Letzigrund
Der Baukonzern bleibt auf den Letzigrund-Mehrkosten sitzen

Streit Statt 100 Millionen kostete der Neubau des Zürcher Leichtathletik-Stadion rund einen Viertel mehr: Implenia machte die Stadt dafür verantwortlich – das Gericht sieht es anders.

Oliver Graf
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Sinnbild eines Streites: Massive Stahlträger stützten 2010 das Dach, als sich Stadt und Implenia öffentlich über die Existenz von Baumängeln stritten. Keystone (Archivbild)

Sinnbild eines Streites: Massive Stahlträger stützten 2010 das Dach, als sich Stadt und Implenia öffentlich über die Existenz von Baumängeln stritten. Keystone (Archivbild)

KEYSTONE

Im neuen Letzigrund rollt der Ball inzwischen seit acht Jahren – doch hinter den Kulissen wird noch immer über den Bau und dessen Kosten gestritten. «Wir können nicht nachvollziehen, warum unsere geleistete Arbeit nicht entlöhnt wird», sagt Implenia-Mediensprecher Philipp Bircher.

Der Baukonzern, der als Totalunternehmer den «Letzi» im Hinblick auf die Euro 08 in Rekordzeit realisierte, hat nun aber vor dem Bezirksgericht Zürich eine Schlappe erlitten, wie aus einem gestern veröffentlichten Urteil hervorgeht. Er bleibt auf 22,9 Millionen Franken sitzen, die er als «Mehrkosten» von der Stadt einfordern wollte.

Die Stadt hatte das Stadion nach einer Ausschreibung für etwas weniger als 100 Millionen bei Implenia bestellt. Der Bau wurde rund einen Viertel teurer als gedacht. Implenia macht dafür die Stadt Zürich verantwortlich. Diese habe etwa den Bauablauf gestört, indem sie «1392 Mal bereits freigegebene Ausführungspläne widerrufen und durch neue Versionen ersetzt» hätten. Der Umstand, dass «offen und verdeckt immer weitere zusätzliche Leistungen verlangt» worden seien, habe zu Verzögerungen geführt, die mit einem grösseren – und damit teureren – Personaleinsatz hätten wettgemacht werden müssen, brachten die Implenia-Anwälte vor.

36 Türen weniger, 65 Türen mehr

Die 100-Millionen-Offerte sei auf Grund der Angaben der Ausschreibung erfolgt, führten sie weiter aus. Wenn danach Änderungswünsche das Projekt verteuert hätten, müsse dafür die Stadt aufkommen.

Laut Implenia soll die Stadt anfänglich beispielsweise 424 Türen vorgesehen haben. Davon seien im Verlaufe der Projektierung und des Baus 36 abbestellt, 65 neu bestellt worden, alle in einer anderen Ausführung und mit einem anderen Türmanagement-System als geplant. Das soll 624 000 Franken mehr gekostet haben. Auch wegen zusätzlichen Garderobenhaken, einem anderen WLAN-System und weiteren Details kommt Implenia so auf einen Mehrbetrag von 22,9 Millionen Franken.

Die Stadt Zürich hatte sich hingegen auf den Standpunkt gestellt, dass die Nachforderungen «völlig unsachlich» sind: Implenia sei als Totalunternehmer für Bau und Planung verantwortlich. Die Stadt bestritt, dass sie die fast 1400 vorgeworfenen Anpassungen beantragt hatte. Sollte die Architektin nach Abschluss des Totalunternehmer-Vertrages Änderungsvorschläge unterbreitet haben, so habe sie dies «als Beauftragte der Implenia» getan. Wenn der Baukonzern deren Vorschläge als Verlangen, als Forderung entgegengenommen habe, so bedeute dies «höchstens, dass die Implenia ihrer Position als Auftraggeberin nicht gewachsen gewesen wäre», wird die Argumentation der Stadt im 219 Seiten umfassenden Urteil wiedergegeben.

Das Bezirksgericht stützt die Position der Stadt: Grundsätzlich trage der Generalunternehmer, der ja auch die Gewinn-Möglichkeit hat, das Planungsrisiko: Der Unternehmer, schreiben die Bezirksrichter, werde davon ausgehen, allfällige Mehrkosten im Rahmen einer Planungsoptimierung wieder herauszuholen. Natürlich könnten Mehrkosten, die sich aus Projektänderungen ergeben, auch dem Besteller übertragen werden. Gemäss des geltenden Vertrages hätte sich der Baukonzern diese Änderungen aber vor der Ausführung durch die Stadt genehmigen lassen müssen. Diese Zustimmung lag für das Bezirksgericht in den meisten Fällen aber nicht vor, weshalb es die finanziellen Forderungen abwies. Von der 22,9-Millionen-Forderung hiess es lediglich 340 000 Franken gut.

Einer von mehreren Streitfällen

Das Urteil ist noch nicht rechtskräftig. Ob der Baukonzern Implenia vor Obergericht ziehen wird, ist offen. Das Gericht sei gar nicht auf die Argumente der Implenia eingetreten, kritisiert Sprecher Philipp Bircher. Der Baukonzern werde das für ihn «nicht nachvollziehbare Urteil» nun genau analysieren. Bei der Stadt Zürich zeigt man sich erfreut über das Urteil: Damit seien die Rahmenbedingungen klar, sagt Matthias Wyssmann, Mediensprecher des Zürcher Hochbaudepartements. «Das Urteil erlaubt es uns, weiterhin grosse Bauvorhaben mit Total- oder Generalunternehmen zu realisieren.» Einem allfälligen Weiterzug blickt die Stadt gelassen entgegen: «Das Urteil ist aus unserer Sicht derart klar.»

Stadt und Implenia sind sich in weiteren Fällen uneins. Implenia wehrt sich gerichtlich gegen «ungerechtfertigte Mängelrügen der Stadt». Der Konzern prozessiert auch, weil die Stadt wegen angeblicher Baumängel rund um die «Stützen-Affäre» im Jahr 2010 zwölf Millionen Franken eingezogen hat, die für allfällige Garantieleistungen zurückgelegt waren. Ein Streit um das Hardau-Parkaus, indirekt mit dem Stadion verknüpft, ist vor Bundesgericht hängig. Und wie gestern bekannt wurde, ist die Stadt nun an den Friedensrichter gelangt; sie will einen Wasserschaden am Letzi-Dach festgestellt haben, der einen Schaden von zehn Millionen Franken verursachen könnte.