Swissair
Der erste Mitarbeiter der Swiss geht von Bord

Der Swiss-Sprecher Jean-Claude Donzel hat 12 Chefs «überlebt», Anfang 2012 wird er pensioniert. 45 Jahre stand er im Dienst der Schweizer Fluggesellschaft. Ein Blick zurück auf eine turbulente Zeit.

Roman Schenkel
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Ein Berufsleben für die Swiss(air): Jean-Claude Donzel

Ein Berufsleben für die Swiss(air): Jean-Claude Donzel

Philipp Schmidli

Hier ein Pilot, da eine Flight-Attendant, dort jemand vom Bodenpersonal: Swiss-Mediensprecher Jean-Claude Donzel (62) kommt in den Gängen des Swiss-Hauptsitzes mit Grüssen kaum nach. Alle kennen das Swiss-Urgestein. Donzel ist sozusagen der erste Angestellte, den die neue Firma überhaupt hatte. Nach dem Grounding der Swissair 2001 und vor dem Aufstieg der Swiss im Frühjahr 2002 hat ihn der Konkursverwalter persönlich angestellt. Monatelang hat Donzel Dokumente für den Swissair-Prozess archiviert. Als die neue Firma 2002 abhob, war Donzel als Mediensprecher wieder mit an Bord.
«Die leeren Gänge und kahlen Büros nach dem Grounding waren kaum zu ertragen», sagt Donzel heute. 1967, mit 18 Jahren, fing der gebürtige Bieler als Lehrling bei der Swissair an. Nach der Verkehrsschule in Biel folgte er dem Rat seines Lehrers und ging zur Swissair statt zur Post. Die Fliegerei passe besser zu ihm als das Briefgeschäft.

Donzel blieb der Swissair und der Swiss sein ganzes Berufsleben lang treu, 45 Jahre lang. «12 verschiedene Geschäftsführer habe ich in dieser Zeit überlebt.» Die Lust auf einen Wechsel sei nie dagewesen. «Die Arbeit war spannend und vor allem ging sie mir nie aus.» Der Grund liege aber auch in seinem Naturell: «Donzels sind sehr treu - bereits mein Vater hat 49 Jahre lang bei der Post gearbeitet, mein Bruder war 40 Jahre beim Westschweizer Radio.» Als unkompliziert, hilfsbereit und menschlich wird Donzel beschrieben. «Er war ein engagierter, ruhiger und überlegter Mitarbeiter», sagt André Dosé, Swiss-Chef von 2002 bis 2004.

Von der Pike auf gelernt

Bei der Swissair lernte Donzel das Fluggeschäft von der Pike auf. Er begann beim Verfrachten, vermerkte mit Bleistift und Gummi Reservationen und übte Preisberechnungen. Nach sechs Jahren wurde Donzel Stationsleiter in Nizza. Er zügelte mit seiner Frau nach Frankreich, wo sein erster Sohn geboren wurde. Zu dieser Zeit war die Fliegerei noch etwas Elitäres: Donzel führte Sophia Loren am Arm zum Flugzeug und traf die Prominenz von Cannes und Monaco. Zwei Jahre später übernahm er die Swissair-Station in Rom. In Italien kam sein zweiter Sohn auf die Welt.

1982 sah er in der Zeitung ein Stelleninserat als Swissair-Mediensprecher. «Das ist es, das will ich», hat er seiner Frau gesagt. Donzel bewarb sich, und prompt erhielt er den Job. Dass er mit den Abläufen der Swissair vertraut war, stellte sich als grosser Vorteil heraus. Er kenne den Laden auswendig und sei «der letzte verbleibende Aviatik-Fan im Swiss-Kommunikationsteam», bescheinigten ihm Journalisten bei der Pressesprecherwahl 2011. Donzel belegte den zweiten Platz - «ein wunderbarer Abschluss meiner Karriere». Schönwetter-Medienarbeit» habe er in den ersten zehn Jahren als Sprecher gemacht. Mit der Swissair ging es steil aufwärts. 1995 wechselt er als Sprecher für die Westschweiz nach Genf. Donzel wohnte aber weiterhin in Bülach und pendelte hin und her - mit dem Flugzeug versteht sich:
«1000-mal habe ich den Röstigraben überflogen», erzählt er. In Genf erlebte er den ersten von «drei schwarzen Momenten» bei der Swissair: 1996 strich Swissair-Chef Philippe Bruggisser alle Langstreckenflüge ab Genf. Donzel, der «böse Swissair-Mann», musste den aufgebrachten Romands erklären, weshalb.
1998 folgte der Absturz einer Swissair-Maschine in Halifax. «Es war ein schrecklicher Unfall, doch wir waren für solche Notfälle gut geschult.» Die Krisenkommunikation der Swissair erhielt später viel Lob.

«Ich verliere meine Stelle»

Keine Schulung gab es jedoch für den schwärzesten Moment in Donzels Karriere: das Swissair-Grounding. «Meine Damen und Herren, liebe Fluggäste, aus finanziellen Gründen ist die Swissair nicht mehr in der Lage, ihre Flüge durchzuführen.» Es sei der emotionalste Moment in seiner Karriere gewesen, als diese Lautsprecherdurchsage am 2. Oktober 2001 um 16.15 Uhr durch den Flughafen Zürich hallte, erinnert sich Donzel. «Ich wusste, meinen Arbeitgeber gibt es nicht mehr, und ich verliere meine Stelle.» Ein halbes Jahr später hob die Swiss ab. Doch der Start der Nachfolgefirma verlief alles andere als einwandfrei. 2004 stand sie am Abgrund. Eine Restrukturierung folgte der anderen. Tausende Mitarbeiter mussten entlassen werden. Donzel blieb.
2005 wird die Swiss für 310 Millionen Euro an die Lufthansa verscherbelt. Seither ging es mit der Swiss aufwärts. Unter dem heutigen Lufthansa-Chef Christoph Franz gelang die Wende. Heute gilt die Swiss als «Perle» im Konzern. Franz erinnert sich gerne an seinen Sprecher: «Jean-Claude Donzel ist mit unheimlich viel Herzblut für die Airline-Industrie bei der Sache, gepaart mit langjähriger Erfahrung und Know-how.»
Mit dem Erfolg der Swiss sei das Vertrauen der Bevölkerung zurückgekommen, auch in der Romandie. «Das war für mich sehr wichtig.» Heute sei die Swiss mindestens so gut wie die Swissair zu ihren besten Zeiten. «Dieses Jahr übertreffen wir die Zahl von 15 Millionen Passagieren», sagt Donzel. Diese Marke hat die Swissair nur einmal, im Jahr 2000, erreicht. Die Passagierzahlen der Swiss seien aber noch etwas höher als diejenigen der Swissair. «Es ist schon fast wieder Schönwetter-Medienarbeit», sagt Donzel. Dass er sein Berufsleben trotz aller Turbulenzen auf diese Weise beenden könne, sei ein tolles Abschiedsgeschenk.