Protest

Der Flixbus nach Lyon kommt nicht an

Für die Gewerkschaft SEV ist klar: Der Bus nach Lyon konkurrenziert die SBB. Gestern protestierte sie deshalb auf dem Carparkplatz in Zürich. Keystone

Für die Gewerkschaft SEV ist klar: Der Bus nach Lyon konkurrenziert die SBB. Gestern protestierte sie deshalb auf dem Carparkplatz in Zürich. Keystone

Die Gewerkschaft SEV protestierten gestern gegen den internationalen Fernbus-Anbieter.

Eine Toblerone für den Flixbusfahrer, der die Strecke Konstanz–Lyon bedient. Giorgio Tuti, Präsident der Gewerkschaft SEV, überreicht sie ihm in Zürich. Botschaft an den Chauffeur: Es geht um die Sache, die Protestaktion ist nicht gegen ihn persönlich gerichtet. Zuvor hatte der Fahrer durchaus im Sinne des SEV den Journalisten Auskunft gegeben. Er stammt aus Saint-Étienne in Frankreich und verdient 1600 bis 2000 Euro (1750 bis 2200 Franken).

In der Schweiz würde schon der Einstiegslohn 4500 Franken betragen, erklärt SEV-Vizepräsidentin Barbara Spalinger. Auf der Bahnstrecke wäre auch die Benützung der Trasse abzugelten. Zürich–Genf würde in der Hauptverkehrszeit 5900 Franken kosten, weiss Spalinger. Der SEV vertritt die Arbeitnehmenden im Bereich öffentlicher Verkehr und kämpft an verschiedenen Fronten, seit die SBB im September «Railfit 20/30» angekündigt haben. Bis 2020 sollen 1400 Stellen gestrichen werden. Begründet wird dies unter anderem mit einer künftig schärferen Konkurrenz, etwa durch Fernbusse, selbstfahrende Autos etc.

Block-Protest gegen "Flixbus"

Block-Protest gegen "Flixbus"

Nur 30 Franken kostet ein Retourbillett nach München. Das kommt vor allem die Fahrer teuer zu stehen. In Zürich folgt dafür die Retourkutsche.

Ob die gestrige Aktion den Chauffeur überraschte, sei dahingestellt. Auf die Frage, ob es vorkomme, dass in Zürich zugestiegene Passagiere bereits in der Schweiz wieder ausstiegen, antwortet er jedenfalls ganz im Sinne seines Arbeitgebers mit Nein. Immerhin geben auch die wenigen zusteigenden Passagiere alle an, dass sie bis Lyon durchfahren.

Täten sie es nicht, würden sie das Cabotageverbot verletzen. Gemäss diesem dürfen ausländische Transportunternehmen zwar Passagiere in die Schweiz bringen oder hier abholen. Sie dürfen aber keine Reisen anbieten mit Anfangs- und Endpunkt in der Schweiz. Mit der im Oktober lancierten Strecke Konstanz–Lyon umgehe Flixbus das Verbot, argwöhnt der SEV. Zwar sind die weiteren Halte in Bern, Lausanne und Genf nur zum Einsteigen vorgesehen. Aber will jemand aussteigen, lässt sich das kaum verhindern.

Billett nach Lyon mit Ziel Genf

Der Trick kann sich lohnen, denn der Bus bis Lyon ist in der Regel billiger als das Bahnbillett für die Strecke innerhalb der Schweiz. Wer gestern für Montag buchte, dem offerierte Flixbus ein Preis von 17 Euro (rund 19 Franken). Zürich–Genf kostet mit der Bahn 87 Franken, mit Halbtax
Fr. 43.50. Für die Bahn spricht indes die Fahrzeit: rund zwei Stunden, 45 Minuten. Der Bus braucht mehr als viereinhalb Stunden.

Die Schweiz lässt noch keine Konkurrenz der SBB durch Fernbusse zu. Peter Füglistaler, Chef des Bundesamtes für Verkehr, hat sie kürzlich eine sinnvolle mögliche Ergänzung genannt. Rundum ist der Markt bereits liberalisiert: in Österreich und Italien schon länger, in Deutschland seit 2013, in Frankreich seit 2015. Ein Cabotageverbot gibt es nicht.

1000 Fahrzeuge umfasst die Fixbusflotte heute. Die Firma hat in Deutschland angefangen, besitzt dort einen Marktanteil von 90 Prozent und expandiert kräftig ins Ausland. Für den Betrieb der Busse stehen 250 Unternehmen unter Vertrag. 900 Mitarbeiter kümmern sich in Berlin und München um Planung und Vertrieb. Mediensprecherin Bettina Engert stellt in Abrede, dass die Linie Konstanz–Lyon eingeführt worden sei, um das Cabotageverbot in der Schweiz zu umgehen. Es handle sich um eine internationale Strecke. Und die erhobene Zahl der grenzquerenden Passagiere zeige, dass die Nachfrage gross sei. Für nächsten Frühling sei daher eine zweite tägliche Verbindung geplant.

Engert räumt allerdings ein, dass die Hauptnachfrage die Abschnitte Lausanne– Lyon und Zürich–Konstanz betreffe. Die Passagiere würden informiert, dass das Aussteigen nicht erlaubt sei. Die Fahrer seien instruiert. Nachfragen bei diesen hätten ergeben, dass es auch kaum Zuwiderhandlungen gebe. Allerdings, so gibt die Mediensprecherin zu bedenken, wäre es eine Nötigung, jemanden am Aussteigen zu hindern. Den Sinn der gewerkschaftlichen Aktion stellt sie insofern infrage, als damit die Möglichkeit zum Tricksen ja erst richtig bekannt gemacht werde.

Gewerkschafter Tuti will nun politisch Druck machen. Er fordert, dass die Löhne für ausländische Fahrer gleich hoch sein müssen wie für hiesige, sobald sie auch innerhalb der Schweiz Passagiere befördern.

Verwandtes Thema:

Meistgesehen

Artboard 1