Hells Angels
Der Dichter spendete den Hells Angels das Flugticket

40 Jahre in der Schweiz: Wie eine Gruppe Halbstarker mithilfe Friedrich Dürrenmatts den ersten Klub-Ableger gründete.

Christian Bütikofer
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Keystone

Martin «Tino» Schippert war schon zu Lebzeiten eine Legende, eine stadtbekannte Figur, der Zürcher James Dean. Während der 68er-Bewegung gehörte er zu den Halbstarken, den Rockern mit ihren Töffs. Während die 1968er heute immer mehr Geschichte werden, schuf sich der behütete Zürichberg-Sohn und «Füdlibürger»-Schreck «Tino» ein Denkmal, das anhält: Er gründete die Schweizer Hells Angels, den ersten Ableger dieses amerikanischen Motorrad-Klubs überhaupt in Kontinentaleuropa.

Sommer 1969: «Tinos» Kumpel nennen sich «Hells Angels», ohne Erlaubnis der Amerikaner. Bald erhalten sie Besuch aus den USA. Das führende Hells Angels-Mitglied Cisco Valderrama aus Oakland/Kalifornien macht zur Bedingung, dass die Zürcher in die USA reisen müssen, um dort eine Probezeit zu absolvieren. Erst nach Bestehen dieser Prüfung würden sie offiziell zu Hells Angels.

Anfang der 70er-Jahre wurde «Tino» zum Medienstar. Er pflegte Kontakte zu Pfarrer Ernst Sieber, der der Stadt vorschlägt, die Engel als «Einsatzequipe für Dienstleistungen aller Art» zu verwenden. Davon wollte die Stadt aber nichts wissen.

«Nichts in der Welt ist grösser»

Von Beginn weg machten sich die Hells Angels beliebt als Ordnungshüter an Veranstaltungen und Konzerten. «Tino» wurde in der Kulturszene bekannt, freundete sich auch mit dem Schweizer Schriftsteller Friedrich Dürrenmatt an. Um die Probezeit bei den Amerikanern endlich anzutreten, spendierte der Dichter Geld für den Flug nach New York.

Am 20. Dezember 1970 wurde der Schweizer Ableger ein selbstständiger Klub. Die Euphorie war grenzenlos: «Nichts in der Welt ist grösser als eine Handvoll Typen wie wir HA», meinte «Tino». Die Schweizer hatten damit bei den Hells Angels eine Sonderstellung inne. Sie mussten in Europa andere Gruppen überprüfen, die auch Angels werden wollten.

«Keine motorisierten Pfadfinder»

1971 folgt bereits der erste Knick: Vergewaltigungsvorwürfe werden laut, im Frühling 1972 kommt es zu Prozessen. Sechs Hells Angels werden zu Gefängnisstrafen verurteilt, einer bringt sich in der Zelle um. Der Bezirksrichter ist überzeugt, dass die Hells «keine motorisierten Pfadfinder» sind, sondern Kriminelle.

«Tino» wird der Boden in Zürich zu heiss, er haut mit gefälschtem Pass in den Libanon ab, widmet sich dem «Bewegen von Haschisch». Doch er wird gefasst, verurteilt - und schafft 1973 die Flucht. Er seilt sich wieder in den Libanon ab.

Der 30-Kilo-Drogendeal

In der Beeka-Ebene widmet er sich unter anderem dem Marihuana-Anbau. Später schmuggelt «Tino» mindestens 30 Kilogramm Haschisch per Boot nach Italien und dann in die Schweiz. Hells Angels aus Hamburg, Berlin und Wien hätten die Ware über die Pässe gebracht, in Österreich sei dann alles wieder zusammengekommen.

Nach einem gescheiterten Versuch, abermals Drogen aus dem Libanon zu schmuggeln, reist «Tino» nach Südamerika und stirbt dort 1981 unter mysteriösen Umständen im bolivianischen Dschungel.

Zwei Jahre danach erleiden die Hells Angels 1983 in Deutschland und der Schweiz einen schweren Schlag. Der Innenminister verbietet das Hamburger Charter, deren Mitglieder die Schweizer noch 1973 handverlesen haben.

Das Verbot erfolgt zwei Monate nach einer Razzia, hunderte Polizisten nehmen Hells Angels in Hamburg, Zürich und im Kanton Aargau fest. Sie werden beschuldigt, einen Prostituiertenring aufgezogen zu haben. Die Deutschen wollen die Hells Angels als kriminelle Vereinigung verbieten, was nicht gelingt. Das Charter in Hamburg aber bleibt geschlossen. Auch in der Schweiz werden die Untersuchungen gegen diverse Leute eingestellt. Angesichts des Aufwands der Behörden kommt dies einem Fiasko gleich.

Weltweit die Justiz beschäftigt

«Tinos» Schweizer Anfangszeiten der Hells Angels zeichnen ein Bild, das bis heute gilt: geachtet im Milieu, bekämpft von der Polizei, immer wieder mit dem Gesetz in Konflikt. In Kanada gelten die Hells Angels offiziell als kriminelle Organisation. In den USA, in Deutschland und in der Schweiz ist dies nicht der Fall.

Es gibt keinen Klub, der weltweit so oft die Justiz beschäftigte - die Urteile gegen Klub-Mitglieder dürften die Tausende überschreiten.

Es gibt aber auch keinen Klub, den die Polizei so oft erfolglos schliessen wollte.