Wie vom Fotografen gewünscht, setzen FCZ-Präsident Ancillo Canepa und GC-Präsident Stephan Anliker zum Luftsprung an, als das Abstimmungsresultat feststeht: 53,8 Prozent der Stadtzürcher Stimmberechtigten haben sich gestern für das Stadionprojekt «Ensemble» ausgesprochen. Damit soll auf dem städtischen Hardturmareal ein Fussballstadion für 18 000 Zuschauer entstehen, das durch zwei direkt daneben platzierte Hochhäuser mit Wohnungen im mittleren und oberen Preissegment querfinanziert wird. Ausserdem ist auf dem Hardturmareal eine Genossenschaftssiedlung mit 174 gemeinnützigen Wohnungen geplant.

Die Stadionbefürworter hatten sich schon am Mittag im Café «Metropol» versammelt. GC-CEO Manuel Huber gab sich «vorsichtig optimistisch» und verriet: Im Gegensatz zur letzten Zürcher Stadionabstimmung, die 2013 knapp verloren ging, habe man viel mehr in die Kampagne investiert. In Zahlen: 480 000 Franken.

Als Canepa eintrifft, umarmt er Anliker. Immer wieder hatten die beiden Klubpräsidenten im Vorfeld betont, vom Stadionbau auf dem Hardturmareal hänge die Zukunft des Zürcher Spitzenfussballs ab. Denn statt wie im Letzigrund Miete an die Stadt zu bezahlen, können die Klubs im geplanten neuen Stadion mehr Einnahmen kassieren.

Als das Abstimmungsergebnis feststeht, tritt der Zürcher Stadtrat mit Stadtpräsidentin Corine Mauch (SP), Sportminister Filippo Leutenegger (FDP), Hochbauvorstand André Odermatt (SP) und Finanzvorstand Daniel Leupi (Grüne) gleich vierköpfig vor die Medien, um seine Sicht der Dinge darzulegen. «Es steht 1:0 für den Fussball, für durchmischtes Wohnen und die Quartierversorgung», sagt Odermatt. Und fügt an: «Wir brauchen noch weitere Goals.»

Denn bis die Bagger auffahren, muss zuerst noch der Gestaltungsplan vom Stadtparlament bewilligt werden. «Er ist rekurs- und referendumsfähig», sagt Odermatt. Auch gegen die darauf folgenden Baubewilligungsverfahren seien Einsprachen möglich. «Rekurse sind zulässig», sagt der SP-Stadtrat. «Aber wir haben nun einen klaren Willen der Stimmbürger.»

Bis vor Bundesgericht

Der Stadtrat macht sanften Druck auf die Gegner des Projekts «Ensemble». Zum einen sind dies Anwohner aus dem Stadtteil Höngg. Sie fürchten um freie Sicht auf die Alpen und finden das «Ensemble» wegen der beiden 137-Meter-Hochhäuser städtebaulich falsch. Der Stadtkreis 10, zu dem Höngg gehört, lehnte als einziger Stadtkreis das Projekt «Ensemble», zu dem die Stadt vergünstigtes Bauland beisteuert, ab.

Zu den Wortführern der Höngger Projektgegner zählt der ehemalige FDP-Gemeinderat und Heimatschutzpräsident Marcel Knörr. Eine Anfrage dieser Zeitung liess er gestern unbeantwortet. Gegenüber Radio SRF sagte er: «Wir werden sicher weiterkämpfen.» Allenfalls bis vor Bundesgericht. Er und seine Mitstreiter seien nicht gegen das Stadion, sondern gegen die Hochhaustürme. Eine Lösung könnten drei weniger hohe Türme sein.

Eine andere mögliche Lösung spricht im «Metropol» Daniel Meier an. Der frühere CVP-Gemeinderat ist Präsident der Vereinigung Pro Sport Zürich und Teilhaber der Stadion Zürich Betriebs AG, die das neue Stadion dereinst betreiben soll. Ihm schwebt vor, das Projekt aufzusplitten: Zuerst gelte es, die politisch unbestrittenen Teile zu realisieren, nämlich das Stadion und die Genossenschaftssiedlung. Dann, und davon losgelöst, die Hochhäuser.
Martin Kull, Besitzer der HRS Real Estate AG, unter deren Federführung das Projekt «Ensemble» geplant, finanziert und realisiert werden soll, erteilt Meier eine Absage: «Das Ensemble bleibt zusammen. Man kann es nicht aufsplitten. Es gibt überall Schnittstellen.» Man werde aber nochmals das Gespräch mit den Gegnern suchen und ihnen das Projekt erneut erklären. «Uns geht es darum, dass nicht Partikularinteressen Einzelner über das allgemeine Interesse gestellt werden», sagt Kull.

Eine andere Gruppe von Gegnern des Projekts spricht Stadtpräsidentin Mauch an: ihre eigene Partei. Die SP hatte das «Ensemble» bekämpft, weil es die Stadt langfristig zu viel kosten würde – und deshalb eine Volksinitiative für ein rein städtisch finanziertes Stadion lanciert. Nun sagt Mauch: «Ich appelliere an die SP, dass sie ihre Volksinitiative zurückzieht.

Wortführerin der «Ensemble»-Gegner in der SP ist Nationalrätin Jacqueline Badran. Sie sei dafür, dass die SP ihre Initiative zurückziehe, sagt sie am Telefon. Diese sei nun obsolet. Ob die Initiative bereits jetzt oder erst bei Baubeginn definitiv zurückgezogen wird, entscheide die Partei am 6. Dezember, teilt die SP per Communiqué mit. «Es kommen spannende Kreise auf uns zu, die sagen, wir sollen noch warten», orakelt SP-Co-Präsident Marco Denoth. «Mehr sage ich jetzt nicht.»

Für Badran ist klar: «Das war ein Pyrrhussieg. Jetzt fängts erst richtig an.» Der Höngger Freisinn werde das Projekt mit Rekursen bis vors Bundesgericht bekämpfen und jahrelang blockieren.