Dietikon

Der Biobauer blickt im Zorn auf die Politik zurück

Elf Jahre lang vertrat Biobauer Samuel Spahn die Grünen im Parlament.

Elf Jahre lang vertrat Biobauer Samuel Spahn die Grünen im Parlament.

Samuel Spahn tritt frustriert aus dem Gemeinderat zurück. Über zehn Jahre war der Biobauer im Stadtparlament - von den Ratskollegen kommen positive Rückmeldungen zu seiner Person. Mit gewissen Aussagen eckte Spahn aber auch an.

Er fand wenig versöhnliche Worte bei seiner Schlussrede — weder für den Ratsbetrieb noch für sich selber: Als Schmalspurpolitiker bezeichnete sich Samuel Spahn (Grüne) in seinem allerletzten Votum im Gemeinderat, an der er sich «schon fast zusammenreissen müsse, um etwas zu sagen». Nach über einem Jahrzehnt im Dietiker Stadtparlament ist «dieser Blick auf die vergangenen Jahre nicht nostalgisch, sondern vielmehr ein Blick zurück im Zorn», sagte Spahn. Er habe seinen eigenen Ansprüchen oft nicht genügen können, weil er mit einem arbeitsintensiven Alltag oft nicht die Zeit oder die Energie habe aufbringen können, um sich gebührend mit der Politik zu befassen.

Der Frust des Grünen-Politikers, der 2004 in den Gemeinderat nachrückte, gründet aber auch im Parlamentsbetrieb selbst. Dieser sei nicht darauf ausgelegt, «in einer offenen Debatte die besseren Argumente zählen zu lassen». Stattdessen werde «allzu oft» in Fraktionsdisziplin abgestimmt. «Da nehme ich die linke Ratsseite nicht aus», sagte Spahn. Es scheine, als ob dem politischen Gegner aus Prinzip nicht recht gegeben werde, egal wie die Argumente liegen. «Konstruktiv sein und sachlich ist jedenfalls etwas anderes.»

Vehement, aber anständig

Den doch sehr frustrierten Grundtenor seiner Abschiedsrede erstaunt Ratskollegen wie etwa Sven Johannsen. Er habe, so der GLP-Politiker, Samuel Spahn im Rat, aber auch in der Geschäftsprüfungskommission «als relativ ausgeglichen und konstruktiv erlebt». Karin Dopler (SVP) empfand Spahn als sehr angenehme Person. «Er hat seine Meinung direkt und vehement vertreten, blieb dabei aber immer anständig.» Langjährige Beobachter der Dietiker Lokalpolitik attestieren dem 61-Jährigen, dass er zwar emotional, aber nie unüberlegt argumentiert habe. Mit markigen Voten tat sich der Biobauer im Parlamentsbetrieb hervor, nannte etwa die Streichung der Wintermantelzulage, die letztlich an der Urne scheiterte, einen «kolossalen Verhältnisblödsinn» oder sprach der Stadtregierung im Zusammenhang mit dem Verkauf des «Alten Bären» jegliches Wissen ab, «was eine lebendige und gedeihende Zivilgesellschaft ausmacht.»

Mit seiner hemdsärmeligen und oft angriffigen Art mauserte sich der Biobauer in den letzten Jahren zu einem der prägenden Köpfe und zum Aushängeschild der Grünen im Bezirk. Dazu trug wohl bei, dass er sich auch ausserhalb des Rates gerne und oft zu Wort meldete. In Leserbriefen zum WEF in Davos oder zur Limmattalbahn nahm er ebenfalls kein Blatt vor den Mund — und eckte damit auch immer wieder an. Etwa, als er die Argumente gegen den Bau der Limmattalbahn als «Schwachsinn» betitelte, und ehemaligen Stadträten, die sich auf die Gegnerseite schlugen, «ein Armutszeugnis ersten Ranges» ausstellte. An seine Forderung nach mehr Sachpolitik hielt sich Spahn in den letzten Jahren selbst nicht immer.

Umwelt und sozialer Ausgleich

Als einer der ersten Landwirte im Kanton Zürich wandelte Spahn seinen Hof in den 1980er-Jahren in einen Bio-Betrieb um. In den gleichen Zeitraum fällt sein Beitritt in die Grüne Partei Dietikon. Im Gemeinderat engagierte er sich für Anliegen, die ihm als Bio-Landwirt am Herzen lagen und ihn teilweise direkt betrafen: Natur- und Landschaftsschutz, Biodiversität oder Naherholungsgebiete. Doch auch für den sozialen Ausgleich setzte sich Spahn im Rat ein. Ihm sei der Gerechtigkeitsgedanke quasi eingeimpft worden, sagte er beim Antritt zum Gemeinderatspräsidenten im Jahr 2008 im Gespräch mit der Limmattaler Zeitung.

Im gleichen Gespräch äusserte er sich zu den Einflussmöglichkeiten eines einzelnen Gemeinderats. In Sachen Bau- und Zonenordnung etwa sei vieles möglich, gerade wenn es um die Einführung neuer Umweltstandards gehe. Auch bei Naherholungsgebieten und Lebensqualität sah Spahn damals «viele Möglichkeiten». Dass diese Möglichkeiten in einem bürgerlich dominierten Parlament für einen Grünen Politiker trotzdem sehr beschränkt sind, dürfte wohl auch ein Grund gewesen sein für seinen frustrierten Abgang.

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