Musik
Der bolivianische Professor mit der Panflöte am Zürcher Flughafen

Er gehört zum Flughafen Zürich wie die Check-In-Halle oder die Sicherheitskontrolle: Octavio Ramiro Rivera (55) ist der bekannteste von jenen drei Musikern, die im Flughafen spielen dürfen.

Marius Huber
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Octavio Ramiro Rivera weiss es: «Alle Bolivianer können musizieren.» Heinz Diener

Octavio Ramiro Rivera weiss es: «Alle Bolivianer können musizieren.» Heinz Diener

Eigentlich wollten wir uns ja über Musik unterhalten, aber jetzt sprechen wir stattdessen über diesen verfluchten Berg. Über einen Berg aus massivem Silbererz, 4824 Meter hoch im Herzen Boliviens aufragend wie eine Pyramide.

«Cerro rico» heisst er, der reiche Berg. Aber das ist nur die halbe Wahrheit:

Jahrhundertelang spie er zwar Zehntausende Tonnen an Silbermünzen aus und veränderte damit die Weltwirtschaft, aber im Gegenzug verschlang er in seinen Minen unzählige Menschenleben. Das Geld ging an die Spanier, den Bolivianern blieben die Toten.

Kein Schweizer Unterhaltungsmusiker käme auf die Idee, seine Karriere mit einer solchen Geschichte zu erklären, mit der Erschliessung des Gotthards zum Beispiel.

In einem rohstoffarmen Land wie dem unseren glauben die Leute zwangsläufig, dass sie das Glück in den eigenen Händen halten. Wer hart arbeitet, reüssiert. Aber Octavio Ramiro Rivera weiss, dass es nicht immer und überall so einfach ist.

Seine freundlichen Augen könnten lustig blinzeln, man ahnt es, aber in diesem Moment sind sie von einer tiefen Melancholie umweht.

Sein Blick weicht aus, wandert weit weg, auf der Suche nach irgendetwas, was nicht mehr da ist oder nie da war, während in seinem Rücken die Touristen voller Vorfreude auf die Sommerferien durch die Passerelle des Zürcher Flughafens spazieren.

Seit 25 Jahren im Flughafen

Hier ist sein Arbeitsplatz, seit fast einem Vierteljahrhundert. Rivera ist der Mann mit der Panflöte. Ein etwas unzeitgemässes Unikum.

Wie oft er hier schon die Evergreens «Besame mucho» oder das unvermeidliche «El condor pasa» gespielt hat, weiss der 55-Jährige selbst nicht mehr. Für viele Passanten gehört er irgendwie zum Inventar, obwohl ihn die meisten nur beiläufig wahrnehmen. Nur selten gelingt es ihm hier, jemanden mit seiner Musik zu berühren.

Jetzt erkenne ich diesen Blick wieder. Ich habe ihn genau so schon einmal gesehen, in den Augen des gealterten Fussballgottes Diego Maradona, als ihm der Musiker Manu Chao in einem Film ein Lied vorsang:

«La vida es una tómbola» – «Das Leben ist eine Tombola». Warum sind die Dinge so gekommen, wie sie gekommen sind, und nicht anders? Und was hätte sein können?

Rivera hatte nicht vor, Musiker zu werden, als er in den Achtzigerjahren als junger Mann aus Bolivien in die Schweiz kam. Gerne hätte er ein Restaurant eröffnet, aber die Gesetze standen ihm im Weg.

Die Musik war der am nächsten liegende Ausweg. «Alle Bolivianer können musizieren», begründet Rivera dies ohne einen Anflug von Ironie.

Das liege an den Menschen aus aller Welt, die in der Vergangenheit in die Anden gekommen seien, angelockt vom Berg aus Silber, und die ihre Rhythmen mitgebracht hätten.

Der Reichtum an Bodenschätzen zog einen kulturellen Reichtum nach sich, und beide entfalteten ihre schicksalhafte Eigendynamik. Der erste bestimmte die Geschichte von Riveras Heimat, der zweite seine persönliche Lebensgeschichte.

Der Musiker, Vater von acht Kindern, lebt heute alleine in Oerlikon, wenn er nicht gerade in Bolivien ist. Aber er ist nicht oft zu Hause. Seine Arbeitstage am Flughafen sind lang.

Sie beginnen morgens zwischen sechs und sieben Uhr und enden erst 15 Stunden später, wenn es draussen schon eindunkelt.

Er nimmt es mit Galgenhumor. «Immerhin habe ich hier den ganzen Tag Sonne», sagt er, und deutet nach oben ins fahle Licht der Deckenlampen. «Und es regnet nicht – höchstens Geld.»

Wobei: Zurzeit läuft das Geschäft nicht nach Wunsch. Seine CDs verkaufen sich nicht mehr so gut wie früher. Die Krise im Musikgeschäft hat auch die Flughafenpasserelle erreicht.

Alles andere als oberflächlich

Es gibt Leute, die Riveras Musik für Kitsch halten. Aber von der Musik auf den Mann zu schliessen, wäre ein Fehler.

Der Panflötenspieler ist alles andere als oberflächlich. Das erfahren all jene, die sich in der Passerelle auf ein Gespräch mit ihm einlassen.

Er hat einst an der Universität Ökonomie und Geschichte studiert, und noch heute philosophiert er engagiert über den Lauf der Welt. Mit Leuten aus der Chefetage genauso wie mit solchen aus der Putzequipe.

Und wenn es nur für ein paar Minuten ist – für mehr reicht die Zeit in dieser Durchgangszone einer globalisierten Welt ohnehin nicht.

«Mich beschäftigt, warum manche Länder den anderen überlegen sind, obwohl sie ein schlechteres Klima und weniger ergiebige Böden haben», sagt er.

Warum zum Beispiel die Schweiz so viel produktiver ist als Bolivien. Sein Blick ist jetzt ganz da, in der Gegenwart, während er mögliche Gründe erörtert.

Die Andentracht, die er trägt, wirkt plötzlich wie eine Verkleidung, unter der die professorale Aura eines Intellektuellen durchschimmert.

Rivera will aber kein Theoretiker sein, der mit dem Schicksal hadert. Er habe mehrere Projekte am Laufen, sagt er. Sein Ziel ist es, in absehbarer Zukunft zurückzukehren nach Bolivien und seine Landsleute dort von den Erfahrungen profitieren zu lassen, die er in der Schweiz gemacht hat.

Er möchte eine landwirtschaftliche Kooperative aufbauen, um den Bauern zu helfen. Und eine Art «grüne Armee» aufbauen, die sich für die Wiederaufforstung einsetzt.

«Eigentlich wollten wir ja über die Musik sprechen», sagt er irgendwann, fast entschuldigend. Nicht so schlimm. Denn eines ist ohnehin klar: Wenn «El condor pasa» das nächste Mal durch die Flughafenpasserelle schwebt, werde ich mit ganz anderen Ohren hinhören.