Fall Carlos
Der Entscheid des Bundesgericht ist ein Debakel für Zürcher Justiz

Das Bundesgericht gibt Carlos Recht. Der heute 18-jährige Straftäter, der im letzten August durch eine Fernsehdokumentation nationale Berühmtheit erlangt hat, muss freigelassen werden. Das ist ein Debakel für die Zürcher Justiz.

Jürg Krebs
Drucken
Teilen
Das Bundesgericht ordnet die Entlassung von Carlos an (Archiv).

Das Bundesgericht ordnet die Entlassung von Carlos an (Archiv).

Keystone

Das Bundesgericht gibt Carlos Recht. Der heute 18-jährige Straftäter, der im letzten August durch eine Fernsehdokumentation nationale Berühmtheit erlangt hat, muss freigelassen werden. Er wurde zu Unrecht eingesperrt. In den Onlinekommentaren ist Volkes Seele deshalb am Überkochen. Man hätte ihn am liebsten in einen mittelalterlichen Kerker schmoren sehen.

Die Zürcher Justiz hingegen ist kleinlaut geworden. Man nehme das Urteil des Bundesgerichts zur Kenntnis. Der Leitende Oberjugendanwalt Marcel Riesen (SVP), der Carlos im August 2013 wegsperren liess, wollte keine Stellung nehmen. Ebenso Justizdirektor Martin Graf (Grüne). Der wollte nur zu einer anderen Personalie Auskunft geben, seinem Leitenden Oberstaatsanwalt, der Ende Monat in Pension geht.

Wie war das noch mal im letzten September? Martin Graf präsentierte einen Untersuchungsbericht zu Carlos' Sondertherapie und inszenierte sich als führungsstarker Politiker, der sich von einem Carlos nicht auf der Nase rumtanzen lässt. Er zeigte Gefallen daran, dass Riesen durchgegriffen hatte. Graf wollte den politischen Gegnern, die eine Verschärfung des Jugendstrafrechts fordern, keine Angriffsfläche für deren Kuscheljustizvorwürfe bieten. Die Folge: Schluss mit teuren Sondersettings.

Doch nun hat Graf ein Problem. Das Bundesgericht sagt nicht nur, dass Carlos' Sondersetting erfolgreich war, es wirft der Zürcher Justiz vor, dieses auf Druck der Öffentlichkeit sogar abgebrochen zu haben. Oder anders gesagt: Es zweifelt an der Unabhängigkeit der Zürcher Justiz. Das ist ein Debakel.