Oerlingerried
Der Kanton senkt für ein wertvolles Flachmoor ein Stück Land ab

Die kantonale Fachstelle Naturschutz trägt diesen Sommer am Rand des Oerlingerrieds ein Stück Erdboden ab. Damit sollen auch dort wieder gute Bedingungen für das artenreiche Flachmoor entstehen.

Markus Brupbacher
Drucken
Teilen
Das Oerlingerried ist ein Flachmoor von nationaler Bedeutung. Im Hintergrund ist die Ortschaft Trüllikon zu sehen.

Das Oerlingerried ist ein Flachmoor von nationaler Bedeutung. Im Hintergrund ist die Ortschaft Trüllikon zu sehen.

Madeleine Schoder

Es ist sumpfig, wertvoll für seltene Pflanzen- und Tierarten und umgeben von Äckern der Landwirtschaft: Das Oerlingerried liegt zwischen der Weinlandautobahn A4 und dem Husemersee. Das Sumpfgebiet ist nach dem Dorf Oerlingen benannt, das zur Gemeinde Kleinandelfingen gehört.

Das rund sechs Hektaren grosse Sumpfgebiet steht seit 1990 unter kantonalem Schutz. Doch nicht nur das: Wegen seiner Grösse und der wertvollen Moorflächen ist das Oerlingerried auch Teil des Bundesinventars der Flachmoore von nationaler Bedeutung. Anfang Jahr veröffentlichte die Gemeinde Kleinandelfingen einen stichwortartigen Hinweis auf ein Baugesuch, welches das Oerlingerried betrifft: «Renaturierung Flachmoor und Neubau Absetzbecken».

Goldrute den Garaus machen

Die kantonale Fachstelle Naturschutz erklärt auf Anfrage, was sie im Oerlingerried plant. Am südöstlichen Rand des Gebiets liegt eine gut 6000 Quadratmeter grosse Fläche. Dort wurde einst Bodenmaterial künstlich aufgeschüttet. Diese Anhäufung vergrösserte den Abstand zum Grundwasserspiegel so sehr, dass jene Pflanzen nicht mehr wachsen konnten,die für Flachmoore typisch sind.

Das will der Kanton Zürich nun rückgängig machen. In diesem Randgebiet des Rieds sollen also die ursprünglichen Bedingungen für das Flachmoor wiederhergestellt werden. Dazu wird das besagte Material abgetragen, um den Boden wieder auf ein tieferes, dem Grundwasser näher liegendes Niveau abzusenken. Damit verschwinden auch der nährstoffreichere Boden und eine darauf wachsende Goldrutenart, die als schädlicher invasiver Neophyt gilt.

Die Fachstelle Naturschutz wird die abgetragene und abgesenkte Fläche anschliessend mit Material aus dem angrenzenden intakten Moor begrünen. Alle Arbeiten im Oerlingerried sollen im Spätsommer respektive Herbst erledigtwerden.

Apropos Nährstoffe: Im Süden der Fläche, die abgesenkt wird, fliesst Wasser aus einer Drainage ins Flachmoor hinein. Damit werden zwar umliegende Äcker entwässert und somit für die Landwirtschaft nutzbar. Aber dieses Wasser enthält viele Nährstoffe,welche die spezialisierten Pflanzen im Moor nicht mögen. Damit das Flachmoor nicht austrocknet, ist das Wasser erwünscht, doch ein geringerer Nährstoffgehalt ebenso. Um diesen Gehalt zu senken, legt der Kanton einen flachen Tümpel an, im Baugesuch «Absetzbecken» genannt.

Dort klären Schilf und Wasserpflanzen das Drainagewasser, bevor es ins Ried fliesst. Es handelt sich hierbei also um eine Art biologische Wasserreinigungsanlage.
Der abzutragende Boden weist laut der kantonalen Fachstelle eine Kupferbelastung auf. Diese Belastung sei sehr wahrscheinlich natürlichen Ursprungs. Sie habe zur Folge,dass dieser Erdboden nicht für eine landwirtschaftliche Bodenaufwertung verwendet werden könne. Stattdessen muss er in eine Deponie gebracht werden. An einer Stelle wurde in der Vergangenheit auch Bauschutt vergraben, der nun ebenfalls entfernt und entsorgt werden muss.

Was ist ein Flachmoor?

Der Erdboden ist in einem Moor ständig nass. In einem Flachmoor kann das viele Wasser im Boden zwei Ursachen haben. Entweder verhindert eine wasserundurchlässige Schicht das Versickern von Wasser, was etwa bei verlandeten Weihern der Fall ist. Oder der Grundwasserspiegel liegt so hoch und nahe an der Erdoberfläche, dass die Pflanzen praktisch mit ihren Wurzeln ständig im Wasser stehen. Die allermeisten Pflanzen würden unter solch andauernd nassen Bedingungen eingehen, weshalb in einem Moor nur spezialisierte und entsprechend seltene Pflanzenarten überleben. Der mit Wasser gesättigte Boden hat Sauerstoffmangel zur Folge, wodurch Reste abgestorbener Pflanzen nicht verrotten. Stattdessen werden sie als Torf abgelagert, Schicht für Schicht. Bis eine Torfschicht von einem Millimeter entstanden ist, dauert es etwa ein Jahr. Ein Flachmoor mit einer solchen Schicht von einem Meter ist also rund 1000 Jahre alt.

Über die Jahrtausende kann aus einem Flach- ein Hochmoor entstehen. Dabei wächst
das Moor durch die abgelagerten Pflanzenreste allmählich in die Höhe, wodurch die Wurzeln der Pflanzen keinen Kontakt mehr zum Wasser ganz unten haben. In solchen Hochmooren wachsen vor allem Torfmoose, die wie Schwämme Regenwasser aufnehmen. Während
also ein Flachmoor von unten Nachschub an Wasser erhält, geschieht dies bei einem Hochmoor von oben durch Niederschläge.

Beide Moortypen stellen Lebensräume für sehr seltene Pflanzen- und Tierarten dar. In den letzten 200 Jahren wurden fast neun von zehn Mooren in der Schweiz zerstört, meist, um Ackerland zu gewinnen.

Seit 1987, nach Annahme der sogenannten Rothenthurm-Volksinitiative, stehen Moore unter dem Schutz der Bundesverfassung. (mab)

Fische und Frösche wurden gegessen

Das Oerlingerried war in der Vergangenheit ein grosser Weiher – der dortige Flurname «Weiher» und der «Weiherhof» erinnern daran. Auf alten Landkarten aus dem 19. Jahrhundert ist noch «Oerlingerweier» zu lesen. Auf einer Karte aus dem 17. Jahrhundert ist ein «Örlinger See» eingezeichnet. Dieser See wurde durch einen Damm künstlich angelegt, als Fischteichanlage für das Kloster Rheinau.

Im Jahr 1850, nach über 400 Jahren, wurde der Weiher entleert. Zurück blieb ein grosses Sumpfgebiet, in dem sehr viele Frösche lebten, die Oerlingen den Übernamen «Fröschenhausen» einbrachten. Und ja: Die Tiere wurden auch gegessen.

Im Jahr 1924 entschied die Gemeinde, das Gebiet zu entwässern. So entstand Landwirtschaftsland, wobei ein Teil des Moors als Oerlingerried bestehen blieb. Noch bis in die 1960er-Jahre wurde im Oerlingerried «gefröschet», also Frösche zum Verzehr
gefangen. Daher rief man in den umliegenden Dörfern den
Oerlingern gerne auch nach: «Oerlinger Bösche, wie frässed er d Frösche? Ihr truurige
Hagle?» (mab)