Kriminalmuseum

Der Fraumünsterpostraub ist jetzt auch ein Fall fürs Museum

Staatsanwalt Rolf Jäger vor einem Stück seiner eigenen Geschichte.

Staatsanwalt Rolf Jäger vor einem Stück seiner eigenen Geschichte.

Waffen, Geldkisten und ein verkohltes Auto: Das neuste Exponat des Kriminalmuseums der Kapo Zürich widmet sich dem Zürcher Fraumünsterpostraub, geschehen am 1. September 1997. Erinnerungen an den Jahrhundertkriminalfall.

Beeindruckt sieht sich Rolf Jäger, der Leitende Staatsanwalt Winterthur/Unterland, die Ausstellungsstücke an. Er war damals, als fünf bewaffnete Räuber fünf Kisten mit 53,1 Millionen Franken erbeuteten, Bezirksanwalt in Zürich, Chefermittler und Ankläger in einem der spektakulärsten Fälle der Schweizer Kriminalgeschichte.

Wir begleiten Jäger bei seinem ersten Besuch der Ausstellung. Er fühlt sich flugs in die Vergangenheit versetzt. Neben zwei der Original-Geldkisten steht eine Kalaschnikow. Mit einem solchen Modell patrouillierte einer der Räuber im Innenhof der Fraumünsterpost. Das Gewehr ruft erste Assoziationen hervor: «Laut unseren Untersuchungen war keine der verwendeten Waffen geladen. Das machte es aber für die Opfer in der Post nicht weniger schrecklich. In einem solchen Moment geht man vom Schlimmsten aus», erinnert er sich an die traumatischen Folgen, die bei den Befragungen zutage kamen.

Den Blick auf sich zieht das grosse Bild mit dem Fluchtfahrzeug – einen gestohlenen Fiat Fiorino. Durch die geöffneten Hecktüren zu sehen: Die fünf leeren Geldkisten. Alles ist angesengt, teilweise verkohlt. «Nachdem die Mittäter das Geld entladen und jeder seinen Anteil erhalten hatte, wurde der Fluchtwagen angezündet. Was die Täter nicht wussten: Gerade zu dieser Zeit führte die Feuerwehr in der Nähe eine Nacht-Übung durch. Die löschte den Brand im Auto schnell.» Deshalb blieb praktisch alles erhalten. Auch die von einem anderen Fahrzeug gestohlenen und ummontierten Schilder, die ebenfalls ausgestellt sind. Jäger erkennt die Nummer sofort.

«Die Täter waren mit ihrem zu kleinen Auto dermassen im Stress, dass sie zwei Kisten mit rund 20 Millionen zurückliessen», erklärt Jäger und zeigt auf das Bild der Kisten auf einer der Fototafeln. «Hätte einer der Zuschauer, die im Gebäudekomplex um die Fraumünsterpost aus den Fenstern in den Hof schauten, rascher zum Telefon gegriffen und die Polizei umgehend verständigt, hätte man die Bande vielleicht schneller geschnappt, und noch wichtiger: vielleicht sogar das ganze Geld, von dem bis heute etwas mehr als die Hälfte fehlt.» Die Polizeiwache Urania befindet sich nur einige 100 Meter Luftlinie entfernt: die Einsatzkräfte waren nach dem Alarm innert drei bis vier Minuten vor Ort – ziemlich genau die Zeit, welche die Posträuber für ihren Überfall brauchten.

Schlag auf Schlag: Ermittlererfolge

Ein grosser Teil der Beute wurde bereits kurz nach der Tat in einer Wohnung in Bülach gefunden. «Ich weiss es noch, als ob es gestern gewesen wäre», sagt Jäger. «Es war bereits Abend. Die italienischen Behörden hatten den Chef der Posträuber und drei Begleiter festgenommen und verlangten von uns bis Mitternacht einen internationalen Haftbefehl, sonst würden sie sie wieder freilassen.» Die Polizei musste vorwärtsmachen bei der Durchsuchung der Wohnung einer in Mailand verhafteten Begleiterin. «Einem der Polizisten fiel in einem Schrank ein Koffer auf, der auffällig schwer und mit einem Zahlenschloss gesichert war. Der Mann drückte den Deckel durch, um reinzuschauen, und sagte: ‹Da hat es ja Ameisen drin!›» Die alten 1000er-Noten waren mit Ameisen bedruckt.

