Zürich ist wegen des Sees und der Flüsse Sihl und Limmat eine Wasserstadt. Aber nicht nur darum: Täglich werden über eine halbe Million Kubikmeter Wasser an die Stadtzürcher Haushalte und Brunnen geliefert. Pro Tag verbraucht ein Zürcher demnach rund 160 Liter Wasser. Dafür, dass die Versorgung rund um die Uhr sichergestellt ist, setzt sich die Wasserversorgung Zürich ein. Diese feiert heuer ihr 150-Jahr-Jubiläum. «Weil die Wasserversorgung in der Öffentlichkeit wenig Aufmerksamkeit geniesst, öffnen wir unsere Anlagen für die Bevölkerung und laden sie dazu ein, unser Wasser zu erleben», sagte Erich Mück, Direktor der Wasserversorgung Zürich, am Donnerstag vor den Medien in den Räumen des Reservoirs Lyren in Zürich Altstetten.

Genau dort – im grössten Trinkwasserspeicher der Schweiz – finden an drei Wochenenden im Juni Lichtshows und klassische Konzerte der Camerata Schweiz statt. Zudem gibt es laut Mück Führungen an den tiefsten Punkt von Zürich. Dieser befindet sich 123 Meter unter dem Boden. Es handelt sich um den sogenannten Ringstollen – die grösste Trinkwasserleitung der Stadt. Sie verbindet die beiden Seewasserwerke Moos und Lengg, das Grundwasserwerk Hardhof sowie die wichtigsten Reservoire in der Region miteinander. Denn neben der Stadt Zürich werden noch 67 umliegende Gemeinden mit sauberem Wasser der Stadt Zürich versorgt, wie Mück sagt.

Seewasser ist zum Trinken da

Damit das Trinkwasser auch bei starken Gewittern wie am vergangenen Mittwochabend sauber bleibt, hilft die sogenannte gemischte Wasserversorgung. Das System wurde von Ingenieur Arnold Bürkli vor 150 Jahren eigens für Zürich entwickelt. Man habe damals kein vergleichbares ausländisches Vorbild gehabt, wie Jean-Daniel Blanc, Historiker und Autor des Jubiläumsbuchs «Die Stadt und das Wasser», sagte. Die über 1200 Brunnen der Stadt Zürich werden seit je mit Quellwasser gespeist, das trinkbar ist. Das dann zusätzlich entwickelte Wasserleitungssystem für die Wohnhäuser wird mit zu Trinkwasser aufbereitetem Seewasser versorgt.

Gemäss Mück ist dieses Trinkwasser wegen der Aufbereitung auch bei starken Regenereignissen nicht von Verschmutzung betroffen. Anders sieht dies beim Quellwasser aus: «Diese Wasserquelle kann bei starkem Regen verschmutzt werden. Dann leiten wir das Wasser aber umgehend ab», sagt Mück. Denn grossflächige Verschmutzungen könne man sich in einem Versorgungsgebiet wie Zürich nicht erlauben. So seien in der Regel auch eher kleinere Gemeinden von verschmutztem Wasser betroffen, da ihre Versorgung häufig auf Quellwasser beruhe. «Die Wasserversorgungen sind gesetzlich verpflichtet, Trinkwasser so streng zu kontrollieren wie kaum ein anderes Lebensmittel», sagt Mück.

Typhus gab Seewasser Auftrieb

Mangelnde Hygiene und Krankheiten wie Cholera und Typhus waren denn auch die Hauptgründe, warum Ärztekommissionen in der Mitte des 19. Jahrhunderts die Schaffung einer Kanalisation und damit eine Verbesserung der Wasserversorgung forderten. Wie sich zeigte, kam diese zur richtigen Zeit. Denn Zürich war zu dieser Zeit von Fortschrittsoptimismus und Gestaltungsfreude geprägt. So war das Leitungsnetz im Kern der Stadt bereits 1871 fertiggestellt. In diese Zeit, die im Nachhinein als «Zürichs grösste Bauperiode» bezeichnet wird, fusst die Entwicklung des modernen Wasserversorgungssystems.

Doch schon 13 Jahre später wurde Zürich von einer Typhus-Epidemie heimgesucht. Diese stellte die Grundlagen der von Ingenieur Bürkli entwickelten Wasserversorgung infrage. Bald wurde klar, dass die Verbreitung der Krankheitserreger über das von den Haushalten verwendete Seewasser erfolgt sein muss. Obwohl damit Bürklis System in die Krise stürzte, konnte es dank politischer und wissenschaftlicher Hilfe langfristig verbessert werden. So wurden Sandfilter und später noch Doppelfilter ins Aufbereitungssystem der Wasserversorgung integriert.

Das weiterentwickelte System war erfolgreich. Die Einwohnerzahl von Zürich stieg nach der ersten Eingemeindung gegen Ende des 19. Jahrhunderts rasant an. Zudem wurden auch Aussengemeinden an das städtische Wasserleitungsnetz angebunden, was laut Historiker Blanc kaum Probleme verursachte.

Auf die Krise folgte ein Wachstum des Wasserverbrauchs. Dieses hielt rund 70 Jahre lang an. Erst 1970 sank der Pro-Kopf-Wasserverbrauch erstmals. Die Trendwende hatte mehrere Gründe: Zum einen wurde wegen der Deindustrialisierung und dem Rückgang wasserintensiver Unternehmen wie Brauereien und Molkereien weniger Wasser konsumiert. Zum anderen wurden in dieser Zeit sparsamere Waschmaschinen, Geschirrspüler und Toiletten entwickelt, die diesem Trend weiteren Schub gaben. Dies stürzte die Wasserversorgung in den 1990er-Jahren in eine finanzielle Krise, von der sie sich dann einige Jahre später wieder erholte.