Komplizierte Fahrt
Der Fährentransport wurde erst kurz vor dem Ziel gebremst

Das neue Flaggschiff der Zürichsee-Fähre Horgen-Meilen AG kommt in 17 Teilen an seine Wirkungsstätte.

Christian Dietz-Saluz
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Martin Zemp begleitet Rumpfteile auf dem Weg zum Zürichsee. Manuela Matt

Martin Zemp begleitet Rumpfteile auf dem Weg zum Zürichsee. Manuela Matt

ZSZ

Elefanten schrecken vor der Maus zurück. Kolossale Schwertransporte können an kleinen Pfosten oder in die Strasse ragenden Verkehrszeichen scheitern. Oder an einem fehlenden Schlüssel. Das hat sich in der Nacht auf gestern gezeigt, als die ersten Teile der neuen Zürichsee-Fähre auf 20 Meter langen Tiefladern geliefert wurden. Die unvorhersehbaren Kleinigkeiten forderten die Transporteure am meisten heraus – trotz akribischer Planung.

Wegen der Überbreite der Ladung dürfen die Lastwagen nur nachts über die Strassen rollen. 17-mal pendeln die Spezialfahrzeuge zwischen der ÖSWAG-Werft in Linz an der Donau und Zürich Wollishofen, wo die Rumpfsegmente in der Werft der Zürichsee-Schifffahrtsgesellschaft zusammengebaut werden. Komplett war die neue Fähre schon vor zwei Wochen, bevor sie für den Transport wieder zerlegt wurde. Heute Samstag treffen die nächsten zwei Ladungen ein. Bis Mitte Mai werden alle Teile in der ZSG-Werft sein. Arbeiter der ÖSWAG-Werft beginnen am Montag mit der Montage.

«Es geht nie reibungslos»

Transporte mit Lasten, die bis zu 36 Tonnen wiegen und mit sechs Meter Breite eine zweispurige Autobahn für sich beanspruchen, werden generalstabsmässig organisiert. Es braucht Bewilligungen für jede Strasse, jede Brücke und jeden Kreisel. Dazu eskortieren bestellte Polizei- und Begleitfahrzeuge den Konvoi. Die Verantwortlichen müssen immer mindestens einen Plan B in der Schublade haben.

Herbert Hamberger von der Transportfirma Prangl leitet dieses Projekt. Ursprünglich plante er die Route über Thayngen/Schaffhausen in die Schweiz. Das zerschlug sich schon im Februar wegen Baustellen auf der deutschen Seite der Grenze. Also wurde Lustenau in Vorarlberg für die Einfahrt in die Schweiz gewählt. Via St. Gallen und Winterthur nach Zürich oder über Sargans/Walensee und linksufrige Autobahn: Auch hier spielten Baustellen den Schiedsrichter. Die Walensee-Route ist frei. «Es geht nie reibungslos, im letzten Moment kann noch etwas dazwischenkommen», sagt Hamberger.

Er sollte recht behalten. Der Pfändertunnel bei Bregenz wurde einen Tag vor der Abfahrt in Linz wegen Reinigungsarbeiten nachts gesperrt. «Wir erhielten doch noch eine Sonderbewilligung und werden durch den Tunnel geschleust», erzählt der Projektleiter. Nach einem Tageshalt im Allgäu erreicht der Konvoi die Schweizer Grenze um 1 Uhr nachts. Eine Stunde später übernimmt die St. Galler Kantonspolizei die Führung.

Ampel und Insel im Weg

Rheintal und Sarganserland werden problemlos passiert. Am Walensee muss kurz verlangsamt werden, weil eine Fahrspur gesperrt ist. Zum Glück nicht wegen einer Baustelle. Mit Tempo 85 km/h geht es weiter. In Reichenburg erfolgt um 3.10 Uhr der fliegende Wechsel bei den Polizeifahrzeugen von der Kapo St. Gallen zur Kapo Zürich. 25 Minuten später taucht der Konvoi mit orangen Blinklampen auf der A3 oberhalb von Wädenswil aus dem Dunkel der Nacht auf und rauscht an der Raststätte Herrlisberg vorbei. Dahinter blinkt es blau von der Polizei. Überholen ist nicht möglich, auch wenn das ein eiliger Frühaufsteher in seinem Wagen glaubt.

In Zürich Wiedikon verlässt der Schwertransport die Autobahn. Es folgen die schwierigsten zwei Kilometer. Vor dem Tunnel in Zürich Enge kommt eine Fussgängerampel dem Rumpfteil zu nahe. Die Männer aus dem Begleitfahrzeug biegen sie zur Seite.

Nach dem Tunnel stehen zwei Inselpfosten im Weg. Sie werden abgeschraubt und hinter den Tiefladern wieder montiert. Um 4.50 Uhr ist das Ziel am Mythenquai erreicht. Und jetzt verwirft plötzlich Daniel Hirt die Hände. Der Berner von der Firma Heavy Transport Service, der für die Bewilligungen und die Streckenprüfung in der Schweiz verantwortlich ist, steht vor einem mit Gittern und Ketten gesperrten Parkplatz. Dort soll der Transport bis zum Abladen am Montag abgestellt bleiben. Der Parkplatzbesitzer hat sich um einen Tag geirrt, erfährt Hirt am Telefon. Ein Gleisbautrupp, der zufällig an den benachbarten SBB-Anlagen arbeitet, hilft mit einer riesigen Beisszange aus. Ratzfatz sind die Ketten durchtrennt.

Am 3. August im Wasser

Um 5.15 Uhr sind die ersten zwei Fährenteile endgültig am Zürichsee angekommen. Fähren-Geschäftsführer Martin Zemp ist zufrieden. «Es war eine beeindruckende und spannende Nacht», sagt er und nimmt einen Schluck heissen Kaffee. Noch 15 Tieflader und sein «Baby» ist komplett geliefert. Am 3. August soll es erstmals im Zürichsee schwimmen.