Jäger: «Ich überwachte im Kripo-Gebäude Zürich, wie die anderen Ermittler die Sicherstellung mehrmals durchzählten: 18 Millionen und 793 000 Franken». Der Verfahrensleiter wollte das Geld sofort in Sicherheit wissen. «Wir riefen bei der Nationalbank an, es war schon sehr spät. Nach einigen Verhandlungen konnten wir das Geld schliesslich in den Nachttresor legen.»

Das Medienereignis

Eine Komplizin wurde schon drei Monate später in Zürich wegen Hehlerei verurteilt. «Wir wollten schnell ein Zeichen setzen, dass die Beteiligung am Verstecken oder Verschieben von Geld aus dem Postraub spürbare Folgen hat. Sie können sich nicht vorstellen, wie gross der Druck war.» Vor allem auch vonseiten der Medien, für die der Postraub ebenso ein Grossereignis war wie für die Strafverfolgungsbehörden. «Ich verbrachte täglich zwei bis drei Stunden mit Medienanfragen und Interviews von Radio- und Fernsehstationen. Ich konnte das nicht delegieren, denn ständig änderte sich der Stand der Ermittlung, gab es Entscheidungen zu treffen und Neues zu berichten.»

Rolf Jäger war mit seinen 36 Jahren damals noch ein junger, aber schon erfahrener Staatsanwalt. Er hatte ein hochkarätiges, routiniertes Team um sich, das ihm gerade auch im Umgang mit den Medien mit guten Tipps zur Seite stand. «Ich habe realisiert, wie wichtig die Öffentlichkeitsarbeit in einem solchen Fall ist. Dadurch, dass ständig über den Jahrhundertfall berichtet wurde, kamen immer wieder Hinweise aus der Bevölkerung, die uns weiterbrachten.» Und auch dazu führten, dass innerhalb von nur 16 Monaten alle acht Hauptbeteiligten in Haft sassen.

So perfekt der Raub geplant schien, so dilettantisch verhielten sich die Täter. Einige konnten geschnappt werden, weil sie mit dem Geld nur so um sich warfen. «Aber der Chauffeur hatte sich bis nach Miami abgesetzt und lebte dort einigermassen unauffällig als Billardspieler.» Diesen letzten Mittäter zurückzuholen wurde zur Chefsache. «Laut State Department war die Wahrscheinlichkeit, dass die USA ihn uns rasch ausliefern konnten, sehr klein.» Jäger liess sich nicht beirren. Aus Bern erhielt er den Rat, sich einfach ins Flugzeug zu setzen. «Und tatsächlich, als wir dann drüben waren, war die Atmosphäre sehr professionell.»

Rolf Jäger erinnert sich gerne, wie gut alles lief. «Alle waren pragmatisch und hilfsbereit, komplizierte Wege konnten vermieden werden. Auch Berufskollegen in Zürich boten freiwillig an, mir die eine oder andere Aufgabe abzunehmen – es waren ja über 50 weitere Verfahren wegen Hehlerei und Geldwäscherei.» Dann wird er plötzlich nachdenklich. «Jetzt sitze ich hier im Museum und bin selber noch voll aktiv.» Viele aus dem rund 100-köpfigen Kernteam wurden bereits wenige Jahre nach dem Fall pensioniert. «Keiner ist mehr im Dienst, das ist irgendwie erschreckend.» Jäger geht davon aus, dass es bei der Premiere zum Kinofilm über den Postraub von Regisseur Dani Levy zu einem Wiedersehen der Ermittlertruppe kommen wird.

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