Seine Kindheit verbrachte Abbas Poya in Afghanistan, zeitweise auch im Iran. Der Vater war als Kaufmann viel unterwegs, religiös gebildet und belesen. Abbas Poya besuchte im Afghanistan der frühen 1970er-Jahre zum einen die staatliche Schule, wo man «auf spielerische Art» lernte, wie sich der 48-jährige Gastprofessor beim Gespräch im Asien-Orient-Institut der Universität Zürich erinnert. Ab dem sechsten Lebensjahr wurde er zudem in einer traditionellen Lernstätte unterrichtet. So fand er Zugang zu ernsthaften theologischen und rechtlichen Themen. Wie hat Gott die Welt erschaffen? Und woraus besteht der islamische Glaube? Solche Fragen begannen ihn zu beschäftigen. «Man merkte den Ernst dieser Fragen», sagt Poya – und fügt an: «Es war auch bereichernd zu sehen, dass es nicht nur eine Welt gibt, sondern Parallelwelten. So habe ich gelernt, offen zu sein für andere Weltbilder.»

Mit 18 Jahren Kriegsflüchtling

Und dann gab es diesen folgenreichen politischen Umbruch: Eine links orientierte Regierung kam an die Macht, unterstützt von der damaligen Sowjetunion. Sowjetsoldaten marschierten in Afghanistan ein. Religiös motivierte und bald auch von den USA unterstützte Mudschaheddin leisteten Widerstand. Ein jahrelanger Bürgerkrieg, der bis heute nachwirkt, entwickelte sich. «Man sah, wie Menschen in den Krieg zogen und als Leichen zurückkamen», erinnert sich Poya. «Es gab Grausamkeiten auf beiden Seiten. Ich stellte fest: Der Krieg pervertiert die Menschen und ihre religiösen Vorstellungen. Letztlich geht es dabei um Macht, nicht um Werte, auch wenn diese propagiert werden.» Poya entschied sich, dem Krieg den Rücken zu kehren: Als 18-Jähriger floh er 1986 nach Deutschland, wo er als politischer Flüchtling aufgenommen wurde.

Dass er in Deutschland Islamwissenschaften studierte, hatte mit diesem Hintergrund zu tun: «Ich wollte herausfinden: Was ist das, der Islam, dieser umkämpfte Begriff?» Nicht die für unverrückbar erklärten Wahrheiten der Ideologen interessierten ihn, sondern das Verständnis religiöser Themen aus ihrem Kontext heraus.

Es folgte eine akademische Laufbahn in Deutschland und ein Studienjahr in Syrien, wo Poya klassische islamische Theologie studierte. Nun ist er seit September Gastprofessor an der Uni Zürich, die neu für vorerst drei Jahre eine Gastprofessur für islamische Theologie und Bildung eingerichtet hat. Sein Start in der Schweiz sei schön gewesen, «alles gut organisiert», sagt Poya. Die Frage, ob er religiös sei, findet er «zu persönlich» – und fährt fort: «Relevant ist, wie ich mich gegenüber anderen gesellschaftlichen Gruppen verhalte und wie ich meine universitären Aufgaben erledige.»

Nun denn, Poya ist in der Schweiz gelandet, dem Land, das 2009 per Volksabstimmung den Bau von Minaretten verbot und so die Ängste einer Mehrheit seiner Stimmbürger gegenüber «dem Islam» zum Ausdruck brachte. Ähnliche Motive stecken hinter der vorgestern aus SVP-Kreisen lancierten Volksinitiative für ein Verhüllungsverbot, die sich primär gegen das Tragen von Burkas richtet. Darauf angesprochen, sagt Poya: «Man muss diese Ängste ernst nehmen.» Sie beruhten jedoch auf fixen Vorstellungen davon, was die eigene Kultur oder der Islam sei. Solche Vorstellungen seien nicht haltbar: «Menschen und Kulturen sind immer in Bewegung. Kulturelle Identitäten sind keine festen Einheiten. Sie können sich ändern.»

Ohnehin würden Muslime längst zur europäischen Wirklichkeit gehören. Ihre Kultur als etwas Fremdes zu betrachten, sei weder hilfreich noch mit westlichen Werten wie den Menschenrechten in Einklang zu bringen. Das Phänomen Burka sei auch im Islam umstritten. Die Lösung sollte nicht Tabuisierung sein, sondern Aufklärung, findet der neue Islam-Theologe der Uni Zürich. Und weiter: «Die Frage ist nicht, ob wir die Muslime ablehnen, sondern wie wir mit ihnen umgehen», sagt Poya, der die deutsche Staatsangehörigkeit angenommen hat. «Wenn ein Minarett gebaut wird, verliert man nichts. Im Gegenteil: Die westliche Kultur wird bereichert.» Kultur ohne Vielfalt sei öde und langweilig.

Gegen religiöse Dogmen

Poya ist sich der Tatsache bewusst, dass sich die Diskurse auch innerhalb der muslimischen Welt in den letzten Jahrzehnten stark verändert haben. Bis in die 1970er-Jahre seien religiöse Reform, wirtschaftliche und technische Modernisierung, Freiheit und Gerechtigkeit zentrale Themen gewesen. In den letzten vier Jahrzehnten habe sich dann ein Denken ausgebreitet, das das Heil im Fanatismus suche.

Auch dessen neuste Ausprägung, verkörpert durch die Krieger des Islamischen Staats (IS), kranke daran, seine eigenen Vorstellungen zu verabsolutieren. Doch Poya betont: «Der Krieg hat seine eigene Logik. Mit Religion allein kann man das nicht erklären.» Hinter Phänomenen wie den Taliban oder IS steckten auch wirtschaftliche, soziale und globale Faktoren. Folglich müsse man auch bei diesen Faktoren ansetzen, um Lösungen zu finden.

Seinen Studierenden in Zürich will Poya während seiner einsemestrigen Gastprofessur den Islam als facettenreiche und dynamische Religion vermitteln. Er sieht die Studierenden als gesellschaftliche Multiplikatoren, um eine Haltung zu verbreiten, die durchaus auch in der islamischen Tradition verwurzelt sei: «Theologische Standpunkte nicht als Dogmen verstehen, sondern stets kontextualisieren.» Oder, um es mit einem geflügelten Wort der Koran-Auslegung zu sagen: «Die Gründe des Herabkommens der Verse muss man kennen.»