Doch, er wirkte grimmiger als in anderen Jahren. Der Böögg, der gestern am frühen Nachmittag über den für ihn neu gestalteten Platz blickte, schaute nicht besonders fröhlich drein. Angesichts seiner bevorstehenden Verbrennung mag man ihm das verzeihen. Trotzdem, nach tagelanger Einweihungsfeier hätte man einen besser gelaunten Schneemann erwartet.

Andererseits stand der arme Kerl stundenlang im Dauerregen, was seine Laune nicht gerade besserte. Der Stimmung unter den Zoiftern vermochte das miese Wetter allerdings nichts anzuhaben. Im Gegenteil, in den Hitzejahren leiden sie unter ihren Kostümen und Perücken besonders. Einzig manch ein Musiker fluchte innerlich über die Nässe, die sein Instrument schräg ertönen liess.

«Höchste Zeit, dass Zürich diesen Platz bekommen hat»

Positiv erwähnt gehört der Umstand, dass der Niederschlag bereits vor Beginn des Umzugs nachliess, die Parade selber fand zumindest bis nach 17 Uhr im Trockenen statt. Die Befürchtung, die Zuschauerränge würden leer bleiben, bewahrheitete sich also nicht. Die Route führte traditionsgemäss ans Bellevue, bloss war das nicht mehr dasselbe. Gefällt er denn den Kostümierten, der neue Sechseläutenplatz? «Es ist höchste Zeit gewesen, dass eine Stadt wie Zürich diesen Platz bekommen hat», gibt ein Zunftmitglied kurz zu Protokoll, und marschiert gleich weiter.

Der neue Platz, auf dem die Exekution des Bööggs stattfand, war nicht die einzige Premiere am gestrigen Zoifterfest. Der Hafenkran am Limmatquai löste trotz der Kontroversen um das Kunstprojekt im Vorfeld mehrheitlich positive Gefühle aus – nicht zuletzt bei der Zunft Schiffleuten, die wie keine andere mit dem Wasser verbunden ist. Ihre Burschen warfen die Weissfische dieses Jahr mit besonderem Elan in die angeekelte Menge. Einmal mehr bestand die Herausforderung darin, den in eines der offenen Fenster zu treffen.

Wie üblich waren nicht alle Zünfte am Ziel, als Punkt 18 Uhr unter den Augen des höchsten Vertreters des Gastkantons, Landammann Paul Federer aus Obwalden, der Holzstoss in Brand gesetzt wurde. Der mit Sprengstoff gefüllte Schneemann fing trotz des durchnässten Holzes nach 5 Minuten Feuer, nach 6 Minuten stand er lichterloh in Flammen. Irgendwann nach 9 Minuten fiel dann etwas unmotiviert der Kopf ab, der grosse Knall blieb aber aus. Fortan stand der Böögg nur noch als Holzstab da, was die Regie des Schweizer Fernsehens dazu veranlasste, den grossen Knall auf 7 Minuten 23 Sekunden rückzudatieren. Unspektakulär, aber einen schönen Sommer versprechend.

André Blattmann, Chef der Schweizer Armee.

André Blattmann, Chef der Schweizer Armee.

Wieder einmal am Umzug dabei war übrigens die Frauenzunft respektive die Gesellschaft zu Fraumünster, wie sie korrekt heisst. Verantwortlich dafür ist die Gesellschaft zur Constaffel, in der sich der alte Zürcher Adel zusammenfindet. Sie lud zur Verwunderung der Zünfte die gesamte Schwestergesellschaft als Gäste ein – ein Manöver, das Züge eines Rudolf-Brun’schen Staatsstreichs hatte. Der einstige Zürcher Bürgermeister und Erfinder der Zunftverfassung stammte selber aus dem Adel, seine Familie stand im Dienst der Abtei Fraumünster, auf die sich die Frauenzunft bezieht.

Damit ist die Frauenfrage zwar noch nicht gelöst, bei der Fraumünstergesellschaft nimmt man die Unsicherheit nach 25 Jahren aber gelassen. Sie nehme es, wie es komme, sagte Vorsteherin Regula Zweifel.