Nach dem zweithöchsten deutschen WM-Sieg und dem bisher klarsten Erfolg in einem WM-Halbfinale überhaupt haben wohl viele Zürcherinnen und Zürcher damit gerechnet, dass die über 80 000 deutschen Staatsbürgerinnen und Staatsbürger im Kanton in der Nacht auf gestern Mittwoch – zumindest ein wenig – die «Sau rauslassen». Doch Fehlanzeige. Einzig auf der Langstrasse und in einigen Zürcher Public Viewings herrschte Jubel, Trubel, Heiterkeit. Ansonsten war es vielerorts geradezu erschreckend ruhig. Laut der Stadtpolizei Zürich wurde in der Nacht auf gestern keine einzige Lärmklage registriert, die man auf deutsche Fussballfans hätte zurückführen können. Ist das vor allem dem späten Spielbeginn geschuldet? Und der Tatsache, dass auch viele Deutsche am anderen Tag wieder rechtzeitig zur Arbeit erscheinen mussten?

«Jubeln verboten»

«Sicher auch, aber nicht nur», sagt Michael Engler, der vor zwei Jahren in der Stadt Zürich eine Selbsthilfegruppe für Deutsche gegründet hat, die unter dem Verhalten vorurteilsbeladener Schweizer leiden. «Wir Deutschen wollen hier halt einfach nicht auffallen.» Und das habe seinen Grund, meint Engler. Es sei zwar nicht mehr so schlimm wie in früheren Jahren: «Und dennoch missgönnen uns auch heute noch so manche Schweizer die Siege der deutschen Nationalelf.» Noch immer würden die Deutschen von vielen hierzulande pauschal als arrogant und laut bezeichnet, sagt Engler. Vor diesem Hintergrund heisse deshalb für viele Deutsche im Kanton Zürich die Devise nach wie vor: «Jubeln verboten.»

In den aktuellen Blogs der Zürcher Tageszeitungen sind insbesondere im Zusammenhang mit den Erfolgen der Deutschen bei der Fussball-WM tatsächlich auch heute noch viele Ressentiments stark spürbar. Wobei der nachfolgende Eintrag eines «Eidgenossen» immerhin noch die sportliche Leistung anerkennt: «Ich bin ja nicht ein Fan von Deutschland, aber: Ich gratuliere Deutschland, ihr habt es verdient.»

Für den Zürcher Professor und Sozialpsychologen Christian Fichter hat es zwar Tradition, dass viele Deutsche ihre Freude nicht genau so zeigen können, wie beispielsweise Menschen in südlichen Ländern. Doch auch ihm fiel als Stadtzürcher Bewohner in einem «Quartier mit vielen Deutschen» auf, wie «ungewöhnlich ruhig» es bis heute nach den bisher gewonnenen Spielen der Deutschen war. «Die Zurückhaltung könnte ein Zeichen von Überanpassung sein», analysiert Fichter. Dahinter stecke «sicher die Angst vor Gehässigkeiten der Schweizer». Und: «Schade, denn man darf und soll sich freuen, wenn die eigene Mannschaft gewinnt.»

Schweizer feiern mit

Dieser Meinung ist auch Michael Gniffke vom «Deutschen Haus» in Zürich, einem Verein der Deutschen in der Schweiz. Im Unterschied zu anderen Einschätzungen kommt er aber zum Schluss, dass das Verhältnis der Schweizer zu den Deutschen heute «deutlich entspannter ist als auch schon». So sehe er beispielsweise auch immer wieder viele Schweizer mit den Deutschen mitfeiern. «Manche Schweizer tragen gar das Trikot der deutschen Nationalmannschaft», sagt Gniffke. Die Deutschen seien vielleicht nicht immer hörbar, aber dafür sichtbar. «Es gibt viele, die mit deutschen Flaggen an ihren Autos Flagge zeigen, nicht selten kombiniert mit einer Schweizer Fahne.» Gniffke ist überzeugt, dass Sport verbindet. «Denn mit der Begeisterung für den Sport wird alles andere immer mehr in den Hintergrund treten.»