100 Jahre Proporz
Der Kanton Zürich feiert in Winterthur die Demokratie – für eine halbe Million Franken

100 Jahre nachdem der Kantonsrat zum ersten Mal im Proporzverfahren gewählt wurde, tagt der Rat zum ersten Mal ausserhalb von Zürich. Zudem debattiert auch eine Kantonsratskommission für einmal nicht im Geheimen, sondern in einer Arena mit 500 Zuschauerplätzen.

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100-Jahr-Feier Proporzwahlrecht
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 Für die Kantonsrats-Feier muss vieles vorbereitet werden.
 Auch Karin Egli, Präsidentin des Kantonsrates, ist vor Ort.

100-Jahr-Feier Proporzwahlrecht

ENNIO LEANZA

Als "eigentliche demokratische Revolution" bezeichnet die Geschäftsleitung des Zürcher Kantonsrates den Wechsel vom Majorz- zum Proporzverfahren: "Seither können auch kleinere Parteien die kantonale Politik aktiv mitgestalten." Die politische Welt sei farbiger geworden.

Nachdem sich die Zürcher Männer im April 1911 an der Urne noch überraschend gegen den Systemwechsel ausgesprochen hatten, hiessen sie ihn fünfeinhalb Jahre später gut, wobei das Anliegen aber einzig in den städtischen Bezirken Winterthur und Zürich Mehrheiten fand.

Am 8. Juli 1917 wurde der Kantonsrat zum ersten Mal nicht mehr nach dem Mehrheitswahlverfahren, sondern nach dem Verhältniswahlrecht bestimmt. Die bislang dominierenden Liberalen und Demokraten, die zuvor zusammen 171 von 222 Sitzen hielten, verloren mehr als die Hälfte ihrer Mandate. Die SP legte von 43 auf 82 zu. Verschiedene Kleinparteien konnten zudem zum ersten Mal in den Rat einziehen.

Premieren in Winterthur

Der Kanton Zürich feiert am Freitag seine 100 Jahre Proporz mit einem "Tag der Demokratie" in der rund 4000 Quadratmeter grossen alten Sulzer-Halle 53. Eine Ausstellung "Weg der Demokratie" zeigt die Bedeutung des Verhältniswahlrechts auf, ein "Majorzo- und Proporzophon" macht den Unterschied beider Verfahren hörbar.

Um 11 Uhr tagt im extra aufgebauten Parlamentssaal die kantonsrätliche Kommission für Staat und Gemeinden öffentlich. Dies ist eine absolute Premiere in der Geschichte des Rates - Kommissionssitzungen finden sonst immer hinter geschlossenen Türen statt.

Der 180 Mitglieder umfassende Kantonsrat wird ab 14.30 Uhr debattieren. Seine Sitzungen sind ansonsten auch öffentlich - doch finden sie in Zürich vor einer meist eher bescheidenen Zuschauerkulisse statt. Er kommt zum ersten Mal in seiner Geschichte ausserhalb der Kantonshauptstadt zu einer ordentlichen Sitzung zusammen.

Der Regierungsrat hat für den öffentlichen Festanlass 476'000 Franken aus dem Lotteriefonds bewilligt. Die Einführung des Proporzwahlrechts habe die Politik im Kanton Zürich nachhaltig geprägt, begründete er. Der Anlass in Winterthur diene dazu, diese zentrale, heute aber weitgehend als selbstverständlich akzeptierte Errungenschaft in Erinnerung zu rufen und mit der Bevölkerung zu feiern.