nehmen sich im Kanton Zürich pro Jahr das Leben. Suizide führen jährlich zu mehr Todesfällen als Verkehrsunfälle, Aids und Drogen zusammen. Plakate, Bildung und bauliche Massnahmen sollen nun Leben retten.

Matthias Scharrer
Merken
Drucken
Teilen
Freunde und Verwandte schmücken den Ort eines Suizids auf der Lorrainebrücke in Bern.

Freunde und Verwandte schmücken den Ort eines Suizids auf der Lorrainebrücke in Bern.

Keystone

Im Kanton Zürich ist jede fünfte Person mindestens einmal im Leben von einer schweren Depression betroffen. Und: Ein Viertel der Jugendlichen leidet unter deutlichen psychischen Beschwerden, wie Gesundheitsdirektor Thomas Heiniger (FDP) gestern vor den Medien sagte.

Erwiesen ist auch, dass Suizid oder Suizidversuche häufig in engem Zusammenhang zu psychischen Erkrankungen stehen: Gemäss Studien ist dies bei 84 bis 100 Prozent aller Suizidopfer der Fall. Suizid führt in der Schweiz jährlich zu mehr Todesfällen als der Strassenverkehr, Aids und Drogen zusammen. Allein im Kanton Zürich brachten sich in den letzten Jahren jährlich im Durchschnitt 180 Personen um.

Der Kanton verstärkt nun seine Massnahmen zur Suizidprävention. Er hat dazu ein Schwerpunktprogramm erarbeitet, das er in den nächsten drei Jahren umsetzen will. Zentral ist dabei laut Heiniger folgende Botschaft: «Schauen Sie nicht weg, schauen Sie hin!» Über psychische Gesundheit und Krankheiten zu reden, könne ein wichtiger Schritt zur Suizidprävention sein. Denn: «Psychische Erkrankungen sind behandelbar – und zwar besser als vielfach angenommen», so Wolfram Kawohl, Chefarzt der Psychiatrischen Universitätsklinik Zürich. «Voraussetzung ist allerdings, dass sie zunächst mal erkannt werden.»

Dies ist einer der Punkte, bei dem das Schwerpunktprogramm ansetzt. So hat der Kanton eine Plakatkampagne unter dem Motto «Wie gehts Dir? Wir reden über alles. Auch über psychische Gesundheit und Krankheiten» lanciert. Zudem will er eine «Helpline» für Fachpersonen wie Spitex-Angestellte oder Schulsozialarbeiter einrichten. Diese sollen sich in Krisensituationen Tipps einholen, um besser helfen zu können. Des Weiteren ist eine Info- und Notfallkarte im Kreditkartenformat geplant, die Anlaufstellen für Suizidgefährdete oder deren Angehörige auflistet. Bereits aufgeschaltet ist seit gestern die Internetseite www.suizidprävention-zh.ch, die Tipps und hilfreiche Telefonnummern beinhaltet.

Auch mit baulichen Massnahmen will der Kanton Suizide verhindern. So sollen einschlägig bekannte Brücken, Bahnabschnitte und Gebäude gesichert werden.
Ein weiterer Punkt ist das Einsammeln von Waffen. Entsprechende Aktionstage gab es schon früher. Neu sollen sie verstärkt in Zusammenhang mit Suizidprävention gebracht werden. «Waffen sind bei Männern je nach Studie die häufigste oder zweithäufigste Suizid-Methode», erklärte Kawohl. Frauen würden sich hingegen häufiger mit Medikamenten vergiften. Daher sollen auch Rückgabeaktionen für Medikamente forciert werden.

Ferner plant der Kanton Aus- und Weiterbildungen für Seelsorger, Polizisten, Lehrpersonen und Personalverantwortliche, um die Suizidprävention zu verbessern. So sollen besonders gefährdete Zielgruppen besser angesprochen werden können. Dazu zählen beispielsweise verwitwete Männer und Arbeitslose.

Risiko steigt bei Männern ab 40

Männer nehmen sich gemäss den kantonalen Suizidzahlen deutlich häufiger das Leben als Frauen. Besonders hoch ist das Suizidrisiko bei Männern zwischen 40 und 50 Jahren. Jugendliche fallen zwar in der kantonalen Statistik mit drei Suiziden pro Jahr weniger auf. Dennoch ist Suizid bei ihnen zusammen mit Verkehrsunfällen die häufigste Todesursache. Der Kanton hat daher auch seine Broschüre für Suizidprävention an Schulen überarbeitet.

Um die Datengrundlagen zur Suizidprävention zu verbessern, ist auch ein kantonales Monitoring vorgesehen.

Die Kosten des Schwerpunktprogramms zur Suizidprävention belaufen sich auf 2,9 Millionen Franken. Neben der menschlichen Dimension dürfte dieses Geld auch wirtschaftlich sinnvoll eingesetzt sein, hofft Heiniger. Denn pro Suizid entständen der öffentlichen Hand Kosten von 0,5 bis 1 Million Franken für Gerichtsmedizin, Polizei, Rettungskräfte und Justiz.

Weitere Informationen und Telefonnummern unter www.suizidprävention-zh.ch